Ich habe einen Traum »Eine Welt voller Inder!«

Shashi Tharoor, Schriftsteller und Untergeneralsekretär der Vereinten Nationen, träumt davon, dass es den Bewohnern der Dörfer in aller Welt besser geht

»In meinem Traum vermischt sich die ganze vielfarbige, multikulturelle Welt. So wie bei uns in Indien schon seit ein paar tausend Jahren. Ich habe nur eine große Sorge: Irgendwann würden dann alle Menschen indisch aussehen. Vielleicht wäre das ja auch ein Traum: Eine Welt voller Inder!«

Dörfer scheinen unserer Menschlichkeit näher als die Städte mit all dem Zement, den lärmenden Straßen und Ablenkungen. Auch ich bin teils in einem Dorf aufgewachsen, es heißt Elavanchery und liegt im Bezirk Palakkad. Als ich dort im südindischen Bundesstaat Kerala war, wo meine Familie herkommt, gab es noch gar nichts, kein Telefon, keinen Strom, man lebte dort wie seit Generationen. Über die Jahrzehnte habe ich, wenn ich Elavanchery gelegentlich besuchte, beobachten können, dass sozialer Wandel und Entwicklung möglich sind. Mein Traum dreht sich um diese Erfahrung.

Im Dorf, in der Welt meiner Träume, gehen alle Mädchen zur Schule. Dieser Traum ist in Kerala Wirklichkeit geworden, aber in vielen anderen Regionen der Erde noch nicht und auch nicht überall in Indien. In einigen Bundesstaaten ist der Analphabetismus noch immer weit verbreitet.

Es gibt keine Patentrezepte für Entwicklung, das haben wir in den vielen Jahrzehnten gelernt, in denen wir darum gekämpft haben. Aber umso klarer wurde, dass eine Schulausbildung für Mädchen für das Fortkommen der Gesellschaft am meisten bringt. Gebildete Mädchen sind Missbrauch und Ausbeutung weniger ausgeliefert und damit auch Krankheiten wie Aids.

Als Mütter wissen sie, dass man Wasser abkocht und was sie sonst um der Gesundheit ihrer Kinder willen tun müssen. Sie schicken diese Kinder auch wieder zur Schule. Am Ende kommt die ganze Familie voran und damit die Gemeinschaft, das Dorf. Als Schriftsteller habe ich noch eine weitere Begründung für diesen Teil meines Traums, die ist ganz egoistisch: Gebildete Mädchen sind Leserinnen! Ich träume davon, dass Frauen in der ganzen Welt meine Bücher lesen. Mein Traumdorf hat natürlich auch eine Bibliothek. So wie in Elavanchery, dort gibt es schon eine. Meine Familie hat sie gestiftet, sie ist nach meinem Großvater benannt.

Früher waren in meinem Dorf die Bereiche streng abgegrenzt, wo die Muslime wohnten oder eine bestimmte Kaste. Ich erinnere mich, wie ein unberührbarer Junge uns beim Spielen zuschaute. Wenn er den Ball auch nur streifte, wurde er angeschrien, weil er das Spielzeug beschmutzt und damit die ganze Runde diskreditiert hatte. Ich konnte das als Kind einfach nicht verstehen und wollte ihn zu uns einladen. Meine Familie war schockiert. Nicht mal die wichtigsten Regeln hatte ich offenbar kapiert.

Allmählich veränderte sich das soziale Bewusstsein in Indien, und der Junge durfte bei uns essen – aber allein und nur vom Boden. Irgendwann aß er auch mit uns zusammen. Private Räume jedoch ließ man ihn immer noch nicht betreten. Heute dürfen in einigen Dörfern in Zentral- oder Nordindien die unteren Kasten noch immer nicht denselben Brunnen benutzen wie die höheren. Aber indienweit haben wir Quotenregeln und auch andere politische Maßnahmen, um niedrigen Kasten und Minderheiten den sozialen Aufstieg zu ermöglichen. Das geht bis in die Dörfer hinein. Übrigens müssen auch die Dorfräte gesetzlich zur Hälfte mit Frauen besetzt sein.

Leider gibt es auch anderswo Diskriminierung. Araber gegen Schwarze in Teilen Afrikas. Schwarze gegen Weiße in mehreren Ländern der Welt. Wie mir scheint, leben auch viele Migranten in Europa isoliert. In meinem Traum lösen sich alle diese Grenzen auf. Die ganze vielfarbige, multikulturelle Welt vermischt sich. So wie bei uns in Indien schon seit ein paar tausend Jahren. Ich habe nur eine große Sorge: Irgendwann würden dann alle Menschen indisch aussehen. Vielleicht wäre das ja auch ein Traum: eine Welt voller Inder!

Kerala ist berühmt für seine schönen Strände, aber Elavanchery liegt im Inland, am Fuße des Western-Ghat-Plateaus. Die Landschaft ist absolut köstlich, nirgends sonst habe ich eine solche Vielfalt an Grünschattierungen gesehen. Nirgends ein solches Rot des Bodens, dieses Blau der Gewässer. Es ist eine Traumlandschaft. Unser Haus lag mitten in den Reisfeldern. Ich erinnere mich an die leise Brise und an die Stille. Man hörte nur die Grashüpfer. Aber solche Stimmungen gibt es natürlich überall in der Welt auf dem Land.

Unser Haus war das größte im Dorf, und ich weiß noch, wie Leute mit allen möglichen Krankheiten davor Schlange standen. Denn meine Großmutter gab Medikamente aus. Aspirin, Hustensirup, was immer sie gerade in der Stadt gekauft hatte. Sie hatte wohl einen höheren Schulabschluss, aber keinerlei medizinische Ausbildung. In meinem Traum hat jedes Dorf der Welt ein Gesundheitszentrum, wo nicht mehr Großmütter arbeiten, sondern Ärzte.

Als wir Elektrizität bekamen, gab es auf einmal so etwas wie angenehme Abende. Vorher herrschte der Terror der Dunkelheit. Wenn ich nachts mal rausmusste, dann zitterte ich vor Angst wegen der Schlangen. Bis die Magie der Lampen kam. Ich gehöre nicht zu denen, die Armut romantisieren, jedes Dorf soll alle Annehmlichkeiten haben, welche die Elektrizität zu bieten hat. Aber die Versorgung damit darf nicht Landschaft und Umwelt zerstören. Mit modernen Technologien kann man Energie heute zum Glück aus Biogas oder Solarzellen gewinnen. Direkt in den Dörfern. Im Haus hatten wir auch keinen Wasserhahn. Als Kind beobachtete ich die Erwachsenen, wie sie sich beim Zähneputzen über die Veranda lehnten und das Wasser in die Felder spuckten, das man aus dem Brunnen zog.

Hunderte Millionen Menschen haben keinen Brunnen, für Wasser laufen sie kilometerweit. In meinem Traum muss das niemand mehr. Ich kann nicht verstehen, wie wir im 21. Jahrhundert mit all der Technologie und all den Ressourcen, die wir zur Verfügung haben, weiter zulassen, dass mehr als eine Milliarde Menschen noch immer von weniger als einem Dollar am Tag leben. Wir dürfen nicht länger tolerieren, dass kleine Kinder abends hungrig zum Schlafen ins Bett geschickt werden. Genauer gesagt, auf den Fußboden.

Meine Literatur ist immer ein Vehikel gewesen, für politische Ideen zu streiten. Wenn es nun in meinem Traum allen Menschen gut geht: Heißt das dann, dass ich über gar nichts mehr schreiben kann und muss? Nein. Auch in Europa, wo vor hundert Jahren noch große Armut herrschte und es heute allen besser geht, ist den Literaten der Stoff für gute Romane nicht ausgegangen.

Aufgezeichnet von Christiane Grefe

Shashi Tharoor, 50, Schriftsteller und Untergeneralsekretär der Vereinten Nationen, geboren in London, studierte in Indien Geschichte und in den USA Jura. Seit 1978 arbeitet er für die UN in New York und war von 1997 bis 1998 Assistent des Generalsekretärs Kofi Annan, für dessen Nachfolge er jetzt als Kandidat antritt. In Deutschland erschienen jüngst seine Romane »Aufruhr«, »Bollywood« sowie »Das Leben des Pandit Nehru. Die Erfindung Indiens«. Shashi Tharoor träumt davon, dass es den Bewohnern der Dörfer in aller Welt besser geht

Literatur: Shashi Tharoor erzählt das Leben des Pandit Nehru »

 
Leser-Kommentare
  1. aber die Welt ist voller Inder. Egal wo man hinkommt,Inder gibt es in der Tat ueberall aber ich zweifle dass die Welt deshalb besser ist.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service