Zivildienst ganz anders
Wer seinen Dienst im Ausland absolviert, kümmert sich um Straßenkinder oder betreut Gedenkstätten in Osteuropa
WER KANN SEINEN DIENST IM AUSLAND MACHEN?
Grundsätzlich gilt das Angebot, das im Behördenjargon anderer Dienst im Ausland heißt, für alle jungen Männer. Allerdings ist es an eine ganze Reihe formaler Bedingungen geknüpft: Wer ins Ausland geht, darf bei Dienstbeginn zum Beispiel nicht älter sein als 22 Jahre. Und er muss sich vor allem rechtzeitig um seine Stelle gekümmert haben wenn der Einberufungsbescheid zum Dienst in Deutschland vorliegt, ist es zu spät. Der klassische Weg ins Ausland führt über die obligatorische Musterung und die anschließende Kriegsdienstverweigerung. Wer dann eine Bestätigung vorlegt, dass er seinen Dienst im Ausland verrichtet, wird in Deutschland nicht einberufen. Aber Vorsicht: Einige Verbände, die im Ausland aktiv sind, haben lange Bewerbungsfristen, ein möglichst früher Kontakt empfiehlt sich.
IN WELCHEN LÄNDERN KANN MAN SEINEN ZIVILDIENST MACHEN?
Von afrikanischen Ländern wie Tansania und Äthiopien bis zu den europäischen Nachbarstaaten wie Polen und Frankreich ist fast alles im Angebot. Mehr als 200 Verbände sind offiziell anerkannt, jeder von ihnen hat ein anderes Zielgebiet. Entsprechend unterschiedlich sind die Aufgaben: Zu den Klassikern zählt die Betreuung von Gedenkstätten auf dem Gelände ehemaliger Konzentrationslager, aber auch Wohngemeinschaften mit Behinderten, Heime für Straßenkinder, Aufforstungsprojekte in den Subtropen und Brunnen-Baustellen in Afrika suchen Helfer. Wer ins englisch- oder französischsprachige Ausland geht, muss in den meisten Fällen die Landessprache fließend beherrschen. In vielen anderen Ländern bieten die Verbände ihren Mitarbeitern einen Sprachkurs an.
Wie viele Stellen gibt es im Ausland?
Das Angebot ist bei weitem kleiner als die Nachfrage: Den jährlich bis zu 90000 Zivildienstleistenden stehen etwa 1200 Stellenangebote im Ausland gegenüber.
Wie Bewirbt man sich?
Bei den meisten Verbänden gibt es Auswahlverfahren, um die besten Kandidaten für die Stelle herauszufiltern. Üblicherweise verlangen die Organisationen eine komplette Bewerbung mit Motivations- und teilweise auch Empfehlungsschreiben. Manche laden anschließend zu einem persönlichen Auswahlgespräch ein. Gute Karten hat, wer sich auch vor der Bewerbung schon sozial engagiert hat. Wer nur seine Sprachkenntnisse verbessern will, der ist beim Dienst im Ausland sicher falsch, sagt Johannes Zerger von der Aktion Sühnezeichen, die zu den größten und etabliertesten Trägern von Auslandsdiensten zählt.
Bevorzugt werden Bewerber, die Interesse an der Sache zeigen und ihren persönlichen Horizont erweitern möchten. Die Stellen in New York seien übrigens nicht begehrter als jene in Minsk oder Sambia: Viele der jungen Männer wollten vor allem neue Erfahrungen sammeln und suchten sich deshalb ganz gezielt exotischere Orte aus.
Wer Entscheidet über die Anerkennung der Träger?
Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt.
WELCHE NACHTEILE HAT EIN DIENST IM AUSLAND?
Wer seinen Dienst im Ausland machen will, muss viel Zeit mitbringen: Der Einsatz muss mindestens zwei Monate länger dauern als der Zivildienst in Deutschland, derzeit also elf Monate. In den meisten Fällen sind die Stellen im Ausland zudem schlechter bezahlt. Im Regelfall übernehmen die Träger gerade einmal Unterkunft, Verpflegung und die Reisekosten sowie Unfall- und Auslandskrankenversicherung. Ein kleines Taschengeld gibt es nicht in allen Fällen.
HAT MAN NACH EINEM DIENST IM AUSLAND SPÄTER BESSERE CHANCEN AUF EINEN ARBEITSPLATZ?
Auslandserfahrung und kulturelle Kompetenz gehören zu den viel beschworenen Soft Skills, auf die fast alle Arbeitgeber achten. Als Karriereturbo taugt der Auslandseinsatz trotzdem nur bedingt, weil ideelle Gründe im Vordergrund stehen sollten. Bei vielen jungen Männern prägt der Dienst aber die Berufswahl: Wir beobachten, dass sich manche zu Experten für das Land entwickeln, in dem sie tätig waren, sagt Johannes Zerger von der Aktion Sühnezeichen, andere studieren Politikwissenschaften oder Geschichte, um die Erfahrungen aus dem Ausland zu vertiefen.
Wo gibt es weitere Informationen?
Zum Beispiel im Internet: Auf der Website www.zivildienst.de informiert das Bundesamt für Zivildienst ausführlich über die Möglichkeiten zum anderen Dienst im Ausland und nennt Ansprechpartner für Beratungen. Hilfreich ist ein PDF-Dokument, in dem die Bedingungen des Auslandseinsatzes und alle anerkannten Trägerorganisationen angeführt sind.
Die Aktion Sühnezeichen beschäftigt jedes Jahr mehr als 70 Auslandszivis in verschiedenen Ländern und zählt damit zu den größten Anbietern. Informationen gibt es unter www.asf-ev.de
Zusammengestellt von Kilian Kirchgessner
- Datum 28.09.2006 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 40/2006
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