IslamDie Terroristen sind unter uns

Wer wollte noch widersprechen, wenn vor der islamischen Gefahr gewarnt wird? Das Leben der Muslime in Deutschland wird schwierig. Dafür gibt es Gründe. von Navid Kermani

Vor Jahren saß ich – damals noch als Student, der für die FAZ schrieb – mit Rudolph Chimelli nachts in einer Hotelbar zusammen, dem großen Reporter der Süddeutschen Zeitung , der seit Jahrzehnten aus dem Nahen Osten berichtet. Wir sprachen über Zukunftsaussichten, über persönliche Pläne, und Chimelli sagte, manchmal überkämen ihn Zweifel, ob er in ein paar Jahren als westlicher Besucher immer noch so unbeschwert über eine arabische Straße gehen könne. Ohne Ziel in den Städten des Nahen und Mittleren Ostens herumzustreifen, die Gastfreundschaft und Höflichkeit jeden Tag neu zu erleben, das sei für ihn das Schönste an seinem Beruf. Er ahne, dass einem westlichen Reporter diese Stunden in der Zukunft vielleicht nicht mehr zuteil würden.

Ich sagte das damals nicht so offen, dazu hatte ich als Jüngerer zu viel Respekt vor Chimelli, aber den Gedanken, dass ein Westler sich in der arabischen Welt, in einem traditionellen Wohnviertel nicht mehr sicher fühlen würde, hielt ich für absurd. Inzwischen fürchte ich, dass Chimelli Recht behalten könnte. Ich fürchte, dass ich meine europäischen Freunde in Zukunft nicht mehr überreden kann und sollte, einfach mal auf eigene Faust einen Nachmittag in der Altstadt von Kairo oder eine Nacht auf dem Meydan al-Fnaa, dem großen, oft besungenen und bezaubernden Platz von Marrakesch zu verbringen, um die gröbsten Vorurteile über die Araber oder die Muslime aus dem Kopf zu kriegen. Ich fürchte, dass sich ihre Vorurteile bestätigen könnten.

Wir, die wir viele Jahre zwischen dem Nahen Osten und Europa gereist sind, in beiden Regionen Freunde haben, die Pracht und den humanen Kern beider Kulturen kennen und versucht haben, mit ihren Berichten das wechselseitige Verständnis zu fördern, stehen vor den Trümmern unserer Argumente. Keine noch so differenzierte Analyse des Islams, keine noch so einfühlsame Reportage über die arabische Welt kommt gegen die Bilder von einem Anschlag in der Londoner U-Bahn an. Wer wollte noch widersprechen, wenn vor der islamischen Gefahr gewarnt wird? Umgekehrt: Die tausend Jahre der europäischen Zivilisation, die dreihundert Jahre der Aufklärung, die sechzig Jahre der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte halten nicht dem Eindruck stand, den die westliche Politik jeden Tag aufs Neue im Nahen Osten erweckt – mit den Kriegen Amerikas, mit der Unterstützung arabischer Diktaturen und der israelischen Besatzung, der offenen wirtschaftlichen Ausbeutung und – davon ist hier selten, aber in der islamischen Welt umso häufiger die Rede – mit den aggressiven Missionierungskampagnen evangelikaler Kirchen. Nicht einmal liberale Intellektuelle widersprechen, wenn im Nahen Osten vor der westlichen Gefahr gewarnt wird.

Ich kenne die Erwartungshaltung der europäischen Öffentlichkeit an uns, die wir den Nahen Osten ganz gut zu kennen meinen. Ich bin auch niemandem böse, der mir als Muslim eine besondere Verpflichtung zuschreibt, zu dem Terror und dem Unrecht im Namen meiner Religion Stellung zu beziehen. Distanzierungen? Ja, die sind schnell gesprochen und kostenlos zu downloaden von den Homepages aller muslimischen Verbände. Das ist ein Ritual, dem ich unbeteiligt zusehe. In dem Augenblick, wo ich mich distanziere, billige ich dem Gegenüber das Recht zu, mich zu verdächtigen. Zu den Aufgaben und Pflichten muslimischer Organisationen gehört es, sich öffentlich zu bekennen, aber wenn ich als Individuum in Europa qua Religion oder Herkunft verdächtig wäre, die Barbarei zu unterstützen, sollte ich mir lieber gleich einen neuen Kontinent suchen, möglichst weit weg vom Weltgeschehen. Viel schwieriger als die Distanzierung ist es, sich und anderen begreiflich zu machen, was die Ursache der religiös motivierten Gewalt ist und was dagegen zu unternehmen wäre.

Ich möchte ein konkretes Beispiel geben für diese Schwierigkeit. Nach dem 11. September 2001 habe ich ein kleines Buch verfasst, in dem ich zu erklären versuchte, warum freundliche junge Menschen ein Flugzeug kapern und sich mitsamt der übrigen Insassen in den Tod stürzen. Ich behaupte jetzt einfach mal frech und frei: Das ist ein richtig gutes Buch gewesen. Ich behaupte, man kann bis zu einem gewissen Grade begreifen, was in den Köpfen der Attentäter vor sich gegangen ist, wenn man die gedanklichen Hintergründe und die Biografien beleuchtet, man kann den Kick erahnen, den es bereitet, mit Hilfe einiger Taschenmesser und im Stile eines Science-Fictions-Films eine Weltmacht vor laufenden Kameras als wehrlos vorzuführen, ihre leuchtendsten Symbole zu zerstören. Nun werde ich seit dem Erscheinen des Buches regelmäßig nach Erklärungen für alle möglichen Selbstmordanschläge gefragt, insbesondere nach der Welle von Attentaten im Irak. Und meine Antwort ist seit einiger Zeit: Ich habe keine Ahnung. Ich verstehe das auch nicht mehr. Ich weiß nicht, warum sich jeden Tag an einer Straßenkreuzung oder auf einem Marktplatz in Bagdad oder Nadschaf und inzwischen auch in Afghanistan jemand in die Luft sprengt, ohne dass ihn jemand sieht außer den Opfern.

All die Erklärungsmuster der politischen Gewalt und des Selbstopfers, die sich auf den Konflikt um Palästina oder die nihilistisch anmutende Zerstörungswut des 11. September anwenden lassen, funktionieren im Irak oder in Afghanistan nicht. Es sind zu viele, zu blind anmutende Anschläge, die jeder für sich zu wenig öffentliche Wirkung erzeugen. Anders als in Palästina oder beim 11. September weiß ich nicht, woher diese Attentäter kommen, was ihre Biografien sind, mit welchen Methoden und Begründungen sie rekrutiert werden und von wem. Im Irak kommt es beinahe täglich zu einem Massenmord, der uns intellektuell vollkommen verschlossen bleibt.

Nun sind die Vorgänge im Irak auch deshalb so schwierig zu begreifen, weil es Beobachtern wegen der Sicherheitslage kaum möglich ist, das Land zu bereisen und mit den aufständischen Akteuren zu sprechen. Aber nehmen wir Iran. Jeder, der die Entwicklung in Iran aus der Nähe verfolgt hat, könnte Ihnen die innen- und außenpolitische Konstellation aufschlüsseln, die zu der gegenwärtigen, in jeder Hinsicht deprimierenden Situation geführt hat. Die Gründe dafür, dass das Land heute einen Präsidenten hat, der alle Öffnungsbestrebungen der letzten Jahre in ihr Gegenteil verkehrt zu haben scheint, liegen nicht im Dunkeln, so selten hier darüber zu lesen ist. Aber wird die Situation, indem sie verstehbar wird, weniger bedrohlich?

Der iranische Präsident ist nicht der kleine irre Straßenfeger aus Südteheran, als der er oft dargestellt wird, und schon gar nicht passt er in die Schablone, die wir besonders schnell zur Hand haben: Er ist kein neuer Hitler. Ach Gott, wer war nicht schon alles Hitler, wenn man den berühmtesten Intellektuellen unserer Sprache glauben würde? Saddam war Hitler, Sharon war Hitler, und George W. Bush ist sowieso der Oberhitler. Nun also Mahmud Ahmadineschad. Solche Vergleiche und so beliebte Formulierungen wie die vom islamischen Faschismus kosten keine Gehirnzelle und erklären noch weniger. Aber setzt man sich einmal mit der Ideologie auseinander, die Mahmud Ahmadineschad geprägt hat, die politische Indienstnahme und Radikalisierung des schiitischen Messiasgedankens, wird einem erst richtig angst und bange. Das ist eine andere Ideologie als die der Hamas oder die von bin Laden, sie entspricht auch keineswegs dem Denken von Hisbollah-Führer Scheich Nasrallah. Wer all diese Gruppen über einen Kamm schert und sich etwas über den islamischen Faschismus zusammenreimt, der auf dem Sprung zur globalen Machtübernahme sei, mag in Talkshows glänzen. Verstehbar wird ein Ahmadineschad oder eine Hisbollah erst, wenn man zu differenzieren beginnt. Nur, und das ist der Punkt, auf den ich hinausmöchte: Differenzierung bedeutet nicht Vereinfachung und schon gar nicht Verharmlosung. Differenzierung ist die Voraussetzung, auf ein Problem angemessen zu reagieren. Differenzierung, das geduldige Hinsehen, das vorsichtige Abwägen ist unser Geschäft. An manchen Tagen habe ich den Eindruck, dass es vor dem Bankrott steht.

Wie oft lese ich einen Artikel oder höre jemanden im Fernsehen und denke: Ach, Kollege, fahr doch mal für einen Monat in ein arabisches Land, oder lies mal ein Buch mit zumindest passabler wissenschaftlicher credibility , bevor du uns hier eine Fatwa über den Islam um die Ohren schlägst. Aber dann denke ich auch: Wenn der wüsste, wie tief das Desaster wirklich reicht! Wie katastrophal etwa der Zustand der Theologie ist! Nehmen wir die Azhar-Universität in Kairo, die größte religiöse Institution des sunnitischen Islams. Nein, sie ist keine Kommandozentrale im Krieg gegen den Westen. Im Gegenteil: Der oberste Scheich der Azhar-Universität sagt jeden Tag und jede Freitagspredigt nein zum Terror und tut alles, was seine Regierung und die westlichen Medien von ihm verlangen. Er versteht sich als Bollwerk gegen den Fundamentalismus. Aber – und das steht beispielhaft für die Lage des Islams – das intellektuelle Niveau, auf dem innerhalb der zentralen religiösen Autorität der sunnitischen Muslime über Religion nachgedacht wird, dürfte von den meisten evangelischen Dorfgemeinden in der Schweiz übertroffen werden. Die intellektuelle Auszehrung dieses orthodoxen Islams – dessen einstige Beweglichkeit einen nur staunen machen kann –, dieser Niedergang einer hochstehenden religiösen Kultur ist es, die den Fundamentalismus erst ermöglicht hat. Der Fundamentalismus ist nicht entstanden in der Orthodoxie, sondern ist eine Antwort auf die Krise der Orthodoxie. Weil die Orthodoxie keine Antworten mehr gab, hat sich in den städtischen Mittelschichten der politische Islam herausgebildet.

Der Niedergang der meisten arabischen Gesellschaften findet auf viel mehr Feldern statt als nur auf dem der Religion. Nicht zu den üblichen Klischees von der islamischen Gefahr passen die Befunde etwa des Arab Human Development Report der Vereinten Nationen oder – auf Europa bezogen – die Beobachtungen der universitären Migrationsforschung, die längst nicht so spektakulär sind wie die Inhalte von Bestsellern. Aber sind die Befunde deswegen weniger alarmierend? Nein, im Gegenteil. Und der Terrorismus der dritten oder vierten Einwanderungsgeneration lässt sich nicht durch die Integrationsmaßnahmen bekämpfen, die nach jedem Anschlag reflexartig angemahnt werden, weil es in der Regel gerade gut integrierte, gut gebildete, sozial engagierte, ihrer Biografie nach völlig verwestlichte junge Muslime sind, deren Konterfei nach Selbstmordanschlägen auf den Titelseiten zu sehen ist. Mit der Forderung nach deutscher Sprache in den Moscheen ist diesen Terroristen nicht beizukommen.

Wer es gut meint mit den Muslimen, verweist auf die so genannten Moderaten, welche die Mehrheit der Muslime bilden, oder fordert eine Reform des Islams ein, islamische Aufklärung, den islamischen Luther – bitte schön, sprecht mit den Moderaten, aber die werfen ohnehin keine Bomben, worüber also wollt ihr mit ihnen sprechen? Bitte schön, erfindet den islamischen Luther, aber glaubt nicht im Ernst, dass Herr bin Laden auf ihn hören wird. Es gibt viele Gründe, den Islam neu zu denken, und viele muslimische Gelehrte sind damit beschäftigt. Aber illusorisch ist es, zu meinen, eine Version des Islams, die nur endlich mit den Menschenrechten kompatibel sei, werde dem Terror den Boden entziehen. Der Boden des Terrors sind die gesellschaftlichen und politischen Zustände.

Gewiss kann man hier und dort Maßnahmen ergreifen und Versäumnisse nachholen: noch mehr Kameras an öffentlichen Orten, noch mehr Befugnisse und Personal für die Geheimdienste, noch mehr Dialog mit islamischen Gemeinden. Es wird hoffentlich immer wieder gelingen, wie jüngst in London Anschläge zu vereiteln. Sicher aber ist, dass auch in Zukunft Anschläge gelingen werden. Ich wüsste nicht und niemand weiß, wie das zu verhindern sein soll. Und ich ahne und jeder ahnt, was die Folgen sein werden für das Zusammenleben mit Muslimen in Europa. Sieht man von der niederländischen Debatte nach dem Mord an Theo van Gogh ab, haben Europas Regierungen bislang recht besonnen auf islamistische Anschläge in ihrem Land reagiert. Soweit ich es wahrgenommen habe, gab es kaum kollektive Beschuldigungen, im Gegenteil: In Spanien und Großbritannien haben die Regierungschefs Aznar und Blair nach den Anschlägen demonstrativ das Gespräch gesucht mit Vertretern der muslimischen Gemeinden. Sie taten den Terroristen also nicht den Gefallen, den Spalt zwischen der Mehrheitsgesellschaft und ihrer muslimischen Minderheit noch zu vertiefen. Denn das ist offenkundig eines der Ziele der Attentate: dass das wachsende Ressentiment gegen Muslime deren Radikalisierung zur Folge hat.

Auch in Deutschland hat die Bundesregierung jüngst nach den versuchten Anschlägen auf zwei Regionalzüge vernünftig reagiert. Vor zwei Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, einen christdemokratischen Innenminister für seine Integrationspolitik zu loben – umso erfreuter bin ich, und sogar ein wenig stolz auf die deutsche Politik, die bislang auch auf der rechten Seite des politischen Spektrums dem naheliegenden Populismus einigermaßen widerstanden hat. Keineswegs also stimme ich in das allgemeine Wehklagen über den Rassismus oder die Islamfeindlichkeit der europäischen Regierungen ein. Aber dann stelle ich mir vor: zwei, drei spektakuläre Anschläge in Deutschland mit vielen Toten – und nicht nur weite Teile der Bevölkerung, nicht nur die für ihre Feindbildproduktion einschlägig bekannten Zeitungen und Sender, sondern auch die Politik wird Stimmung machen gegen die Muslime. Das wird überhaupt nicht zu vermeiden sein und wäre in keinem anderen Land anders. Wenn es in Iran eine Anschlagsserie von Armeniern gäbe, würden nicht nur armenische Extremisten, sondern die armenische Minderheit insgesamt für die Gewalt verantwortlich gemacht werden. Wenn in den USA nicht Muslime, sondern Mexikaner das World Trade Center zum Einsturz gebracht hätten, wären nicht Turbane, sondern Sombreros lebensgefährlich geworden. Dass ein gesamtes Kollektiv verantwortlich gemacht wird für die Tat Einzelner, ist keine vernünftige, aber eine selbstverständliche Folge der Gewalt, die im Namen dieses Kollektivs begangen wird.

Wenn die Menschen in Europa nicht mehr nur abstrakte, sondern reale, alltägliche Angst haben vor denen, die im Namen des Islams Gewalt verüben, gehören wir Muslime, alle Muslime, zum Kollektiv der Täter. Die Muslime in Europa werden dann unter einem permanenten Druck stehen, sich von den Tätern zu distanzieren und ihren Glauben zu rechtfertigen, und sich dabei wie der Hamster im Rad fühlen: Jeder neue Anschlag entzieht ihren Beteuerungen, dass der Islam doch eine friedliche Religion sei und sie gern in Europa lebten, den Boden und zieht neue Appelle nach, sich endlich zu distanzieren.

Vor einigen Wochen war meine Cousine, die als Architektin in Kalifornien lebt, mit ihrer Familie zu Besuch bei uns in Köln. Die Cousine fragte, was denn die Menschen in Deutschland und Europa über den Islam dächten. Was sollen sie schon denken?, fragte ich achselzuckend zurück: Lies die Nachrichten von heute, dann weißt du, was sie denken müssen. Die Cousine erinnerte sich an die vereitelten Anschläge auf die Regionalzüge und die jüngste Rede des iranischen Präsidenten und fragte nicht mehr nach. Mein Freund, der sehr religiös ist, schaltete sich in das Gespräch ein. Seine Frau habe begonnen, alle islamischen Insignien aus dem Wohnzimmer zu entfernen, also vermutlich den alten Koran unter dem Glastisch oder irgendwelche Kalligrafien. Dabei hat sie einmal etwas sehr Kluges über das islamische Ritualgebet geschrieben, über die spirituelle Bedeutung der arabischen Laute und des Bewegungsablaufs, der dem Yoga, Tai-Chi oder der körperbezogenen Psychotherapie vergleichbar ist. Aber nun halte seine Frau es nicht mehr aus, dass, wo immer sie hinsehe, der Islam nur noch Unterdrückung, Kopftuch, Mord sei. Ich sagte meinem Freund, dass wir doch nicht von dem Erbe unserer Eltern und Großeltern lassen dürften, von all den Schätzen, der Literatur, der Mystik, der Mitmenschlichkeit, die uns gelehrt worden seien im Namen des gleichen Islams, dass wir nicht unsere Vergangenheit wegwerfen dürften, nur weil uns die aktuellen Nachrichten nicht gefielen.

Ich war erschrocken. Wenn schon mein Freund und seine Frau sich abwenden, wer bleibt dann schon übrig, dachte ich. Ich sagte, dass der Islam aus westlicher Sicht nur Unterdrückung, Kopftuch, Mord sei, das sei verständlich, denn das seien nun einmal die Nachrichten. Aber diese Sicht dürften wir, die wir mit dem Islam aufgewachsen sind und die Kulturen kennen, diese Einseitigkeit und Verkürzung dürften wir uns doch nicht zu Eigen machen. Was er denn wohl glaube, was der Westen sei aus, sagen wir, irakischer oder palästinensischer oder afghanischer Sicht, nur Ausbeutung, Heuchelei, Krieg – ob wir deswegen auf den Westen verzichten dürften, auf Beethoven, auf die Aufklärung, die ganze Literatur, Kafka, Menschenrechte, alles weg, alles Lüge, nur weil die Außenpolitik der USA verbrecherisch und Halliburton hinter dem Öl her sei? Mein Freund stimmte mir zu, dass man weder denen die Kultur überlassen dürfe, die sie in den Dreck ziehen, noch mit denen sich gemein machen, die uns verachten. Er ist verunsichert. Seine Frau wird sich etwas Buddhistisches suchen und nicht wissen wollen, was die nun wieder alles verbrechen in Sri Lanka oder was weiß ich wo.

Navid Kermani wurde 1967 als Iraner in Deutschland geboren. Er ist Schriftsteller und lebt in Köln. Zuletzt erschien von ihm der Erzählband »Du sollst« (Amman Verlag) und »Der Schrecken Gottes« (C.H. Beck Verlag)

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Leserkommentare
  1. ein sehr schöner Artikel.

    • blutfee
    • 27. September 2006 15:36 Uhr

    ich hatte den ganzen artikel über den eindruck was dazuzulernen. interessant auch der implizierte vorwurf einer gewissen 'wer nicht für uns ist gegen uns'-haltung an die europäer im allgemeinen und die deutschen im besonderen.
    <br />nicht ganz einig mit mir selbst und dem autor bin ich in bezug auf die rolle des politischen islam, dem man ohne wahrheitsverlust vorwerfen könnte, durch seine allen seinen 'geschmacksrichtungen' gemeinsame und auch durchaus etwas undifferenzierte ablehnung des 'westens' dem djihadislam einen sehr nahrhaften blut und boden zu bereiten. diesbezüglich möchte ich festhalten dass ich es stark bezweifle, dass der islamische kulturkreis es sich existentiell leisten kann, diese feindlichkeit auf lange sicht und trotz mancher möglicherweise berechtigter anklagen aufrecht zu erhalten.
    <br />der autor hat den buddhismus angesprochen: da gibt es einen denkansatz, der dem amerikanischen 'if you can't change something, change the way you think about it' nicht ganz unähnlich ist. diese einsicht würde der ganzen welt gut tun ...

  2. <br />Bei
    <br />
    <br />'if you can't change something, change the way you think about it'
    <br />
    <br />sollte frau/man jedoch nicht vergessen, ganz genau herauszufinden, was zu ändern ist und was nicht.
    <br />
    <br />Wichtig ist jedenfalls, immer wieder versuchen herauszufinden, wie man sich selbst (natürlich zum Guten) ändern kann.

    • blutfee
    • 27. September 2006 16:29 Uhr

    >>sollte frau/man jedoch nicht vergessen, ganz genau herauszufinden, was zu ändern ist und was nicht.
    <br />
    <br />ja, das ist nicht leicht. erfordert eine sehr gute selbstkenntnis und eine sehr gute kenntnis des kosmos rund um einen. je besser man das kann, desto näher ist man dem nirvana.

  3. Navid Kermani verdient eine ausgewogene Antwort. Dem Autor ist anzumerken, dass er unter den Ausweglosigkeiten des westöstlichen Kulturkampfes leidet. In seinem Beitrag schwingt die faustische Zerrissenheit einer orientalisch-okzidetalen Seele mit. Aus ihm spricht eine einnehmende, gleichsam ‚unislamische’ Selbstkritik, nebst der Fähigkeit, auch emotionale Aspekte anklingen zu lassen. Der Autor kennt die Schwächen der islamischen Gesellschaften. Allerdings beginnen sich unsere Meinungen hier zu trennen, zumindest in manchen Punkten.
    <br />
    <br />Räumen wir, bevor wir zum Wesentlichen kommen, die größte Unzukömmlichkeit des Textes ab: Die Implikation, die Außenpolitik der USA sei verbrecherisch, sollten wir nicht unterschreiben. Denn sie bleibt hinter der eingeforderten Differenziertheit des Artikels erkennbar zurück. Dergleichen verewigt das Zerrbild vom großen Satan.
    <br />
    <br />Der Beitrag beschreibt im Kern ein allseits vorhandenes Gefühl der Bedrohung. Dass vor einer Gefahr (der westlichen oder der östlichen) gewarnt wird, verrät, psychologisch betrachtet, den Zustand der Schwäche dessen, der die Gefahr beschwört. Doch gibt es einen Unterschied zwischen Orient und Okzident: Wir fürchten uns lediglich vor den Waffen der Islamisten, vor nichts außerdem. In weiten Kreisen der arabischen Welt aber scheint man den Westen insgesamt als Bedrohung zu empfinden. Dies gebiert Konvulsionen, die sich paradoxerweise vor allem gegen muslimische Bevölkerungen richten. Der Autor weiß nicht (und ich als europäischer Ignorant kann es ihm wohl kaum zureichend sagen), warum sich Muslime heute selbst die größten Feinde sind. All dies aber deutet auf eine schwere Identitätskrise innerhalb der islamischen Gesellschaften hin.
    <br />
    <br />Die Krise gebiert mit einer gewissen Folgerichtigkeit den ‚Retter’. Wir Deutschen kennen das. Das messianische Element, das der derzeitige iranische Präsident pflegt, ist uns nicht entgangen. Man mag den Vergleich mit Hitler für abwegig und abgegriffen halten: Der Wahrheitsanspruch, gepaart mit der aggressiven Ideologie eines unleugbar eliminatorischen Antisemitismus, dürfte jedem klarliegen. Er enthält eine unmittelbare Kriegsgefahr.
    <br />
    <br />Identitätskrisen wuchern auch auf dem Gebiet der Religion. Navid Kermani beschreibt den Zustand der zeitgenössischen islamischen Theologie als katastrophal. Das wurde spätestens bei den Auseinandersetzungen um Papst Benedikt XVI. deutlich, als die Schriftgelehrten des Islam bewiesen, dass sie nicht des Lesens kundig (oder willens) waren. Was aber folgt daraus? Ist etwa der islamistische Fundamentalismus in der Lage, die intellektuelle Lücke auszufüllen? Ich wüsste nicht, was an seinen Parolen überhaupt des Weiterdenkens würdig wäre.
    <br />
    <br />Eine Identitätskrise kann sich auch im fortgesetzten Selbstbetrug äußern. In diesem Punkt übertrifft Navid Kermanis Artikel die durchschnittlichen Verlautbarungen seiner Glaubensbrüder bei weitem. Er sagt: „Dass der Islam aus westlicher Sicht nur Unterdrückung, Kopftuch, Mord sei, das sei verständlich“, aber „diese Einseitigkeit und Verkürzung dürften wir uns doch nicht zu Eigen machen.“ Wer von Einseitigkeit der Islam-Interpretation spricht, hat implizit schon eingestanden, dass es eine andere, die dunkle Seite des Islam tatsächlich gebe: Es ist die Religion selbst, die zur Gewalt aufruft, nicht allein deren ‚missbräuchliche Anwendung’ durch Terroristen. Das ist übrigens keine Besonderheit. Man lese das Buch Josua aus unserer christlich-jüdischen Bibel und erkenne ein göttlich sanktioniertes Rezept für das Prinzip der ethnischen Säuberung darin. Die Frage ist also nicht, ob ein Gewaltmoment im Islam oder in anderen Religionen existiere. (Die meisten Muslime scheinen beharrlich zu leugnen, dass ihre Religion selbst das Problem ist.) Die Frage lautet vielmehr, wie man mit solchen Elementen in Heiligen Schriften umgeht. Mein Standpunkt dazu ist eindeutig: Was immer Gott der Allmächtige in der Vergangenheit seinen Gläubigen (Christen, Juden oder Moslems) erlaubt haben mag: heute, im frühen 21. Jahrhundert ist es, geschichtlich bedingt, nur noch ‚schlecht und inhuman’, einen Glauben ‚durch das Schwert zu verbreiten’. Die Herkunft dieser Worte dürfte bekannt sein; sie gelten für alle Religionen, besonders aber für diejenigen, die solche Prinzipien heute noch praktizieren.
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    <br />Der Autor diagnostiziert den Niedergang der arabischen Gesellschaften weit über das Feld der Religion hinaus. Das ist der entscheidende Punkt, den wir im Westen nicht genügend beachten. Im gegenwärtigen Kampf der Kulturen ist der arabisch-islamische Raum der in fast allen Belangen unterlegene. Wenn die Dinge ungünstig verlaufen, droht demnächst der Untergang – nicht des Abendlandes, sondern eher des Morgenlandes. Das kann glimpflich verlaufen: Zum Beispiel durch eine Anpassung der muslimischen Welt an den Westen, wodurch allerdings ein Grossteil ihrer jetzigen Kultur verloren ginge. Oder es reifen radikalere Zusammenstöße heran; in diesen hätte Arabien gegen den Westen keinerlei Chancen. Sollte es zum Einsatz von Massenvernichtungswaffen gegen Europa oder die USA kommen, lägen besondere Umstände vor. Der weitere Fortgang eines solchen Szenarios hinge von der Nervenkraft der westlichen Gesellschaften und von ihrem Willen zum Durchhalten ab. Sollte dieser nicht ausgeprägt genug sein, kann es zur Katastrophe kommen.
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    <br />Wollen wir gemeinsam der Hoffnung Ausdruck verleihen, dass der Dialog der Kulturen den Kampf überwiegen möge. Navid Kermanis Aufsatz ist ein positiver Beitrag, die Wahrscheinlichkeit des letztgenannten etwas herabzusetzen. Mehr kann zurzeit wohl nicht verlangt werden.
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    <br />Wolfgang Krebs
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  4. <br />Auch Ihren Artikel möchte ich loben.
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    <br />Sie scheuen sich nicht, u.a. das Gewaltimplizite von Religionen schonungslos zu formulieren. Eine nicht allzu häufig anzutreffende Tugend.

  5. 8. \N

    schoener Artikel. Endlich etwas weniger Polarisierendes und mehr Informatives als z. Zt. in der Zeit und in anderen Medien. Sehr schoen.

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  • Schlagworte Islam | Mahmud Ahmadinedschad | Anschlag | Fundamentalismus | Gewalt | Halliburton
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