Die eigentliche Hauptperson dieser Geschichte ruft lange nicht zurück. Ungewohnt, weil sie das bei anderen Themen binnen einer Stunde tut. Eine Politikerin, mitten im Leben stehend, die man auf den ersten Blick als Karrierefrau bezeichnen würde, eloquent und zielstrebig. Eine Vorzeigefrau für jede Partei. Die Grünen-Abgeordnete Ekin Deligöz mit ihrem Sohn Sinan, 5, auf dem Weg in die Bundestags-Kita im Regierungsviertel BILD

Sie ruft nicht zurück, auch nicht auf Nachfrage in ihrem Büro. Dann doch eine Verabredung, jedoch kurz davor eine flüchtige Absage auf dem Anrufbeantworter: »Entschuldigung, meine Besuchergruppe hält mich auf im Bundestag.« So erfolglos verlaufen normalerweise Rechercheversuche zum Thema Lobbyismus, BND oder Stasi-Vergangenheit. Aber es geht nur um ein Kind.

Deutsche Politikerinnen mit Kleinkindern werden bestaunt wie Affen im Zoo. Sie sind eine seltene Spezies. Im Bundestag sitzen 30 Frauen, die 40 Jahre alt oder jünger sind. Nur sieben von ihnen, also rund jede vierte, haben ein Kind. Anders ausgedrückt: Nur ungefähr jedes hundertste Mitglied des Bundestages ist eine junge Mutter.

Diese Frauen gelten als lebender Beweis für die Vereinbarkeit von Karriere und Kind – und das bei Terminkalendern, die denen von Managern gleichen. Die Mutterschaft einer erfolgreichen Frau – die die normalste Sache der Welt sein sollte – wird für manche zum Störfaktor. Politikerinnen, die nicht unauffällig die Hinterbank drücken wollen, bleiben nur zwei Möglichkeiten: sich verstecken oder sich der Dauerbeurteilung aussetzen.

Meine Gesprächspartnerin hat sich entschieden, nur anonym über die Kinderfrage zu berichten. Es sei ihr einfach zu blöd, dauernd darüber reden zu müssen. Erst recht als Alleinerziehende. Karriere als Alleinerziehende, darf das sein? Sie benutzt nicht das Wort »alleinerziehend«. Sie sagt: »Es ist ja so, dass der Vater nicht bei uns lebt.« Aus Sorge um Ver- und Beurteilung schweigt eine junge, modern denkende und lebende Politikerin des Bundestages, der doch eigentlich dazu da ist, für bessere und gerechtere Lebensbedingungen zu kämpfen. Auch für die von alleinerziehenden Müttern und Vätern. Wie soll da mutige Politik entstehen, wenn im Zentrum solche Vorsicht herrscht?

Das Thema war in einem Gespräch über das Elterngeld-Gesetz der Bundesregierung aufgekommen, bei dem die Politikerin plötzlich und unvermittelt von ihrem privaten »Ich« gesprochen hatte. Es ging um die Frage, ob sich Arbeitgeber und Vorgesetzte nun an den Gedanken gewöhnen werden, dass es zu normalen Verpflichtungen eines Leistungsträgers im Unternehmen gehören kann, auch mal ein paar Monate oder ein Jahr für ein Kind auszusteigen. Meine Gesprächspartnerin sagte unvermittelt: »Hier in Berlin weiß fast keiner, dass ich ein Kind habe und alleinerziehend bin, ich halte das aus der Politik raus. Ich habe es immer vermieden.«

In der Fraktion weiß kaum jemand, dass sie ein Kind hat