Erziehung Unser Lehrer Doktor Bueb
Der einstige Leiter des berühmten Internats Salem am Bodensee macht mit seinem Buch »Lob der Disziplin« Furore. Wir fragten Ehemalige: Wie war es, unter ihm Schüler gewesen zu sein?
»Ich durfte nicht Schulsprecher werden«
Nach Salem zu gehen war die beste Entscheidung meines Lebens. Ich war ziemlich renitent und musste unbedingt von zu Hause weg. Herrn Bueb habe ich die meiste Zeit aus der Ferne erlebt; er war eine graue Eminenz. Nur als ich zum Schulsprecher gewählt wurde, hatten wir ein Problem miteinander. Jemand wie ich könne nicht Schulsprecher werden, sagte er, mit meinen andauernden Regelverstößen sei ich kein Vorbild. Ich habe damals heimlich geraucht, häufig die Schule geschwänzt, das Schulgelände nachts verlassen, Schulbusse »ausgeliehen«. Obwohl eine große Mehrheit der Schüler mich wählte, habe ich dann das Amt nicht angenommen – eine »diplomatische Lösung«. Im Nachhinein fand ich sein Vorgehen richtig. Wenn ich Kinder hätte, würde ich sie momentan nicht nach Salem schicken. Nicht etwa wegen Herrn Bueb, im Gegenteil. Seit er weg ist, geht es in der Leitung drunter und drüber, die Schule hat andauernd schlechte Presse. Herr Bueb war ein Glücksfall für die Schule.
Philipp Gaschütz, 27, Geschäftsführer einer IT-Firma, Abitur 2000
»Bueb war etwas linkslastig«
Ich war einer der ersten Schülersprecher unter Bernhard Bueb. Er war damals sehr jung für einen Schulleiter, 36 Jahre. Wir als Jugendliche empfanden ihn als von den 68ern geprägt: vergeistigt, etwas linkslastig, sehr theoretisch. Von seinem Lob der Disziplin war in den siebziger Jahren wenig zu spüren; in einem Fall plädierten wir Schülersprecher dafür, einen Schüler zu entlassen, der seinen Mitschülern gegenüber handgreiflich geworden war. Wir fanden das inakzeptabel, aber Bueb war derjenige, der dem Schüler noch eine zweite Chance geben wollte. Dass Bueb die gewählte Schülermitverwaltung abschaffen und die Vertreter von der Schulleitung ernennen lassen will, finde ich falsch. Man kann nur einen Sinn für Demokratie und Verantwortungsbewusstsein für ein Gemeinwesen entwickeln, wenn man Demokratie in der Praxis übt.
Stefan Soiné, 48, Kulmbach, Geschäftsführer eines Backzutatenherstellers, Präsident der Altsalemer Vereinigung, Abitur 1977
»Er fordert von sich selbst die gleiche Disziplin«
Ich musste schon lachen, als ich die Schlagzeile der
Bild-Zeitung
gelesen habe: Das ist Deutschlands strengster Lehrer. Herr Bueb war sieben Jahre lang mein Schulleiter und für ein paar Monate mein Ethiklehrer. Obwohl er sehr bestimmt und mit deutlich formuierten pädagogischen Aussagen aufgetreten ist, habe ich mich niemals vor ihm gefürchtet. Ich weiß noch, wie er in jedem Schuljahr ankündigte, bis Weihnachten die Namen aller neuen Schüler auswendig zu lernen. Wenn er es bis dahin nicht geschafft hatte, würde er denjenigen eine Tafel Schokolade schenken, deren Namen ihm noch nicht einfielen Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es jemals so weit gekommen ist.
Felix Mauser, 30, Pressesprecher Theater Saarbrücken, Abitur 1997
»Wir nannten ihn den Todesengel«
Wir haben Herrn Bueb immer den »Todesengel« genannt. Er tauchte nur auf, wenn jemand gestorben oder von der Schule geflogen war. Ansonsten war er den Schülern gegenüber sehr distanziert.
Andreas Zeiser-Radtke, 30, Geschäftsführer einer Firma für Umwelttechnik, Abitur 1996
»Wir hissten die deutsche Fahne«
Im Jahr 2001 hatten wir als Schüler den Eindruck, dass die alten Werte, die wir schätzten, ein wenig verloren gingen. Die Ausbildung wurde mehr und mehr verweichlicht. Viele neue Schüler haben von Anstand und Disziplin wenig mitbekommen. Wir haben uns dagegen aufgelehnt, haben deutsche Fahnen gehisst und uns bewusst zu alten Traditionen und Werten bekannt. Es war eine Gegenbewegung zur antiautoritären Erziehung. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass die Disziplin von der Schule vorgegeben wird. Ich bin mir sicher, dass alles viel strenger wäre, wenn die Schüler das Sagen hätten.
Brian Schlede, 25, Geschäftsführer Xstatic-Systems GmbH, Bayreuth, Abitur 2001
»Zwei Kiffer flogen von der Schule«
Für unangemeldete Partys gab es auf Salem drei Regeln: am nächsten Morgen pünktlich zum Unterricht erscheinen, den Ort tipptopp aufgeräumt hinterlassen, und bloß nicht dabei andere Leute stören. Selbst wenn man erwischt wurde, galt in solchen Fällen Gnade vor Recht, auch unter Herrn Bueb. In meiner Zeit gab es einen Fall von Drogenmissbrauch. Zwei Jungs wurden beim Kiffen erwischt und sollten von der Schule fliegen. Allerdings war das in den Ferien passiert, und wir Schüler haben eine Petition unterschrieben, um gegen Dr. Buebs Pläne zu protestieren. Es gab dann einen Kompromiss, sie haben auf Salem ihr Abitur gemacht, haben aber nicht mehr im Internat gewohnt.
Tatjana Colsman, 36, Unternehmensberaterin, Abitur 1989
»Schüler mit dem Fernglas beobachtet«
Natürlich ist das Schloss Salem strenger als andere Schulen. Es wurde zum Beispiel jeden Tag ein Drogentest gemacht, und dreimal in der Woche gab es Alkoholkontrollen. Welcher Schüler kontrolliert wurde, entschied das Los. Mir hat das nichts ausgemacht, da ich sowieso nicht trinke und keine Drogen nehme. Mein Kumpel aber geriet regelmäßig in Panik, wenn er pusten musste. Einmal hat sich ein Lehrer in unserem Klassenraum versteckt und mit einem Fernglas Leute auf dem Hof beobachtet, die rauchten. Diese Kontrollen finde ich vollkommen richtig. In der Jugend macht man so viel Unsinn.
Valentin Müller, 22, Student Medienmanagement, München, Abitur 2005
»Ich hatte ein Konzert mit Lauryn Hill«
Ab der Mittelstufe saß ich permanent bei ihm im Büro, ich habe einfach zu viel Blödsinn gemacht. Einmal bin ich aus einem Wochenende nicht zurückgekommen, weil ich als Eröffnungsgruppe vor Lauryn Hill auftreten durfte. Ich habe einfach gesagt, ich hätte einen Autounfall gehabt, aber das hat mir niemand lange geglaubt. Zwischenzeitlich musste ich sogar auf eine andere Schule gehen, weil ich mich so unmöglich benommen habe. Aber das lag bestimmt nicht daran, dass Dr. Bueb übermäßig streng mit mir umgegangen ist. Ich habe ihn als einen sehr klugen Menschen kennen gelernt und schätze ihn sehr.
Patrice Bart Williams, Popmusiker, 27, Abitur 1999
»Welches Männerparfüm ist das beste?«
Einmal aß ich mit Herrn Bueb gemeinsam zu Abend. An seinem Tisch waren noch zwei Jungen und zwei Mädchen, und die Jungen diskutierten darüber, welches Männerparfüm derzeit das beste sei. Dr. Bueb hörte sich das eine Weile an, dann fragte er, ob wir so etwas nötig hätten. Es ist für Jugendliche hilfreich, wenn jemand ihnen andere Werte als Konsum vermittelt. Erst wenn man seinen eigenen Weg geht, merkt man, dass man diese Werte wirklich lebt. Man wird erst zum »richtigen« Salemer, wenn man die Schule verlassen hat.
Clemens Schulte, 25, BWL-Student, Eichtsätt, Abitur 2000
»Angst muss sein«
Ich stimme Herrn Bueb voll zu. Man fährt in einer Dreißiger-Zone nicht aus Höflichkeit 30, sondern weil man Angst vor dem Strafzettel hat. Angst muss sein, auch als Schüler muss man Angst vor Strafen haben. Jugendliche sind provokant und testen Grenzen aus. Da muss die Schule gegensteuern.
Eugen Lamotte, 21, Student Bachelor of Commerce, Sydney, International Baccalaureat 2004
»Die glücklichste Zeit meines Lebens«
Die zwei Jahre in Salem waren die glücklichste Zeit meines Lebens. Theater, Sport, Musik und Freunde sind mir in Erinnerung geblieben, an Strenge und Disziplin denke ich rückblickend überhaupt nicht. Einmal bin ich aus dem Mädchentrakt ausgebrochen. Als Strafe musste ich eine Stunde lang in der Küche Kartoffeln schälen. Meine Finger waren danach vom Wasser riffelig, aber es war mir eine Lehre: Ich bin nicht wieder ausgebrochen, und die Finger haben sich auch schnell wieder erholt.
Friederike Mauritz, 37, Eventmanagerin, Franktfurt am Main, Abitur 1988
»Guten Tag, Herr Doktor Bueb«
Traf man Herrn Bueb auf dem Flur, sollte man nicht »hallo« wie zu jedem anderen Lehrer sagen, sondern »Guten Tag, Herr Doktor Bueb«. So solle man mit allen Erwachsenen umgehen. Bei ihm haben wir uns daran gehalten, aber bei den anderen Lehrern weichte diese Distanz irgendwann auf. Auch die anderen Regeln habe ich nie als störend empfunden. Natürlich durfte man abends nicht einfach das Haus verlassen. Aber das heißt ja nicht, dass man es nicht getan hat. Als ich mit der Schule fertig war, hätte ich am liebsten nochmal wiederholt. Später werde ich meine Kinder auch nach Salem schicken – wenn ich Geld habe.
Dorothea Heidenreich, 23, Studentin Medien- und Kommuniktionswissenschaften, Passau, Abitur 2003
Aufgezeichnet von Henriette Kuhrt und Anne Hansen
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- Datum 02.10.2006 - 07:28 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.09.2006 Nr. 40
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aber fuer Elite gibt es keinen Ersatz. Ist genauso wie beim MIT oder Harvard. Alle, die das das geschafft haben, verdienen ganz schoen viel Geld.
Ich habe schon immer gesagt die Wessis wären die besseren Ossis gewesen.
Ist zwar off topic, aber dennoch: mit Architekten ließe sich kein Staat machen??? Kennen Sie den Architekten Albert Speer...?
Der nackte Wahnsinn - man wundert sich nicht über das Buebsche Buch, wenn man liest, was für Schüler er hat(te). Er scheint es von ihnen gelernt zu haben. Ist das nun das Resultat der neuestens so gern beschworenen Eliteförderung? Na dann prost Mahlzeit. Denk' ich an Deutschland in der Nacht ...
Lauter BWLer, Kommunikationsirgendwas, Eventmanager und Medienheinis, jetzt weiss ich endlich, wo diese dunkelen Horden herkommen.
Ohne diese "dunklen Horden" wäre in Deutschland schon lang das Licht aus.
Ganz egal ob Internatsschüler oder nicht, aber nur mit Kunstgeschichtlern und Architekten liesse sich kein Staat machen! Wir sollten froh sein dass es junge Leute gibt, die schon mit Mitte zwanzig Verantwortung übernehmen und Firmen leiten. Andere stecken zu dieser Zeit noch mitten im Langzeitstudium!
Könntest Du das präzisieren? Was genau stört Dich an den Kommentaren? Für mich hören sie sich alle ganz vernünftig und normal an.
Ich wäre vorsichtig hier von Elite zu sprechen, die geistige Elite ist das wohl nicht - eher renitente Kinder aus gutbetuchten Kreisen, von denen an einem öffentlichen Gymnasium so manche am Abitur gescheitert wären. Dagegen sprechen auch die 25-jährigen Geschäftsführer nicht. Wenn einem Papas Geld den Rücken stärkt, fällt auch das um Einiges leichter. Und strenge Regeln können einem durchaus das Leben einfacher machen: Wenn ich zur Strafe Kartoffeln schälen muss, habe ich meine Buße ja getan und brauche mich nicht um eigene Einsichten zu kümmern. (Ich fahre in 30er-Zonen übrigens nicht aus Angst vor Strafe zu schnell, sondern weil ich ein paar interessante Unfallstatistiken kenne.) Gratis bekommt man noch dazu, dass man später über seine ach so wilde Jugend reden kann.
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