Alles, aber auch alles, was wir zivilisierten Neuzeitmen-schen bisher über Wut und Zorn gedacht haben, ist falsch, meint der Philosoph Peter Sloterdijk. Während die Liebe Neues und Gutes hervorbringt, sehen wir in der Aggression einen Zerstörer. Wie harmonisch könnte das Zusammenleben der Menschen sein, seufzen wir, wenn nicht das Geltungsbedürfnis des Einzelnen immer dazwischenfunkte, sein Gefühl, herabgesetzt zu werden, der Neid oder die Lust auf Rache! Doch all das stimmt ja nicht, erklärt Sloterdijk nun in seinem »politisch-psychologischem Versuch« Zorn und Zeit, und ebenso wenig die landläufige Auffassung, dass es sich beim Prozess der Zivilisation um eine Zähmung aggressiver Affekte handele.

Nur dass Sloterdijk nie von Aggression spricht, auch nicht von Wut, sondern vom Zorn und seinem großen altgriechischen Bruder, dem thymós. Mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der seine Sprachgemeinschaft »erotisch« und »Erotik« im Munde führt, verwendet Sloterdijk die selbst gebildeten Begriffe »thymotisch« und »Thymotik«. Sein Anliegen ist, nachzuweisen, dass die moderne Wissenschaft zu Unrecht den Menschen als erotisches, weniger als thymotisches Wesen begreife.

In der Psychoanalyse sieht Sloterdijk den Hauptschuldigen, der den Vorrang des Guten, den das Christentum bisher immer nur herbeigesehnt und -gepredigt hat, zur vermeintlichen Tatsache hat werden lassen. Denn die Psychoanalyse erkenne als das Movens hinter allem menschlichen Handeln die Sexualität, den Appetit, das Streben nach Intersubjektivität oder gar Verschmelzung; wohingegen Aggression und Hass immer nur wie Stiefkinder, nämlich als Störungen im Familien- oder generell sozialen Leben behandelt würden.

Ob sich dieser Vorwurf auf der Höhe sämtlicher beschuldigter Fachwissenschaften bewegt, mag dahingestellt bleiben – doch zweifellos erkennt man in Sloterdijks Darstellung den vorherrschenden Blick auf den Menschen wieder: »Kaum treten bei Individuen oder Gruppen ›Symptome‹ wie Stolz, Empörung, Zorn, Ambition, hoher Selbstbehauptungswille und akute Kampfbereitschaft auf, nimmt der Parteigänger der thymós -vergessenen therapeutischen Kultur Zuflucht zu der Vorstellung, diese Leute müssten Opfer eines neurotischen Komplexes sein. Die Therapeuten stehen hiermit in der Tradition der christlichen Moralisten, die von der natürlichen Dämonie der Selbstliebe sprechen, sobald die thymotischen Energien sich offen zu erkennen geben.«

Bis zum Ende des Buches bleibt unbestimmt, ob man den thymós am besten als Trieb, Affekt, als eine »Grundkraft« oder als die eben erwähnten »Energien« definiert. Jedenfalls handelt es sich um etwas, das sich aufbewahren, verstärken und manipulieren lässt. Ungefähr wie Michel Foucault die als Repressionshypothese bezeichnete Ansicht zurückwies, dass das Abendland die menschliche Sexualität unterdrücke, so meint Sloterdijk, mitnichten hätte beispielsweise das katholische Christentum den thymós bloß einzudämmen gesucht. Stattdessen sei die Aggression geschürt, kanalisiert und im Zusammenspiel von Himmelsversprechen und Höllenandrohung stabilisierend eingesetzt worden.

Erbe dieser Herrschaftspraxis – ein Wort, das Sloterdijk allerdings nicht verwendet – seien im 19. und 20. Jahrhundert die vielfältigen sozialistischen und kommunistischen Bewegungen gewesen, die die messianische Idee, eines Tages werde die ungerechte Welt in einem Sturm von Verzweiflung und Tod zurechtgerückt, neu durchspielten.

Der Trick bei der Religion wie auch der politischen Bewegung besteht sozusagen darin, genug Zorn zu entfachen, ihn aber auch zu sammeln und zu konservieren, damit er auf Geheiß der Führungsriege entfesselt werden kann. Der ungeliebte Zorn war demnach immer anwesend, inmitten der menschlichen Gemeinschaft, und auch in den heutigen Terrorakten bricht nicht etwa Neuartiges auf. Bezeichnend und beunruhigend für unsere derzeitige Situation findet Sloterdijk eher, dass beide großen Formen des Aggressionsmanagements, Katholizismus und Kommunismus, ihre Anziehungskraft unwiederbringlich verloren haben – mit der Konsequenz, dass es den »Thymos-Feldern« nicht gelinge, sich zu stabilisieren.