Und jetzt schnell ein paar Takte Musik!« Man mag es kaum glauben, der deutsche Moderator schämt sich nicht. Düdel dü und Ding dong dudelt’s zwischen den Nachrichten, danach eine sanfte Rockballade (erster Refrain), der langsame Satz eines Streichquartetts (ausgeblendet), die Anfangstakte eines gewissen Mädchens aus Ipanema (unterlegt), mehr bleibt da nicht, Radioland ist abgebrannt. Greift man zum Buch, lesen sich die Radio-Gespräche von Studs Terkel über Musik wie Nachrichten aus einer anderen Welt: wunderlich menschlich und altmodisch ernsthaft. Die Stimme des ehrlichen Amerika: Studs Terkel (2002) BILD

Seit 1945 moderierte Studs Terkel , die Stimme des ehrlichen Amerikas, täglich seine einstündige Radiosendung in Chicagos Sender WFMT, er legte auf den Plattenteller, was er wollte: »Nach einer Caruso-Arie Ombra mai fu aus Händels Xerxes konnte West End Blues von Louis Armstrong und seiner Hot Seven laufen, wiederum gefolgt von einer Dust-Bowl-Ballade von Woody Guthrie. Wenn mir ein Musikstück, gleich welchen Genres, gefiel, spielte ich es den Hörern vor.« 45 Jahre lang las er Geschichten, die er liebte, lud Gäste zum Interview ein, legte er den Grundstock zu einer oral history der amerikanischen Kultur, die noch heute in einem Archiv-Raum voller Tonbänder bewahrt wird und aus dem er nach und nach Gespräche veröffentlicht. Studs meets Music ist so eklektisch wie sein Geschmack, so aufklärerisch wie sein Herz links schlägt, so »willkürlich wie das Leben selbst«.

Kunst = Leben, so denken all diese Musiker

Die Einteilung des Buches in klassische Musik, Jazz, Blues, Komponisten oder Impresarios müsste ihn eigentlich irritieren, ist ihm doch nichts fremder als Schubladendenken. Würde das Gespräch mit Leonard Bernstein von 1985 nicht besser neben dem Interview mit dem überraschend mitteilsamen Bob Dylan von 1963 stehen? Die wunderbare Sopranistin Lotte Lehmann neben Janis Joplin sitzen? Der Bluessänger Big Bill Broonzy dem Mozart-Dirigenten Josef Krips zugrinsen? Was sie eint, ist der erklärte Wahnsinn, die Kunst mit dem Leben gleichzusetzen, sich das eine ohne das andere nicht vorstellen zu können. Was in der klassischen Musik, in der Oper, in den Liedern die Identifikation mit der Rolle ist (»Wenn er Boris war, er war Boris « Tito Gobbi), bedeutet für den Jazzmusiker oder Rocksänger die Einflüsse der Vorbilder so zu assimilieren, bis sie »ihr eigenes Ding machen« (Janis Joplin) oder ihre »innere Stimme« entdecken.

Studs Terkels Buch ist von einer Selbstverständlichkeit geprägt, die jedem das Recht zuspricht, seinen eigenen Blues zu singen, aber unnachsichtig in der Qualität bleibt. »Ich brauchte 40 Jahre, um herauszufinden, wie man eine Taste anschlägt«, gesteht Keith Jarrett, doch er denkt dabei nicht an Technik, es ist die Mischung aus Ordnung und Zufall, oder wie der klassische Pianist Alfred Brendel sagt: »Intellekt und Staunen müssen zusammenwirken. Und je besser man etwas versteht, desto größer kann das Staunen sein.« Nicht fehlerfrei zu spielen ist das Ziel, sondern stimmig. Der Komponist Aaron Copland meinte einmal zu seinen Musikern: »Sie spielen zu schön.«

Ein Buch, in dem es von Leuten nur so wimmelt

Wie eine unsichtbare Melodie liegt unter all den Gesprächen die Frage, was denn den Geschmack von Studs Terkel im Innersten zusammenhält. Der Heldentenor Jon Vickers liefert dazu das Kriterium des Theologen Paul Tillich, der von Kunst fordert, sie müsse »dem Unbedingten« dienen. Es trifft auf sie alle zu, die hier vereint sind: Mahalia Jackson wie Birgit Nilsson, auf Pete Seeger wie Andres Segovia, Dizzy Gillespie und selbst auf den Impresario John Hammond Sr., Produzent von Bessie Smith, Billie Holiday oder Bob Dylan sowie unnachgiebiger Verfechter der Integration schwarzer Künstler.