Imperiale Ordnungen begünstigen allgemeinen Wohlstand und fördern den friedlichen Austausch von Gütern und Ideen. Deswegen sind sie fast immer auch durch größere Liberalität und Toleranz gekennzeichnet als kleinräumige Ordnungen, in denen das Eigene hermetisch gegen das von außen kommende Fremde abgeschottet wird. Dies ist nicht nur der Tenor der großen Lobrede auf das Römische Reich, die der griechische Rhetor Aelius Aristides bei seinem Eintreffen in Ostia gehalten hat, sondern auch die Überzeugung, die Ralph Bollmann seinem Vergleich zwischen der römischen Spätantike und den heutigen Verhältnissen zugrunde gelegt hat: Vom Zerfall der Imperien profitieren nur die Banditen, und darunter leiden vor allem die unteren und mittleren Schichten, bei denen es zu einem drastischen Rückgang des Lebensstandards kommt.

Mit dieser Sicht bezieht Bollmann vor allem gegen eine wohlfeile Globalisierungskritik Position; ausdrücklich will er dies aber nicht als Unterstützung für die gegenwärtige US-amerikanische Politik missverstanden wissen. Imperien können nämlich gute und schlechte Politik betreiben, und die Politik der Bush-Administration ist für Bollmann, wie der Vergleich mit der Politik einiger römischer Kaiser zeigt, ein Beispiel für unbedachte und unkluge Politik des imperialen Zentrums. Es wäre falsch, die konkrete Kritik an der Politik George W. Bushs mit einer generellen Kritik an der amerikanischen Rolle als Garant der westlichen Wohlstandssphäre zu verwechseln. Aber auch das ist eine, zumal bei einem leitenden Redakteur der Berliner taz, bemerkenswerte Position.

Doch Bollmanns Interesse an der imperialen Ordnung der Spätantike ist gar nicht so weit von den Grundintentionen des grün-alternativen Projekts entfernt: So beschreibt er die römische Ordnung als ein Nebeneinander der Kulturen und Religionen, das zu den glücklichsten Perioden der Menschheitsgeschichte geführt habe. Innerhalb des von Rom geordneten imperialen Raums zu leben war attraktiv, und deswegen drängten immer wieder neue Völkerschaften ins Reich hinein. Nicht das Vordringen der Hunnen aus der innerasiatischen Steppe oder ein Klimawandel in Nord- und Mitteleuropa hat demnach die Völkerwanderung ausgelöst, sondern die Anziehungskraft Roms, zu der auch gehörte, dass es Missernten und Versorgungsprobleme in einem Reichsteil kompensieren konnte, indem es das Erforderliche aus anderen Teilen des Reichs heranschaffen ließ.

Aber diese glückliche Ordnung war gefährdet: Die Attraktivität des imperialen Raumes für die Barbaren warf das Integrationsproblem auf, und eine langfristig angelegte Integrationspolitik der Administration war darauf angewiesen, dass sie von der Bevölkerung im neuen Ansiedlungsgebiet getragen wurde – was oftmals nicht der Fall war. Pogromartige Ausschreitungen gegen die Familien der in der Armee dienenden Germanen konnten die Integrationsbemühungen mit einem Schlag zunichte machen. Zudem gefährdete, so Bollmann, der von den monotheistischen Religionen des Vorderen Orients, dem Judentum und dem Christentum, erhobene Ausschließlichkeitsanspruch, die Toleranz der polytheistischen Stadtreligionen, die bis dahin unter dem Dach des Imperiums eine friedliche Symbiose eingegangen waren.

Für Bollmann ist die römische Ordnung der Spätantike das, was Barbara Tuchman »den fernen Spiegel« genannt hat: Indem wir die Vergangenheit betrachten, erblicken wir zugleich unsere eigene Gegenwart. Aber wir sehen mehr, als wir sehen könnten, wenn wir unsere Gegenwart unmittelbar betrachten würden. Wir sehen langfristige Entwicklungen, können politische Fehlentscheidungen erkennen und haben die prinzipiellen politischen Alternativen vor Augen. Der Blick in den »fernen Spiegel« kann eine Klarheit schaffen, die bei der unmittelbaren Betrachtung der Gegenwart verwehrt bliebe.

Das ist der Grund, warum schon viele in den »fernen Spiegel« der Spätantike geschaut haben – aber was sie dort gesehen haben, ist sehr verschieden gewesen. In der Regel sieht man nämlich nur das, was einen an der eigenen Gegenwart beschäftigt und bedrängt. So war die Spätantike von jeher eine Projektionsfläche für Niedergangs- und Verlustfantasien – von der »Verweichlichung« der Männer und der »Sittenlosigkeit« der Frauen bis zu den Obsessionen der Rassenvermischung. Bollmann hat das genau umgekehrt: In all dem sieht er nicht Niedergang und sich ankündigendes Ende, sondern Chance und Herausforderung. Hat sich Peter Bender in seinem kürzlich vorgelegten Vergleich zwischen dem antiken Rom und den USA ( Weltmacht Amerika. Das neue Rom ) auf die Zeit zwischen den Punischen Kriegen und der Errichtung des Prinzipats konzentriert, die Parallelen also in der Entstehungszeit der imperialen Ordnung gesucht, so gilt Bollmanns Interesse der entwickelten und reifen Phase des Imperiums. Von daher ist sein Blick auf die USA auch anders als der Benders. Konzentrierte dieser sich auf die Determinanten des Aufstiegs, so interessiert sich Bollmann für die richtigen und die falschen Entscheidungen der Kaiser und die dahinterstehenden Ratschläge der Intellektuellen und politischen Beobachter: Der in der Schlacht von Adrianopel gegen die Goten gefallene Kaiser Valens habe den Weg in die Katastrophe durch seine wankelmütige Integrationspolitik selbst beschritten, und die von Kaiser Honorius gebilligte Ermordung des germanischen Heermeisters Stilicho habe den Weg frei gemacht für die Eroberung und Verwüstung Roms durch Alarichs Westgoten. Nicht die »Barbarisierung« der Armee sei das Problem gewesen, sondern die widersprüchliche Form, in der sie erfolgte. Das sind Überlegungen mit weitreichenden Folgen für unsere Gegenwart!

Man wird über Bollmanns Urteile in fast jedem Fall streiten können, aber das ist bei einer solchen Nutzung des »fernen Spiegels« nicht verwunderlich. Herausfordernd und bedenkenswert sind sie durchweg, eingeschlossen jene Parallelisierung, die Bollmanns Buch wie ein roter Faden durchzieht: Was für die Römer die germanische Welt mit ihren untereinander zerstrittenen Stämmen und ihrer partiellen Integrationsresistenz gegenüber den Versprechungen des Imperiums war, ist, so Bollmann, die arabisch-muslimische Welt für die USA. Einerseits wird sie angezogen durch die Attraktionen der imperialen Ordnung, andererseits davon aber auch abgestoßen und verspürt tiefe Feindschaft dagegen. Hier ist ein besonders sensibler Umgang vonnöten. Weil der bei der gegenwärtigen US-Administration nicht zu erkennen ist, vergleicht Bollmann sie mit den schlechtesten der römischen Kaiser.