»Eine lebende Zelle ist ein Sack voller Nanomaschinen.« Cees Dekker liebt kurze Sätze, in denen sich seine Forscherbiografie spiegelt. Weltberühmt wurde der niederländische Physiker mit Arbeiten über Carbon Nanotubes, kleinste Kohlenstoffröhrchen mit ebenso erstaunlichen wie nützlichen Eigenschaften in Elektronik und Materialwissenschaft. »Wir waren extrem erfolgreich, aber mit der Zeit wurde es ein bisschen langweilig«, sagt der schlanke Mittvierziger mit der grauen Föhnfrisur und lächelt selbstbewusst. Vor sechs Jahren hat er sich in die Biophysik gestürzt. Seitdem studiert er das komplexe Zusammenspiel von DNA-Strängen, Proteinen, Enzymen und den anderen molekularen Bausteinen des Lebens. »Von der Nanotechnologie der Natur können wir eine Menge für die nichtorganische Welt heutiger Elektronik lernen«, sagt Dekker, »und wir wollen lernen, mit unseren nanotechnischen Methoden in die natürlichen Abläufe einzugreifen.« Gezieltes Einschleusen von Sensoren und Medikamenten in einzelne Zellen oder Reparaturarbeiten an DNA-Molekülen stehen auf seinem Forschungsprogramm am Institut für Nanowissenschaften an der Technischen Universität Delft. Auch dafür hat Dekker einen seiner programmatischen Kurzsätze parat: »Wir nutzen Bio für Nano und Nano für Bio.« BILD

Drei Jahre brauchte Überflieger Dekker, um sich in die Grundlagen der Molekularbiologie einzuarbeiten, dann kam auch hier der Erfolg. Schon mit den Nanoröhrchen hatte er es viermal auf die Titelseiten von Nature und Science geschafft. Jetzt adelten die Leitmedien der Forscherzunft auch seinen tiefen Blick in die Zelle mit mehreren Artikeln und einem Titelblatt. Dazu kamen Ehrungen und Auszeichnungen, darunter Hollands wichtigster Wissenschaftspreis – und viel Geld. Die amerikanische Kavli-Stiftung überwies 7,5 Millionen Dollar nach Delft, und das heimische Wissenschaftsministerium finanziert den über 100 Mitarbeitern gerade einen ultramodernen Institutsneubau. Nanoforschung ist schwer in Mode, und Cees Dekker ist ihr europäisches Aushängeschild.

Aber ausgelastet ist er damit keineswegs. Nach der Arbeit spielt er Gitarre in einer Bluegrass-Band, nimmt zusätzlich Saxofon-Stunden, ist bei den beiden wöchentlichen Gemeinschaftsabenden in der Wohnküche seines christlich motivierten Hausprojekts dabei und radelt am Sonntag durch die beschauliche Altstadt von Delft zum Gottesdienst seiner Evangelikalen Kirche.

Als wäre all das nicht genug, erspäht Dekker seit einiger Zeit beim Blick durch das extrem hochauflösende Rastersondenmikroskop in seinem Labor nicht nur Maschinen im Nanomaßstab und winzigste Bausteine des Lebens – er spürt dabei auch den Hauch Gottes. In seinen Science- und Nature -Artikeln ist davon nicht die Rede. Dafür aber in den beiden Büchern, die Dekker zur Verteidigung der Idee des Intelligent Design geschrieben hat. Diese vor allem in den USA populäre Kritik an Darwins Evolutionstheorie geht davon aus, dass das Leben in seiner Vielfalt nicht einfach durch zufällige Mutation, Auswahl und Anpassung entstanden sein kann, sondern dem intelligenten Entwurf einer höheren Macht folgt.

Mit den primitiven Glaubenssätzen amerikanischer Kollegen will der aufgeklärte Niederländer nichts zu tun haben. »Für 99 Prozent der biologischen Forschung spielt die Frage von Zufall oder Schöpfung nicht die geringste Rolle«, sagt er, all dies passe einwandfrei ins Konzept der Evolution. Dann ergänzt er lächelnd: »Aber das eine Prozent, das übrig bleibt, ist doch hoch interessant.« Endlose Diskussionen hat er im Nano-Institut darüber geführt. Fruchtbar waren sie nicht. Denn es fehlt jedes wissenschaftliche Konzept dafür, wie ein intelligentes Eingreifen in die Evolution eigentlich abgelaufen sein könnte, und wer dafür verantwortlich ist. Am Ende bleibt nur die Glaubensfrage. »Cees ist überzeugt, dass er Recht hat und die anderen nicht«, sagt einer seiner direkten Kollegen genervt, »aber er gibt sich tolerant gegenüber dummen Menschen.« Mancher hält Dekkers Lächeln inzwischen für arrogant.

Er muss makellos arbeiten, um sich Zweifel an Darwin leisten zu können

Bescheidenheit ist tatsächlich nicht seine Zier. »Weitere Indikatoren für Qualität, Reputation und innovatives Potenzial« heißt eine der Zwischenüberschriften auf seiner persönlichen Website. Was folgt, ist eine beeindruckende Liste von Erfolgen, Berufungen und Funktionen. Zwischen 10 und 20 Eröffnungsreden hält er pro Jahr auf wissenschaftlichen Kongressen, und natürlich »übersteigen die Einladungen diese Zahl um einen großen Faktor«. Dekker weiß: Nur wenn seine wissenschaftliche Arbeit absolut makellos ist, kann er sich seine öffentlichen Zweifel an der Evolutionstheorie leisten.