Die deutsche Regierungsposition zur Kernenergie ist in einer Broschüre des Bundesumweltministeriums nachzulesen. Das Schriftstück Mythen der Atomwirtschaft lässt kein gutes Haar an dieser Form der Energiegewinnung. Sie sei unrentabel, tauge nicht zum Klimaschutz und verhindere »Investitionen in moderne effiziente Kraftwerke«. Fazit: »Die Zukunft liegt nicht darin, eine Risikotechnik aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts wiederbeleben zu wollen.« No future – made in Germany. Wann dämmert es in der deutschen Kernenergieforschung? Das AKW Phillsburg bei Sonnenaufgang. BILD

Da erstaunt nicht, dass sich Mitte Juli in St. Petersburg die G8-Staaten zum Gipfel trafen, am Ende sich aber nur sieben der acht führenden Industrienationen zur kooperativen Nutzung der Atomenergie bekannten. Deutschland ziert sich – für die übrigen Mächte dagegen ist die Kernenergie selbstverständlich ein Element im künftigen Energiemix, neben Gas, Öl, Kohle, erneuerbaren Energien sowie den Techniken zur Steigerung der Energieeffizienz. In der gemeinsamen G8-Resolution wird festgehalten, dass die Weiterentwicklung der Kernkraft zur globalen Energiesicherheit, zur Dämpfung des Klimawandels und zur Verringerung der Luftverschmutzung beitragen könne. Gleiches ist nachzulesen in den Energieplänen der EU. Auch aufstrebende Wirtschaftsnationen wie Brasilien, Indien, China oder Südkorea setzen auf Kernkraft.

Dabei handelt es sich nicht um Lippenbekenntnisse. Die Globalisierung der Stromwirtschaft offenbart den Energiehunger und bewirkt spektakuläre Firmenkäufe. So schluckt derzeit die deutsche E.on den ehemals nationalen spanischen Versorger Endesa, einen der größten Stromlieferanten der Welt mit Kunden auf drei Kontinenten. Endesa betreibt mehrere Atomkraftwerke; mit der Fusion entstünde der weltgrößte Stromversorger. Zweiter in Europa wäre dann die Electricité de France (EdF), mit 40 Millionen Kunden weltweit und 58 Kernkraftwerken. EdF ist Hauptaktionärin der Energie Baden-Württemberg EnBW, des drittgrößten deutschen Versorgers, durch seine Tochter Yello Strom bundesweit aktiv. Platzhirsch in den neuen Bundesländern ist die schwedische Vattenfall. Sie bezieht 40 Prozent ihres Stroms aus Kernkraftwerken in Deutschland und Schweden und hat ein starkes Standbein in Finnland – das sich offen zur Kernenergie bekennt. Deutschland mag aussteigen, aber E.on, EdF oder Vattenfall werden nur lokal folgen, nicht global.

Dies weiß man auch in Berlin, die Bundesministerien für Wirtschaft und Forschung befürworten eine weitere Nutzung der Kernenergie. So will das Forschungsministerium mit seiner jüngst veröffentlichten High-Tech-Strategie Deutschland zur »forschungsfreudigsten Nation der Welt« machen. Wissenschaft und Wirtschaft sollen enger kooperieren, ideologische Scheuklappen fallen. Klingt gut. Doch genau an diese Strategie hält sich die eigene Regierung nicht, wenn es um das global wichtige Feld der Nuklearforschung geht. Mehr als zwei Dutzend Staaten kooperieren bei der Entwicklung neuer Kernreaktoren, die mehr Sicherheit und Wirtschaftlichkeit bieten sollen. Gemeinsam treiben sie auch die Technik für eine effektivere Nutzung des Brennstoffs voran.

Die deutsche Kernforschung jedoch begleitet seit Jahren Ablehnung, bestärkt durch die Katastrophe von Tschernobyl. Großforschungszentren wie Jülich oder Geesthacht, einst damit groß geworden, haben sich von der scheinbar zukunftslosen Energietechnik verabschiedet, viele Hochschulen ebenfalls. Das hat Spuren hinterlassen. Kein junger Mensch baut seine Karriere auf eine geächtete Risikotechnik, der Nachwuchs an Nukleartechnikern und -ingenieuren ist massiv eingebrochen. Selbst Kritiker der Kernenergie wie Michael Sailer vom Darmstädter Öko-Institut warnen vor einem Mangel an Personal und schwindendem Sachverstand im Bereich der nuklearen Sicherheit. Kernforschung global - klicken Sie hier für das pdf-Dolument! BILD

Denn eines ist gewiss: Auch beim geplanten Atomausstieg werden Nukleartechniker aus Sicherheitsgründen noch jahrzehntelang gebraucht. Der drohende Fadenriss in diesem Technikbereich hätte gravierende Folgen. Zwar lassen sich Kraftwerke bis zum nächsten Regierungswechsel herunter- und danach wieder hochfahren. Für Forschung und Sachverstand jedoch gibt es keinen Ein/Aus-Knopf. Wer hier Kompetenzen verspielt, wie die Bundesregierung seit Jahren, kann künftig seine Atomaufsicht nicht mehr besetzen und muss hierzulande erfundene Technik aus Südafrika oder China reimportieren.

Am 9. Oktober lädt die Bundeskanzlerin zum zweiten Energiegipfel nach Berlin. Der Nuklearkonflikt wird sich auch dort nicht lösen lassen. Zu starr sind die Fronten: Neun CDU-regierte Bundesländer (die über 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts vertreten) pochen auf die weitere Nutzung der Kernenergie. Die Koalitionspartnerin SPD aber beharrt auf ihrer Position aus rot-grünen Tagen: »Am Atomausstieg wird nicht gerüttelt.« Also bleibt die Regierung auf Ausstiegskurs.