Politisches Buch Wahrheit ist Gott
Dieter Conrad entdeckt Gandhi als Schöpfer eines weltverändernden Begriffs des Politischen.
In der zunehmend entintellektualisierteren Gegenwart kann der Wilhelm Fink Verlag für seine kultur- und gesellschaftsphilosophischen Bücher nicht genug gelobt werden. Ein weiteres, das die Prägung »denkwürdig« verdient hat, schmückt von nun an das Programm. Dieter Conrad, ehemaliger Leiter und akademischer Direktor der Abteilung Rechtswissenschaft am Südasieninstitut der Universität Heidelberg, erörtert an Mohandas »Mahatma« Gandhi und dessen Lehre vom gewaltfreien Widerstand staatsrechtliche Zentralbegriffe der europäischen Tradition und zweifelt schließlich angesichts spätmoderner Entwicklungen berechtigterweise an der Ratio des Staates als zentraler Ordnungsvorstellung der Gegenwart.
Gandhi (1869 bis 1948) vornehmlich als politischen Theoretiker und Schöpfer eines weltverändernden Begriffs des Politischen zu begreifen ist ein aufregendes Unternehmen. Gleich vorweg: Es glückt. Mahatma (»die gute Seele«) Gandhi war weit mehr als jene Ikone des rundbrilletragenden, asketischen Reformers, der gegen die aufgenötigte Sekurität englischer Kolonialherrschaft im Indien der 1920er Jahre aufbegehrte. Während sein okzidentaler Antipode Max Weber in der Religion die nicht aufhebbare Antithese zur Politik erkennt, führt Gandhi, der »orientalische Heilige«, die Religion als Ausdruck spiritueller Selbstvervollkommnung geradezu willentlich in die Politik ein. Sein Ziel ist die religiöse Diffusion aller Lebensbereiche, sein Religionsbegriff ein doppelter: Die allgemeine Menschenreligion jenseits aller konkreten Religionen und Konfessionalismen transzendiert die jeweilige Nationalreligion.
Der als Programmatik zu verstehende Titel zielt direkt (und wohl gewollt) auf Carl Schmitt. Der brillante wie umstrittene deutsche Staatsrechtslehrer der Weimarer Republik begriff das Politische als Unterscheidung zwischen Feind und Freund und promovierte den Staat als politische Einheit zum höchsten Ordnungsprinzip, dessen Souveränität sich in der Bestimmung des Ausnahmezustandes und der Letztentscheidung manifestiert. Wo Schmitt den Dezisionismus heiligt und jedes Recht auf Widerstand beseitigt, strebt Gandhi, in der Dämmerung des religiösen Bruderkriegs zwischen Hindus und Muslimen im kolonialistischen Nachkriegsindien, zeitgleich nach widerständiger Wahrheit – Wahrheit verstanden als kommunikativer Prozess, der keine endgültigen Entscheidungen zulässt. »Wahrheit ist Gott« lautet seine Kernformel. Gandhi hebt somit auch die Unterscheidung der weberschen Gesinnungs- und Verantwortungsethik auf zugunsten einer »Ethik für den Anderen«, anstelle und zugunsten des Anderen und also für alle.
Dreh- und Angelpunkt in Conrads Erörterung ist der alte rechtsphilosophische Antagonismus zwischen potestas und violentia. Um deren Verhältnisbestimmung geht es ihm vorderhand, und in Gandhis Versuch, religiös motivierte Gewaltlosigkeit allein als Mittel zum Zweck der Wahrheitsfindung zu etablieren, erkennt Conrad einen entscheidenden kulturellen Vorteil des Orientalischen gegenüber der okzidentalen Staatsphilosophie und ihrem dogmatischen Säkularismus (der, das darf nicht vergessen bleiben, eine Reaktion auf Europas Religionskriege war).
Die große Leistung dieses Buchs besteht im überraschenden Rekurs auf Luthers Zwei-Reiche-Lehre, die Conrad als maßgebliche Inspirationsquelle für Gandhis politische Theologie identifiziert. Für den Wunsch nach Aufrechterhaltung der Ordnung als göttliche Ordnung, die auf der Offenbarung basiert, lässt Luther notgedrungen physische Gewalt zur Durchsetzung des Rechts zu. Gandhi hingegen propagiert das Ideal der Gewaltlosigkeit als universale Liebesethik außer- oder überstaatlicher Menschenrechte. Wenn man in Rechnung stellt, dass Gandhi ein überzeugter Tolstojaner war, ist die Vermutung nicht abwegig, man habe es im Falle des orientalischen Bergpredigt-Bewunderers in Wahrheit mit einem christlichen Europäer zu tun.
Conrad vermag Gandhis Begriff des Religiopolitischen luzide abzuleiten. Sein substantivistischer (deswegen aber nicht weniger substanzieller) Stil kommt gelegentlich ungelenk daher, und hier und da wäre eine stärkere Stringenz der These statt der fußnotenintensiven Ausführlichkeit wohltuend gewesen. Letztlich aber lädt das Buch zum Einstieg in ein Reich des Wissens ein, das in letzter Konsequenz eine fundierte und überzeugende Kritik an Offenbarungsreligion und absoluten Wahrheiten anbietet.
Nichts scheint dieser Tage, da messianische Eiferer auf muslimischer wie christlicher Seite das dezisionistische Freund-Feind-Paradigma reaktivieren, wichtiger denn eine transkulturelle Konzeption von Gemeinwohl, Gewalt und Herrschaft, die nicht in naiver Anthropologie versackt, sondern bei aller Sensibilität für die Wolfsnatur des Menschen im lebhaften Diskurs stets aufs Neue verhandelt wird. Zu einer expliziten Conclusio ist Dieter Conrad leider nicht gekommen. Er starb, bevor das Werk vollendet war. Es lohnt in jedem Fall, die feinen Fäden weiterzuknüpfen, die er gesponnen hat.
- Datum 28.09.2006 - 03:45 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.09.2006 Nr. 40
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