Medizin Eine Pille gegen Einsamkeit
Nach den Großfusionen in der Pharmabranche tun sich jetzt auch kleinere Hersteller zusammen.
Nun hat die Konsolidierungswelle in der Arznei-Industrie auch die kleinen Anbieter erfasst. Innerhalb weniger Tage wurden gleich drei Deals verkündet, an denen deutsche Mittelständler beteiligt sind: Merck aus Darmstadt übernimmt ein Unternehmen in der Schweiz, Altana verkauft seine Medizinsparte nach Dänemark, und Schwarz Pharma soll Teil eines belgischen Wettbewerbers werden. Der Grund ist in allen drei Fällen identisch: Die Erforschung neuer Arzneien ist teuer und riskant. Und je kleiner die Unternehmen sind, desto schlechter können sie Misserfolge wegstecken.
Zum Beispiel Merck : Das älteste Pharmaunternehmen der Welt übernimmt mit Serono den größten Bio-Tech-Betrieb Europas. Es ginge darum, die Basis »für das 21. Jahrhundert zu sichern«, verkündete Konzernchef Michael Römer in der vergangenen Woche. Das klingt zukunftsweisend, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in Darmstadt vor allem darum geht, Probleme der jüngeren Vergangenheit zu reparieren. Dem Familienunternehmen, das schon Arzneien herstellte, als noch der Frankfurter Geheimrat Goethe bei den Apothekern Merck ein und aus ging, war in den vergangenen Jahren wenig Forscherglück beschieden. Mehrere Pillenprojekte verunglückten, erst im Juni etwa floppte ein Parkinson-Medikament kurz vor der Markteinführung. Die Folge: Die Darmstädter haben nur ein Produkt mit Patentschutz im Programm.
Vor einer ähnlichen Perspektive stand auch Altana . Seine guten Ergebnisse verdankt das Unternehmen vor allem einem Produkt – dem Magenmittel Pantoprazol. Doch dessen Patent läuft demnächst ab. Das Unternehmen versuchte, sich im Bereich Asthma ein zweites Standbein aufzubauen, was aber nicht gelang. Gleich zwei Substanzen musste Altana wegen mangelnder Wirksamkeit aufgeben. Jetzt wird der Arzneihersteller an Nycomed verkauft. Das dänische Unternehmen konzentrierte sich bislang auf den Vertrieb fremder Arzneien – auch die von Altana. Vermutlich wird es die Forschung in Deutschland eher beschneiden.
Einen ähnlichen Weg hat Schwarz Pharma eingeschlagen. Das Monheimer Unternehmen leistet sich schon seit langem keine risikoreiche Grundlagenforschung mehr. Es entwickelt Ideen aus fremden Laboren bis zur Marktreife weiter – und das erfolgreich. Drei Arzneien, die Schwarz während der klinischen Versuche betreute, stehen kurz vor dem Sprung in die Apotheken, ein Parkinson-Pflaster hat sogar schon erste Zulassungen in Europa. Doch nun fehlen dem Familienunternehmen die Mittel für den Vertrieb, weshalb sich Mehrheitseigentümer Patrick Schwarz-Schütte zum Verkauf entschloss. Das Unternehmen wird nun Teil der belgischen Gesellschaft UCB, die umgekehrt viele Vertreter hat und wenige eigene Produkte.
Mit Schwarz, Altana und Merck stehen drei Unternehmen vor der Wende. Insgesamt beschäftigen sie rund 31000 Mitarbeiter, dazu kommen rund 17000 Menschen bei den Partnern – und alle bangen um ihre Zukunft. Am härtesten wird es wohl Altana mit seinen 9000 Beschäftigten treffen. Nur wenn sie fremde Forschungsprojekte an Land ziehen, so wie ihre Kollegen bei Schwarz, werden sie für ihren neuen Arbeitgeber nützlich sein.
Jobgarantien gibt es allerdings auch bei Schwarz nicht. Rund zehn Prozent Kosten will das Unternehmen UCB durch den Zusammenschluss einsparen. Wie viele der 4400 Monheimer Mitarbeiter dabei gehen müssen, mochte Schwarz-Schütte nicht darlegen. »Zur Arbeitsplatzfrage sage ich nur so viel«, ließ der scheidende Firmenchef wissen: »Wenn wir alleine geblieben wären, wäre es schlimmer gekommen.« Lange habe er mit sich gerungen, sagt der 50-Jährige, der früh in die väterliche Firma einstieg und früh ergraute. Er sei zu dem Schluss gekommen, ein Unternehmen dieser Größenordnung könne die Risiken des Pharmageschäfts nicht mehr bewältigen.
Mit ähnlichen Argumenten hatten auch die Großen der Branche ihre zahlreichen Zusammenschlüsse während der vergangenen Jahre begründet. Die Schweizer Gesellschaften Sandoz und Ciba Geigy etwa, die zu Novartis verschmolzen und so vor knapp zehn Jahren die Konsolidierungswelle ins Rollen brachten. Nach demselben Muster taten sich 1999 Hoechst aus Deutschland und Rhône-Poulenc aus Frankreich zu Aventis zusammen, nur um kurz darauf von Sanofi übernommen zu werden. Und der deutsche Bayer-Konzern übernahm – angeschlagen seit dem Rückzug der unter Nebenwirkungsverdacht stehenden Pille Lipobay vor fünf Jahren – Anfang 2006 die Berliner Schering AG.
Im März dieses Jahres hatte übrigens auch Merck kurzfristig Interesse an Schering. Dass der Mittelständler gegen den Leverkusener Konzern unterlag und sich nun mit dem kleineren Schweizer Unternehmen Serono trösten muss, verwundert wenig. Eher schon erstaunt es, wieso die Zwerge der Branche jahrelang warteten, bevor sie zusammenrückten, während die Riesen schon fleißig fusionierten.
Erklären lässt sich das nur durch die unterschiedliche Eigentümerstruktur. Die Großen der Branche sind allesamt Konzerne, deren Anteile am Kapitalmarkt gehandelt werden. Wenn sie sich Fehler in der Forschung erlauben, müssen sie schnell reagieren – beispielsweise andere Unternehmen kaufen, um sich zu stärken. Versäumen sie das, rauscht der Aktienkurs in den Keller, und sie werden selbst zum Übernahmeopfer.
Dass eine solche Reaktion der Sache nicht immer dient, zeigt das Beispiel des größten Pharmaunternehmens der Welt. Im Kampf um den Platz an der Spitze der Weltrangliste hat der US-Konzern Pfizer sich in den vergangenen Jahren neben zwei Großkonzernen wie Warner-Lambert und Pharmacia auch noch zahlreiche kleinere Firmen einverleibt. Doch der Forschergeist scheint dabei auf der Strecke geblieben zu sein. Seit der Potenzpille Viagra haben die Labore von Pfizer keinen eigenen Bestseller mehr hervorgebracht.
Das Gegenmodell sind Unternehmen mit starken Familien im Hintergrund. Musterbeispiel ist der deutsche Mittelständler Boehringer Ingelheim . Auch bei Boehringer kam es zu Durststrecken, die Labore gaben mehrere Jahre lang überhaupt nichts Neues her. Die Eigentümerfamilie hat das einfach ausgesessen und weiter investiert: Heute hat Boehringer mehr neue Produkte denn je. Die GmbH & Co KG ist zwar bei weitem nicht das größte, dafür aber das am schnellsten wachsende Pharmaunternehmen der Welt.
Doch nicht immer sind Besitzer so ausdauernd wie in diesem Fall. Bei Schwarz und Altana – börsennotierte Unternehmen, deren Kapitalmehrheit bis zu dieser Woche in der Hand von Familien ruhte – zeigt sich: Auch die Leidensfähigkeit von Familien-Eigentümern hat irgendwann ein Ende.
Merck dagegen scheint eher dem Vorbild von Boehringer nacheifern zu wollen. Seit der Gründung 1668 haben die Nachfahren des Gründers Friedrich Jacob Merck offenbar eine gewisse Nonchalance erworben. Den größten Einschnitt in der Erfolgsgeschichte des früh globalisierten Arzneiherstellers stellt die Enteignung der Auslandstöchter nach dem Ersten Weltkrieg dar. Dass die ehemalige Amerikafiliale – heute ein unabhängiges US-Unternehmen namens Merck & Co – sich über Jahre erfolgreicher schlug als die alte Mutter, mussten die Darmstädter hinnehmen. Und ebenso die umgekehrte Entwicklung: als der US-Konzern mit dem ähnlich lautenden Namen vor zwei Jahren sein Schmerzmittel Vioxx wegen Nebenwirkungen vom Markt nehmen musste. Wegen der steten Verwechslung brachte das nicht nur den Kurs der amerikanischen Gesellschaft zum Einsturz, sondern ließ auch die Aktie der deutschen Merck KGaA erzittern.
Immer schon brauchten die Darmstädter gute Nerven, und so kommt es, dass sie auf den Leerlauf in ihren Laboren anders reagieren als die beiden anderen Mittelständler, die in dieser Woche die Weichen umlegten. Merck verkauft seine Pharmatochter mit 18000 Mitarbeitern nicht etwa, sondern kauft sogar noch einen Bio-Tech-Riesen mit fast 5000 Leuten dazu. Wie Merck hatte allerdings auch Serono in der Vergangenheit Probleme mit der Forschung und suchte deshalb einen Partner. Wie viele der Arbeitsplätze werden am Ende übrig bleiben?
Nach der Vorgeschichte ist man geneigt, Merck-Managern wie Pharma-Chef Elmar Schnee Glauben zu schenken, wenn der sofort beteuert: »Uns geht es nicht darum, auf Teufel komm raus Synergien zu heben.« Stellen streichen könnten die Darmstädter auch ohne eine teure Übernahme.
Der Vollständigkeit halber muss gesagt werden, dass die Nachkommen des alten Herrn Merck sich auch in Jahren mit mageren Medizinrenditen nichts vom Munde absparen müssen. Denn gleichzeitig verdient die Chemiesparte des Unternehmens seit Jahren viel Geld mit Flüssigkristallen, die für Fernseher und andere flache Bildschirme gebraucht werden. In absehbarer Zeit allerdings wird eine konkurrierende Technologie die Kristalle ersetzen. Spätestens dann muss die Medizinsparte ihr Geld wohl selbst verdienen. Sonst könnte es passieren, dass die Familie trotz mehr als 330 Jahren Firmengeschichte irgendwann die Geduld mit ihrer Arznei-sparte verliert.
- Datum 27.09.2006 - 04:50 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.09.2006 Nr. 40
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