In Der Mann mit dem Gummikopf , einem 1901 entstandenen Kurzfilm des Kinopioniers Georges Méliès, gibt es ein schönes Bild: Der wie ein Luftballon aufgeblasene Kopf des Regisseurs betrachtet seine eigene Inszenierung. Weit aufgerissenen Auges blickt er auf ein Kämmerlein voller seltsamer Gerätschaften und auf sich selbst in der Rolle eines weiß beschürzten Wissenschaftlers. Mit lässiger Selbstreflexivität beobachtet hier ein Spielkind sich selbst beim Tüfteln, Erfinden, Experimentieren. Bereits die erste Einstellung von Michel Gondrys neuem Film Science of Sleep – Anleitung zum Träumen erinnert an Méliès’ liebevoll gestaltetes Labor. Hier richtet ein junger Mann zwei Pappmaché-Kameras in einem Hobbystudio auf sich selbst und wechselt gleich darauf in die Rolle des Fernsehmoderators, der seinen Zuschauern erklären will, wie man Träume macht. Flugs geht er durch ein Türchen und betritt seine eigenen Fantasiewelten – ein Träumer schaut sich beim Träumen zu und ein Regisseur sich selbst bei der Arbeit.

Schon in Gondrys Musikvideos wird das Fantastische zum Naturgesetz, wie Méliès ist auch er ein homme de spectacle , bei dem sich noch der tiefste Griff in die Trickkiste zu geschlossenen Bildwelten formiert. Während Méliès in Die Reise zum Mond eine Hand voll Männer im feinen Anzug per Zug zum Mond schickt und wilde Abenteuer bestehen lässt, wird in Gondrys Video Deadweight ein Großraumbüro zum Ferienparadies, durch das der Sänger Beck mit hochgekrempelten Hosen waten kann. Allen physikalischen Regeln trotzend, wandelt Kylie Minogue in Come into my World fröhlichen Schrittes immer um denselben Häuserblock und vervielfältigt sich dabei unentwegt. In Gondrys Fantasieräumen ist alles möglich, sie scheinen wie Träume, die kein Unbewusstes brauchen, um ihre Bilder zu produzieren.

In seinem Spielfilm Eternal Sunshine of the Spotless Mind spielen Kate Winslet und Jim Carrey ein Paar, das den jeweils anderen mit einer Art Gehirnwäsche aus dem Bewusstsein löschen will, auf Gedächtnisreisen jedoch wieder zueinander findet. Zusammengehalten werden die ineinander fließenden Bewusstseinszustände hier noch durch Erinnerungsschnipsel, Tagesreste und weiteres psychoanalytisches Repertoire. Auf solche strukturellen Links verzichtet Gondry in seinem neuen Film, für den er zum ersten Mal selbst das Drehbuch schrieb. Endlich können sich die wundersamen Welten seiner Musikvideos ganz frei entfalten, scheint der Regisseur ganz bei sich und seinen Fantasien angekommen.

In einer der ersten Szenen schlüpft der Schauspieler Gael García Bernal in einen viel zu kleinen Anzug und in die Rolle von Gondrys Alter Ego. Er spielt Stéphane, einen jungen Mann, der nur im Traum die Fäden in der Hand hält, dem Leben hingegen machtlos zusieht. Mit Drähten, Knete, Schraubenziehern und Hämmerchen lässt er die eigenen Illusionen wahr werden und macht sich selbst zum Helden seines liebevoll zusammengeschusterten Reiches. So schnell, wie er zu Beginn hinter der Tür verschwunden ist, tritt Stéphane auch wieder aus ihr hervor. Gerade sauste er noch wie Superman über eine großartige Pappkulissenlandschaft, da holt ihn die Realität wieder ein. Als man im Grafikbüro kein Interesse für seine eigensinnigen Entwürfe zeigt, wachsen ihm überdimensionale Pranken, mit denen er wild auf seinen Chef einschlägt.

Wie seine eigenbrötlerische Hauptfigur arbeitet auch der Film mit den Händen, etwa wenn er das von Stéphane verdrahtete Stoffpony im altmodischen Stop-Motion-Verfahren zum Galoppieren bringt. Science of Sleep lässt den Zuschauer teilhaben an der Entstehung selbst gestalteter Leinwandträume und an einer zarten Liebesgeschichte. In seiner Wohnungsnachbarin Stéphanie (Charlotte Gainsbourg) findet der skurrile Erfinder und Tüftler eine Seelenverwandte, zusammen machen sie das Leben zum Spielplatz mit Wattewolken und einem Meer aus Zellophan. Man könnte solche Szenen als kitschige Anleitung zur Realitätsflucht verstehen. Doch Science of Sleep ist einfach nur ein liebevoller Film über die Kunst als ewige Bastelstube des Ichs.

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