Biographie Geht in die Dörfer!
Shashi Tharoor erzählt anschaulich das Leben des Jawaharlal Nehru, des Mitbegründers der indischen Demokratie.
Neben Mahatma Gandhi gehörte Jawaharlal Nehru (1889 bis 1964) zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der indischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. In Deutschland weiß man nur wenig über diesen großen Nationalisten und ersten Premierminister des unabhängigen Indiens. Das faktenreiche und anschaulich geschriebene Nehru-Porträt des Schriftstellers und leitenden UN-Mitarbeiters Shashi Tharoor vermag nun Abhilfe zu schaffen. Tharoor bewundert seinen Protagonisten, verschweigt aber keineswegs kritische Aspekte. Mit Nachdruck hebt er Nehrus Bedeutung für die Geschichte der »größten Demokratie der Welt«, wie Indien häufig genannt wird, hervor: »Was Indien heute ist, im Guten wie im Schlechten, daran hat dieser Mann großen Anteil.«
Hineingeboren in eine wohlhabende, kosmopolitische und einflussreiche Familie aus Allahabad, schien Nehrus Weg vorgezeichnet. Erzogen von britischen Gouvernanten und einem irisch-französischen Privatlehrer, ging Jawaharlal (was so viel wie »kostbarer Edelstein« bedeutet) an die englische Eliteschule Harrow und studierte später in Cambridge und London Jura. Zurück in Indien, arbeitete er als Rechtsanwalt in der Kanzlei seines Vaters, der wiederum zu einem der wichtigsten Nationalisten Indiens und zum Vorsitzenden der Kongresspartei wurde.
Ein Wendepunkt im Leben Nehrus war die Begegnung mit Gandhi kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Er folgte dem Aufruf des Mahatma »Geht in die Dörfer!«, reiste in ländlichen Gebieten umher, propagierte die Politik des zivilen Ungehorsams, forderte auf Versammlungen Freiheit für Indien und den Boykott ausländischer Waren. Die britischen Kolonialherren steckten ihn mehrfach ins Gefängnis. Dort fand er das Essen zwar »ganz erstaunlich schlecht«, sah jedoch in der Haft eine »Auszeichnung für seine Opfer, die er der Nation gebracht hatte«. Schon bald rückte Nehru in die erste Riege der indischen Politik auf.
Bereits im Alter von 47 Jahren veröffentlichte Nehru seine Autobiografie, die im Westen und nicht zuletzt in Großbritannien ein erstaunlicher Erfolg wurde. Das Buch machte ihn, schreibt Tharoor, »in der gesamten Welt zur konkurrenzlosen politischen Führungspersönlichkeit des modernen Indien«. Während Gandhi eher für den Geist einer älteren Tradition stand, den der Imperialismus nicht unterdrücken konnte, repräsentierte Nehru nun das Indien der Zukunft. Mit seinem »politischen Vater« Gandhi verband ihn zwar weiterhin eine enge Beziehung, die jedoch zunehmend auch durch Konflikte geprägt war. So zeigte sich der durch und durch fromme Gandhi irritiert über die Aussage seines politischen Ziehsohnes, dass eine Emanzipation der Bauern ohne göttlichen Beitrag wahrscheinlich viel eher gelingen würde.
1947 konnte Indien in einem dramatischen Freiheitskampf die Unabhängigkeit erringen. Der Preis dafür war hoch: die bis heute konfliktträchtige Teilung in die Staaten Indien und Pakistan. Premierminister Nehru war die unbestrittene Leitfigur des jungen Staates und verknüpfte auf eigenwillige Weise radikale Rhetorik mit einem Gefühl für das politisch Machbare. Tharoor äußert sich allerdings kritisch über die Tendenz Nehrus, die strategischen Interessen Indiens und seinen persönlichen Idealismus zu verwechseln. Indien habe während Nehrus Amtszeit zwar auf internationalem Parkett sichtbar agiert – so bei der Konstituierung der Blockfreien Staaten. Doch sei Nehru in seiner Einschätzung der chinesischen Politik völlig naiv gewesen. Folglich war Indien auf die durch Peking provozierten kriegerischen Auseinandersetzungen Anfang der sechziger Jahre schlecht vorbereitet und musste eine katastrophale Niederlage einstecken.
Tharoor nennt »vier tragende Säulen« des von Nehru geschaffenen Systems: den Aufbau demokratischer Institutionen, einen entschiedenen Säkularismus, Sozialismus im Inneren sowie eine blockfreie Außenpolitik. Was ist davon geblieben? Hier ist der Autor skeptisch: Der Konsens, den Nehru geschaffen habe, sei brüchig geworden. Die Demokratie bestehe zwar weiterhin fort, der Säkularismus sei jedoch »erschüttert, die Politik der Blockfreiheit ist nahezu vergessen, der Sozialismus hat fast allen Halt verloren«. Doch habe, so das Credo des Buches, Indien nicht zuletzt angesichts seiner innenpolitischen Probleme wie etwa des Hindunationalismus und der daraus resultierenden Konflikte mit der muslimischen Minderheit allen Grund, sich an Nehrus Ideale zu erinnern.
- Datum 27.09.2006 - 06:22 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.09.2006 Nr. 40
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