Ist eigentlich Dicken gegenüber alles erlaubt? Für die Macher des Fernsehprogramms Liebling, wir bringen die Kinder um offenbar schon. Per kriminaltechnische Phantombilderstellung werden in dieser mehrteiligen Doku-Soap die Porträts allzu draller Kinder in die Zukunft hochgerechnet, falls sie so weiterfuttern. Das Ergebnis müssen sich die eingeschüchterten Eltern in einer Art Verhörkeller anschauen. Jahrzehnt für Jahrzehnt drastischer schwellen ihre Söhne oder Töchter zu abstoßenden Wesen an, die aussehen wie Neandertaler nach Cortisonbehandlung. BILD

Zwar versichert die gestrenge Moderatorin Alexa Iwan scheinheilig, den armen Kleinen selbst würden diese Bilder nicht gezeigt. Mehr als zwei Millionen Zuschauern aber schon. Die dürfen sich außerdem an nicht enden wollenden Kamerafahrten über Fettfalten und -röllchen weiden, an Süßigkeitengier und Tollpatschigkeit. Das Publikum soll dann glauben, dass Experteninvasionen nach Art der Supernanny mit Kochrezepten, Gruppendynamik und Fitness-Tipps schon einen nachhaltigen Anstoß zum Abnehmen auslösen.

Nicht nur bei RTL2 sind stämmige Jungen und Mädchen zum Abschuss freigegeben. Auch von anderen Medien erhalten Kinderärzte Anfragen, ob sie aus ihrer Praxis bitte extrafette Exemplare zum Interview vermitteln könnten.

Besonders seit vor zwei Jahren die damalige grüne Ernährungsministerin Renate Künast verkündete, Deutschlands Kinder seien zu dick, beherrscht das Thema die öffentliche Diskussion. Nun leben unter uns nicht mehr Moppel, Pummel oder Wonneproppen, sondern kleine Monster, die laut Zeitungsberichten »immer fetter und fauler werden« und unser Gesundheitssystem ruinieren. Dabei sind wenige Erkenntnisse über Fettleibigkeit so unumstritten wie diese: Übergewichtige leiden, ob Kinder oder Erwachsene, bis zur Depressivität unter Hänseleien, Gemeinheiten und Ausgrenzung. Sie futtern ihren Kummer dann erst recht in sich hinein. Es ist, als wollte man gerade – ausgerechnet! – an den Kindern das Exempel gegen den Normenbruch einer schlankheitsbesessenen Gesellschaft statuieren, in der der Körper kein Zuhause ist, sondern »Statussymbol«, wie es im stern heißt, oder, so Künast während ihrer Kampagne, »unser Kapital«.

Nicht dass es kein Problem gäbe. Überall in der Welt nimmt Fettleibigkeit zu, wo sich der westliche Lebensstil durchsetzt. Selbst aus indischen Zeitschriften schauen neuerdings kugelrunde Sprösslinge unter der Überschrift heraus: »Fett sein ist kein Spaß«. Wer zu dick ist, riskiert langfristig Erkrankungen des Rückens und der Gelenke, Störungen des Stoffwechsels und Bluthochdruck, und er überlastet sein Herz. Altersdiabetes und Fettleber treten in Deutschland bei Kindern und Jugendlichen noch äußerst selten auf, anders als in den USA. Indes sind das »Faktoren, die wir vor 20 Jahren bei Kindern noch überhaupt nicht kannten«, sagt der pädiatrische Endokrinologe Martin Wabitsch von der Universitätskinderklinik in Ulm.

Bei vielen Kindern schwankt das Körpergewicht allerdings je nach Entwicklungs-, Hormon- und Seelenlage, und ob das schädlich ist, kann bislang niemand wirklich beantworten. Auch die scheinbare Binsenweisheit, dass aus dicken Kindern dicke Erwachsene würden, sei nur in wenigen internationalen Studien und nur für einen harten Kern Adipöser belegt, sagt die Epidemiologin am Robert Koch-Institut Bärbel-Maria Kurth. Bei vielen anderen Tönnchen, die mit acht oder 13 Jahren zu viele Kilos auf die Waage bringen, weiß niemand, ob sie das zwei Jahre später auch noch tun. Schließlich gehen Kinder nicht nur in die Breite, sondern auch in die Höhe.

Und auch sonst herrschen bei diesem Thema mehr Unklarheiten und Widersprüche, als es die Medien nahe legen. Warum, kritisiert etwa Helga Theunert vom medienpädagogischen Institut JFF in München, frage kaum jemand, welche Wohn- und Lebensbedingungen Kinder zum vielen Fernsehen und Futtern trieben; warum fehlten ihnen Antriebe und Anstöße für andere Beschäftigungen? Oder warum, fragt Anja Kroke vom Dortmunder Forschungsinstitut für Kinderernährung (FKE), stürzten sich alle bloß auf die zu runden Kinder, obwohl sich, wie ihre Studien zeigen, »normalgewichtige« keineswegs immer gesünder ernähren?

Der große Fürsorglichkeits-Angriff auf die kleinen Dicken gründete ja nicht einmal auf seriösen Zahlen. Renate Künast jedenfalls musste von über 40 Prozent übergewichtigen Kindern auf zehn bis 18 Prozent zurückrudern. Gewissheit und Differenzierung bringt erst jetzt der Kinder- und Jugendsurvey des Robert Koch-Instituts (RKI). Über drei Jahre lang hat das RKI rund 18000 Kinder und Jugendliche zwischen null und 18 Jahren untersucht. Die Ergebnisse belegen, was viele vermutet haben: dass gerade für diejenigen Kinder am wenigsten getan wird, die es am nötigsten haben. Die Daten bieten, so die Leiterin der Studie, Bärbel-Maria Kurth, »entscheidende Hinweise für eine gezieltere Prävention«.

Unumstritten ist allerdings auch die Messlatte des Surveys nicht, der so genannte Body Mass Index (BMI), weil er zwischen Fett und Muskelmasse keinen Unterschied macht; als dick gelten auch Kinder, die nicht schwabbelig, sondern stramm sind. Außerdem ist die Definition, von welchem BMI-Wert an das Übergewicht beginnt, wann es sich gar zur bedenklichen Adipositas auswächst, rein statistisch festgelegt: Da wurde auf der Grundlage eines Daten-Flickenteppichs aus den achtziger Jahren die typische Gewichtsverteilung jeder Altersgruppe ermittelt und dann die Linie zum Übergewicht bei den oberen zehn Prozent gezogen; die oberen drei Prozent gelten als adipös.

Im Vergleich mit diesen Werten ist nun immerhin der Trend erkennbar, und der geht tatsächlich nach oben: Laut Studie ist der BMI heute bei 14,6 Prozent aller Kinder zu hoch. Bärbel-Maria Kurth warnt zwar davor, »jetzt jedes übergewichtige Kind gleich zum Abspecken zu treiben, das man früher durchaus akzeptiert hat. Denn besteht nicht die Gefahr, dass man neurotisiert und Essstörungen erzeugt?« Aber bedenklich findet sie, was sich bei den im Wortsinn schwerwiegenden Betroffenen tut. Die Zahl der sehr dicken Kinder nämlich hat sich von drei auf sechs Prozent verdoppelt und ist bei den 14- bis 17-Jährigen sogar auf acht Prozent gestiegen: »Das ist eine deutliche Verschlimmerung.« Der Blick ins Detail zeigt dann die größten Risiken und die am meisten gefährdeten Gruppen. BILD

Die Übergewichtskurve beginnt just mit dem Zeitpunkt der Einschulung, mit sechs Jahren, zu steigen; vielleicht weil nicht nur das Fernsehen, sondern auch der Unterricht ohne Bewegungsfreiheit organisiert ist und zweimal Schulsport in der Woche alles andere als ausreichend? Eine zweite Auffälligkeit findet sich im Alter von zwölf Jahren, besonders bei Mädchen. Hinter der hohen Zahl von 20 Prozent Übergewichtigen in dieser Gruppe steckt ein Problem der Referenzdaten: Vor 20 Jahren trat die Pubertät später als heute ein; man vergleicht also Mädchen mit – fast schon – jungen Frauen. Aber ist auch ein geschlechtsspezifisches Verhältnis zu Körper und Essen schuld?

Die deutlichsten Ausschläge jedoch zeigen sich, wenn man die Daten des RKI nach sozialen Aspekten auswertet. Kinder mit Migrationshintergrund etwa sind mit – je nach Altersgruppe – 19 bis 24 Prozent ungleich öfter als einheimische Kinder übergewichtig; bei der Adipositas liegt der Anteil mit rund zehn Prozent ebenfalls deutlich höher. Und auch Kinder aus Unterschichtfamilien sind häufiger zu dick: Bei den 14- bis 17-Jährigen etwa stehen 24,5 Prozent, also fast einem Viertel der ärmeren Kinder nur 11,3 Prozent aus betuchteren Familien gegenüber. Übergewicht ist weitgehend ein Armutsproblem. BILD

Bei den Migranten gebe es auch kulturelle Unterschiede bei der Bewertung des Dickseins, sagt die Ernährungswissenschaftlerin Ayla Gediz von der Deutsch-Türkischen Gesundheitsstiftung. So würden in manchen türkischen Familien vor allem kleinere Kinder noch immer als besonders gesund angesehen, wenn sie schön rund seien.

»Aber das größte Manko sind Unwissen und Uninformiertheit«, sagt Gediz, und die geringe Bildung ist wiederum eine Folge von Armut. Parallelen zur Pisa-Debatte drängen sich auf. Auch da diskutierte die Mittelschicht vor allem fehlende Leistungsspitzen und übersah zunächst die dramatischen Probleme in den Hauptschulen. Nur vereinzelte Forschungsvorhaben widmen sich der gezielten Prävention für die unteren sozialen Schichten; bisher werde, sagt Gediz, »für die Bedürftigsten am wenigsten getan«.

Das macht auch Thomas Reinehr Sorgen. Der Mediziner an der Vestischen Kinder- und Jugendklinik in Datteln und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kinder- und Jugendalter rät nämlich allen Eltern, die unsicher sind, ob ihr Kind zu schwer ist, den Arzt aufzusuchen, um Risiken für Folgeerkrankungen auszuschließen. Reinehr hat für adipöse Kinder ein erfolgreiches Rundum-Therapieprogramm namens »Obeldicks« mitentwickelt, das nicht schnelles Abspecken erreichen will, sondern eine schrittweise, langfristige Änderung der Essgewohnheiten. Über zwölf Monate lernen die Jungen und Mädchen spielerisch, ihre Ess- und Trinkrituale besser wahrzunehmen und die Wertigkeit von Lebensmitteln einzuordnen. Sie kochen selbst, und Bewegungskurse, die nicht auf Leistung, sondern auf Selbstbestimmung, Sinnlichkeit und Spaß setzen, bauen ihr verletztes Selbstbewusstsein wieder auf. Die Eltern, manchmal auch Großeltern werden einbezogen; Psychologen gehen auf mögliche seelische Ursachen ein. Obeldicks wurde vom nordrhein-westfälischen Gesundheitsministerium ausgezeichnet.

Dennoch ist Reinehr eher skeptisch, was die Behandlungserfolge betrifft. Denn solche Therapien setzen Durchhaltevermögen und damit höchste Motivation voraus und erreichen fast nur Mittelstandsfamilien. Oft sind die Rückfallquoten relativ hoch, und auch alle Vorbeugung sei weitgehend gescheitert. »Das müssen wir Ärzte uns eingestehen«, sagt Reinehr, »die Zahlen gehen trotz aller Aufklärung über Ernährung und Fitness weiter nach oben.« Es gebe kein Patentrezept, in einem umfassenden Diskussionsprozess müsse nach neuen Antworten gesucht werden. BILD

Die Entstehung von Übergewicht sei eine hochkomplexe Angelegenheit, bekräftigt der Kieler Professor für Humanernährung und Lebensmittelkunde Manfred Müller, bei der Vererbung und biologische Regelkreise ebenso eine Rolle spielten wie psychologische Faktoren: »Wie autonom bin ich? Wie groß ist mein Vertrauen in die Zukunft? Wie fatalistisch sehe ich meine Gesundheit, oder traue ich mir zu, dass ich selbst etwas tun kann?« Wenn sich Therapie und Prävention allein auf das »Paradigma der Energiebilanz«, sprich: viel essen bei wenig Bewegung, konzentriere, dann scheitere das an den realen Lebensbedingungen: »Was nützt es, wenn ich aus der Arztpraxis komme, und da steht gleich die nächste Currywurstbude? Wenn die Gesellschaft Gewinn, Konsum und Lebensfreude belobigt, aber nicht Anstrengung und Verzicht?«

»Die Experten sind Teil des Problems, wenn sie auf etablierten Erklärungsansätzen bestehen, die aber in der Praxis nicht weiterhelfen«, schreiben daher Müller und Reinehr in einem gemeinsamen Aufsatz und plädieren, sich stärker auf »Verhältnisprävention« zu konzentrieren und für andere politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu streiten.

Auch wenn viele sich fragen, warum sich Gesundheits- und Ernährungsministerium bei diesem Thema Konkurrenz machen: Die Erkenntnis, dass Übergewicht, Fehl- und Mangelernährung »gemeinschaftliche Lösungen« brauchen, hat Renate Künast umzusetzen versucht, und der neue Minister Horst Seehofer scheint diesem Ansatz zu folgen.

So zeichnete jüngst die Plattform Ernährung und Bewegung (peb), die Künast ins Leben rief, Präventionsprojekte gegen Übergewicht und schlechte Ernährung von Hillesheim bis Ludwigsburg aus, die auf koordinierte Vorbeugung in Netzwerken zielen. Da arbeiten etwa Schulen und Naturschutzorganisationen gemeinsam daran, den öffentlichen Raum so zu gestalten, dass Kinder wieder draußen spielen oder zu Fuß in die Schule gehen. Kritisiert wird peb allerdings wegen des Einflusses der Industrie. Neben Medizinern, Ernährungs- und Sportexperten, Eltern und Verbraucherschützern und auf gleicher Ebene wie die Vertreter der Regierung ist darin die gesamte Branche der Kinderverführer vertreten: vom Bundesverband der deutschen Süßwarenindustrie bis zu Firmen wie Coca-Cola, Ferrero oder Intersnack.

Die Unternehmen nutzten die Mitarbeit zu »Imagepflege und Ablasshandel«, kritisiert Barbara Hohl von foodwatch. »Das ist wie bei den Zigaretten: Auch die Tabakindustrie hat gesundheitliche Aufklärung mitfinanziert, um Werbe- und Rauchverbote zu vermeiden.«

Dass das keine Verschwörungstheorie ist, belegt zum Beispiel die Zeitschrift agenda, ein Fachblatt für Pressesprecher. Bei peb, heißt es darin, hätten die Hersteller große Erfolge verbucht mit der Strategie, nicht mit ihren Produkten in die Schusslinie zu geraten. Statt der Schädlichkeit zuckerhaltiger Getränke oder zu fetter Fast-Food-Produkte stünde die Eigenverantwortung von Eltern und Kindern auf der Agenda.

Dabei wäre die To-do-Liste für die Unternehmen lang: Zu süße Säfte, Kekse, Snacks prägen Geschmacksvorlieben in der Kindheit. Vermeintlich gesunde »Kinderlebensmittel«, deren Angebot sich in den letzten Jahren verdreifacht hat, machen oft mit irreführenden Botschaften Werbung. »Fruchtzucker« wird präsentiert, als wäre er etwas Besseres. Mathilde Kersting vom Dortmunder FKE kritisiert rosafarbene Joghurt Gums von Katjes. Darauf stehe »ohne Fett«, aber der Zucker bringe die Kalorienzahl auf die gleiche Höhe wie bei Vollmilch. »Es wäre eine Herausforderung«, sagt Kersting, »entsprechend ausgeklügelte Werbetechniken auch für Lebensmittel wie Obst, Gemüse und Getreideprodukte zu entwickeln.«

Manfred Müller, der dem Expertenbeirat des peb angehört, beschwichtigt aber auch. In der Industrie säßen zwar Geschäftsleute, aber nicht ohne guten Willen. Peb biete die Möglichkeit, gemeinsam über andere Produkte und Vermarktungsstrategien nachzudenken. In seinen Augen greift indes selbst die Anstrengung dieses Runden Tisches zu kurz. Die beste Vorbeugung sieht er – wie die Weltgesundheitsorganisation – in der »Verringerung sozialer Ungleichheit«, vor allem bei der Bildung. Aber, so Müller: »In Deutschland gibt es momentan kein Interesse an einer Diskussion über soziale Unterschiede«.

Vielleicht rührt daher auch die rigorose Abwehr, der hohe moralische Ton bei der Debatte über »Deutschlands dicke Kinder«. Liebling, wir wollen die Armen nicht sehen.

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