Nach langem Zögern hat die deutsche Geschichtswissenschaft begonnen, sich ihrer braunen Vergangenheit zu stellen. Karsten Jedlitschka legt hier eine aufschlussreiche Pionierstudie für die Münchner Universität und ihre Historiker vor. Sich intensiv mit Ulrich Crämer zu beschäftigen bot sich aus mehreren Gründen an. Denn in den Höhen und Tiefen seiner Karriere vor und nach 1945 lassen sich bispielhaft wichtige Entwicklungslinien der Geschichtswissenschaft nachvollziehen. Die verwickelten Intrigen um Crämers Berufung auf das Ordinariat für Mittlere und Neuere Geschichte in München 1940 als Nachfolger Karl Alexander von Müllers erscheinen als Lehrstück für die Mechanismen der NS-Wissenschafts- und Hochschulpolitik. Sie liefern auch eine Erklärung dafür, warum der Nationalsozialismus gerade in der jüngeren Generation an den Universitäten relativ schnell hat Fuß fassen können.

Der ehrgeizige Junghistoriker liefert mit seiner Biografie, seinem wissenschaftlichen Werk und seinen weit gefächerten Aktivitäten einen vom Autor sorgfältig und materialreich dokumentierten Musterfall für die unauflösliche Verschränkung von Wissenschaft und Politik, für die politische Instrumentalisierung der Geschichte als historische Legitimationswissenschaft und für die Wirkungsmacht politischer Netzwerke und Patronagen, im Fall Crämers bis hinauf zu Frick, Rust und Sauckel.

Auch im umfangreichen zweiten Teil seiner Arbeit bettet Jedlitschka wieder überzeugend die individuelle »causa Crämer«, dessen hartnäckige, am Ende aber erfolglose Bemühungen bei der Fakultät, im Kultusministerium und schließlich bei den Gerichten um eine Wiedereinsetzung ins Amt nach seiner Entlassung 1945, ein in die »akademische Vergangenheitspolitik« der Ära Adenauer. Hier ging es einmal um den Verzicht auf eine gründliche inneruniversitäre Aufarbeitung der Zeit vor 1945 in München und seine Hintergründe und zum anderen um die Rehabilitation der nach Kriegsende »Amtsverdrängten«, wie sie sich in ihrer umfangreichen politischen Lobbyarbeit selbst nannten. Auch die bekannte »Metamorphose« zwar innovativer, aber politisch korrumpierter Forschungsansätze der dreißiger Jahre wie die der »volksgeschichtlichen Geopolitik« zur apolitischen »Landschaftsgeschichte« nach 1945 zeichnet der Autor am Beispiel Crämers nach.

Dieses Werk nötigt wegen der Breite und Vielfalt seines Untersuchungsansatzes Respekt ab. Mit ihm gab der Autor zudem wichtige Anstöße für eine inzwischen eingeleitete intensivere Beschäftigung der Ludwig-Maximilians-Universität mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit. Bernd Jürgen Wendt