Vor Jahren saß ich – damals noch als Student, der für die FAZ schrieb – mit Rudolph Chimelli nachts in einer Hotelbar zusammen, dem großen Reporter der Süddeutschen Zeitung , der seit Jahrzehnten aus dem Nahen Osten berichtet. Wir sprachen über Zukunftsaussichten, über persönliche Pläne, und Chimelli sagte, manchmal überkämen ihn Zweifel, ob er in ein paar Jahren als westlicher Besucher immer noch so unbeschwert über eine arabische Straße gehen könne. Ohne Ziel in den Städten des Nahen und Mittleren Ostens herumzustreifen, die Gastfreundschaft und Höflichkeit jeden Tag neu zu erleben, das sei für ihn das Schönste an seinem Beruf. Er ahne, dass einem westlichen Reporter diese Stunden in der Zukunft vielleicht nicht mehr zuteil würden.

Ich sagte das damals nicht so offen, dazu hatte ich als Jüngerer zu viel Respekt vor Chimelli, aber den Gedanken, dass ein Westler sich in der arabischen Welt, in einem traditionellen Wohnviertel nicht mehr sicher fühlen würde, hielt ich für absurd. Inzwischen fürchte ich, dass Chimelli Recht behalten könnte. Ich fürchte, dass ich meine europäischen Freunde in Zukunft nicht mehr überreden kann und sollte, einfach mal auf eigene Faust einen Nachmittag in der Altstadt von Kairo oder eine Nacht auf dem Meydan al-Fnaa, dem großen, oft besungenen und bezaubernden Platz von Marrakesch zu verbringen, um die gröbsten Vorurteile über die Araber oder die Muslime aus dem Kopf zu kriegen. Ich fürchte, dass sich ihre Vorurteile bestätigen könnten.

Wir, die wir viele Jahre zwischen dem Nahen Osten und Europa gereist sind, in beiden Regionen Freunde haben, die Pracht und den humanen Kern beider Kulturen kennen und versucht haben, mit ihren Berichten das wechselseitige Verständnis zu fördern, stehen vor den Trümmern unserer Argumente. Keine noch so differenzierte Analyse des Islams, keine noch so einfühlsame Reportage über die arabische Welt kommt gegen die Bilder von einem Anschlag in der Londoner U-Bahn an. Wer wollte noch widersprechen, wenn vor der islamischen Gefahr gewarnt wird? Umgekehrt: Die tausend Jahre der europäischen Zivilisation, die dreihundert Jahre der Aufklärung, die sechzig Jahre der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte halten nicht dem Eindruck stand, den die westliche Politik jeden Tag aufs Neue im Nahen Osten erweckt – mit den Kriegen Amerikas, mit der Unterstützung arabischer Diktaturen und der israelischen Besatzung, der offenen wirtschaftlichen Ausbeutung und – davon ist hier selten, aber in der islamischen Welt umso häufiger die Rede – mit den aggressiven Missionierungskampagnen evangelikaler Kirchen. Nicht einmal liberale Intellektuelle widersprechen, wenn im Nahen Osten vor der westlichen Gefahr gewarnt wird.

Ich kenne die Erwartungshaltung der europäischen Öffentlichkeit an uns, die wir den Nahen Osten ganz gut zu kennen meinen. Ich bin auch niemandem böse, der mir als Muslim eine besondere Verpflichtung zuschreibt, zu dem Terror und dem Unrecht im Namen meiner Religion Stellung zu beziehen. Distanzierungen? Ja, die sind schnell gesprochen und kostenlos zu downloaden von den Homepages aller muslimischen Verbände. Das ist ein Ritual, dem ich unbeteiligt zusehe. In dem Augenblick, wo ich mich distanziere, billige ich dem Gegenüber das Recht zu, mich zu verdächtigen. Zu den Aufgaben und Pflichten muslimischer Organisationen gehört es, sich öffentlich zu bekennen, aber wenn ich als Individuum in Europa qua Religion oder Herkunft verdächtig wäre, die Barbarei zu unterstützen, sollte ich mir lieber gleich einen neuen Kontinent suchen, möglichst weit weg vom Weltgeschehen. Viel schwieriger als die Distanzierung ist es, sich und anderen begreiflich zu machen, was die Ursache der religiös motivierten Gewalt ist und was dagegen zu unternehmen wäre.

Ich möchte ein konkretes Beispiel geben für diese Schwierigkeit. Nach dem 11. September 2001 habe ich ein kleines Buch verfasst, in dem ich zu erklären versuchte, warum freundliche junge Menschen ein Flugzeug kapern und sich mitsamt der übrigen Insassen in den Tod stürzen. Ich behaupte jetzt einfach mal frech und frei: Das ist ein richtig gutes Buch gewesen. Ich behaupte, man kann bis zu einem gewissen Grade begreifen, was in den Köpfen der Attentäter vor sich gegangen ist, wenn man die gedanklichen Hintergründe und die Biografien beleuchtet, man kann den Kick erahnen, den es bereitet, mit Hilfe einiger Taschenmesser und im Stile eines Science-Fictions-Films eine Weltmacht vor laufenden Kameras als wehrlos vorzuführen, ihre leuchtendsten Symbole zu zerstören. Nun werde ich seit dem Erscheinen des Buches regelmäßig nach Erklärungen für alle möglichen Selbstmordanschläge gefragt, insbesondere nach der Welle von Attentaten im Irak. Und meine Antwort ist seit einiger Zeit: Ich habe keine Ahnung. Ich verstehe das auch nicht mehr. Ich weiß nicht, warum sich jeden Tag an einer Straßenkreuzung oder auf einem Marktplatz in Bagdad oder Nadschaf und inzwischen auch in Afghanistan jemand in die Luft sprengt, ohne dass ihn jemand sieht außer den Opfern.