Im Februar 1978 veröffentlichte Rolf Hochhuth in der ZEIT einen Artikel, in dem er die Vergangenheit des damaligen Ministerpräsidenten Hans Filbinger als »Hitlers Marine-Richter« enthüllte und diesen wegen seiner Beteiligung an Todesurteilen gegen Deserteure als »furchtbaren Juristen« bezeichnete. Der Fall schlug hohe Wellen. Hochhuths Wort vom »furchtbaren Juristen« ist seither ebenso sprichwörtlich geworden für die Schreibtischmörderjustiz wie Filbingers Satz, »was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein«, zum Beleg eines »pathologisch guten Gewissens« (Erhard Eppler) der ehemaligen »Blutrichter«, wie der Bundesgerichtshof 1995 feststellte. Filbinger klagte gegen die ZEIT und Hochhuth. Diese blieben Sieger. Allerdings durfte Hochhuth nicht mehr sagen, Filbinger sei »auf freiem Fuß nur dank des Schweigens derer, die ihn kannten«.

Der Historiker Wolfram Wette hat nun einen Sammelband herausgebracht, der den Fall Filbinger mit acht Beiträgen sorgfältig analysiert und dokumentiert. Filbingers Aussage, keine Todesurteile gefällt zu haben, erwies sich schnell als Lüge: Tatsächlich wirkte er »nur« als Ankläger mit und leitete die Exekution eines 22-Jährigen am 16. Januar 1945. Zwei Todesurteile, an denen er mitwirkte, konnten »nur« deshalb nicht vollstreckt werden, weil die Verurteilten geflohen waren. Am 7. August 1978 musste er zurücktreten, weil sein selbstgerechter Umgang mit Tatsachen und moralischer Verantwortung auch die CDU verärgerte. Bis heute sieht er sich als Opfer einer »Rufmordkampagne«.

Der Militärhistoriker Manfred Messerschmidt belegt in seinem Beitrag, welche Handlungsspielräume Nazirichter gehabt haben. Aber sie wollten diese nicht nutzen, sondern Härte zeigen, weil das »oben« gefiel. Nach 1945 wurde nicht nur kein Richter zur Rechenschaft gezogen, Hitlers willige Richter sorgten sogar dafür, wie Joachim Perels und Helmut Kramer vorführen, dass die NS-Diktatur unter der Hand als Rechtsstaat erschien und alte juristische Denkfiguren weiter galten. Rudolf Walther