Dies ist ein Buch über modernen Feminismus. Feminismus? Der Chor der Abwehr singt: »Och ne, Mädels. Geht das jetzt wieder von vorne los mit haarigen Beinen und verbrannten BHs und Frauen-Lesben-Referaten und der Verteufelung der Heterosexualität als Unterdrückungswerkzeug des Mannes?« Der Chor der Abwehr kann beruhigt werden. Die Siebziger sind vorbei. So wie damals wird es nie mehr.

Es wird, nach dem Willen von Thea Dorn, noch schlimmer: Ihr Buch liest sich wie ein 300Seiten starkes: »Los! Auf jetzt! Die Zeit der Trägheit ist vorbei. Schön war es in den 90ern, als wir alle Girlies waren, auf Partys rumhingen und Zicken-T-Shirts unsere extremste politische Aussage waren. Aber während wir cool waren, haben andere, Männer, Karriere gemacht. Ihr Vorsprung ist groß. Aber nicht uneinholbar. In die Puschen!«

Der Ton ist flott, der Stil schnell. Das wird ein Kampf

Starke Aussage. Wie kommt sie dazu? Zuerst über ein großes biografisch unterlegtes Mea Culpa, das erklären soll, warum Frauenfragen lange Zeit für sie keine waren, wie sie dann durch Schlüsselerlebnisse von Saula zu Paula reifte. Auch durch Gespräche mit elf bemerkenswerten Frauen, die über ihre Leben, ihre Leistungen und über Feminismus sprechen. Im Stile von: Früher hatten wir uns eingebildet, wir hätten das F-Wort nicht nötig, aber unter dem Druck der Realitäten geben wir zu, wir haben uns geirrt.

Sie liegt wohl mit dieser These nicht ganz falsch. Andere haben in den vergangenen Wochen die gleiche Richtung eingeschlagen. Auch die ZEIT, auf deren Titel Frauen kürzlich forderten: Wir brauchen einen neuen Feminismus. Bei Thea Dorn also plaudern elf Frauen auf vielen Seiten aus dem Nähkästchen, und bald drängt sich der Leserin gleichen Alters ähnlichen Werdegangs ein starkes Déjà-vu auf.

Der Ton ist flott, der Stil schnell. Es wird kein Blatt vor den Mund genommen. Egal ob die Moderatorin Charlotte Roche über ihre Leidenschaft für Pornos redet und erklärt, warum der klassische Feminismus ihrer Meinung nach bei allem Archaischen und Triebgeleiteten versagt habe. Oder ob die Berufsberaterin Uta Glaubitz erzählt, wie sie den Frauen ihrer Seminare zu erklären versucht, dass »da, wo die Angst sitzt, der Weg lang geht« und warum der Berufswunsch Innenarchitektin sie in Rage versetzt. Viele der gezogenen Schlüsse und vertretenen Thesen hat man schon mal gehört in Talkshows, in der Kneipe, am heimischen Küchentisch, und plötzlich ist ganz klar: Thea Dorn hat keinesfalls einfach ein Buch für Frauen über Frauen geschrieben. Sie hat ein Buch für ihren Kiez geschrieben, und in dem entwirft sie eine idealtypische Frauenelite nach ihrem Wunsch. Eine F-Klasse eben, stark, unabhängig und willensstark genug, um »Germany’s Next Rolemodel« zu werden.

Das wird ein Kampf, und da kein Kampf ohne Feindbilder auskommt, hat sie sich gleich zwei ausgeguckt. Das klassische Patriarchat gibt es ja nicht mehr. Also müssen »der Islam« und »das deutsche Feuilleton« herhalten. Über »das deutsche Feuilleton« ist schon viel geschrieben worden. Und wer genauer hinsieht, wird feststellen, dass es vielschichtiger ist, als es den Schirrmachers und Eva Hermans recht sein kann. Der Islam wiederum hat sich in den vergangenen Jahren zum Lieblingsfeind vieler feministisch denkender Frauen entwickelt. Beim Muslim-Bashing sind sich das feministische und das traditionalistische Lager dann wieder einig und gehen wundersame Allianzen ein, wie ein kürzlich erschienenes Alice-Schwarzer-Interview im Feuilleton der FAZ beweist.