Hochbegabte
Klein und schlau
Hochbegabte können schon im Kindergarten gefördert werden. Muss das sein?
Damals, als Fritz’ Opa starb, hatte Fritz viele Fragen: Mama, warum gehen wir auf den Friedhof, du sagst doch, Opa ist im Himmel? Wer benutzt jetzt Opas Haus? Was ist, wenn wir alle gestorben sind – wer benutzt dann unser Haus? Da war Fritz drei, und seine Eltern waren es gewohnt, dass er viele Fragen hatte. Fritz’ Eltern antworteten, erklärten, diskutierten und waren am Ende eines Tages müde vom vielen Reden und vom Suchen verständlicher Antworten. Nicht dass Fritz ein kompliziertes Kind wäre, im Gegenteil, ganz pflegeleicht, sagt seine Mutter. Lediglich ein bisschen pfiffiger als andere. »Entwicklungsschnell«, sagte der Kinderarzt.
Bens Vater dachte »Hilfe!«, als Ben mit noch nicht einmal zwei Jahren zu seinem Vater sagte: »Papi, dahinten ist ein grünes Auto, da, wo die Mülltonne ist!« Ein Elf-Wort-Satz, grammatikalisch fehlerlos. Mit 18 Monaten hatte Ben das Alphabet auswendig aufgesagt. »Vermutlich hoch begabt«, diagnostizierte der Kinderarzt. Und als Ben, »ein supernormales, offenes Kind«, in den Kindergarten kommen sollte, sagten die Erzieher: »Ach, schon wieder so ein Kind mit Zahlen und Buchstaben, da gibt’s einen Spezialkindergarten, gehen Sie mal dahin!«
Sie sind Kinder wie alle anderen – nur schneller im Kopf
Dieser Spezialkindergarten ist in Hannover und wird von der Karg-Stiftung für Hochbegabtenförderung unterstützt: Das Christliche Jugenddorfwerk (CJD) wurde 1995 gegründet und war die erste sozial-integrative Kindertagesstätte in Deutschland, die sich der hoch begabten Kleinen annahm. Vier Gruppen mit maximal 17 Kindern, davon etwa die Hälfte ganz normale Kinder aus dem Stadtteil Mittelfeld, einem sozial eher schwachen Viertel. Die andere Hälfte hoch begabt. Oder entwicklungsschnell. Und das ist der Knackpunkt: Als hoch begabt gilt, wer einen Intelligenzquotienten von mindestens 130 hat. Das sind etwa zwei Prozent eines jeden Jahrgangs, etwa gleich viele Jungen wie Mädchen.
Doch Hochbegabung kann erst mit zehn, zwölf Jahren verlässlich festgestellt werden. Bei einem drei- oder vierjährigen Kind, das als hoch begabt getestet wurde, ist die Prognose nicht verlässlich. Der Psychologe Detlef H. Rost von der Philipps-Universität Marburg sagt: »Die Diagnose ›hoch begabt‹ bei einem Fünfjährigen steht auf wackligen Füßen, bei noch Jüngeren ist das wie Kaffeesatzlesen.« Und Intelligenzforscherin Elsbeth Stern vom Max-Planck-Institut in Berlin ergänzt: »Ein molliges Baby wird nicht unbedingt ein molliges Kind sein. Aber ein molliges Grundschulkind wird mit größerer Wahrscheinlichkeit auch später übergewichtig sein.« Schnelle Kindergartenkinder haben manchmal einfach nur einen Entwicklungsvorsprung, den andere später aufholen. Die Kinder bei ihrem jeweiligen Entwicklungsstand abholen und individuell fördern ist der Anspruch des CJD-Kindergartens.
Es sind Details, die den Kindergarten ein bisschen anders machen: Im Morgenkreis suchen die Kinder aus den Kärtchen mit den Zahlen und Monatsnamen die für den jeweiligen Tag heraus, klemmen sie an eine »Datumsleine«. Die Erzieherinnen rufen die Kinder mal mit ihren Vornamen auf, mal mit ihren Nachnamen. Neulich nannten sie spaßeshalber nur die Geburtsdaten. Im Mittagskreis spielen sie »Kinderraten«. »Das Kind, das ich meine, hat ein schickes weißes Kleid an, rosa Strümpfe und blonde Haare«, sagt Max. Anna blickt an sich herunter, dann ruft sie laut: »Ich!«
In gruppenübergreifenden Projekten können die Kinder Experimente machen, Schach spielen oder Englisch lernen. Ein Projekt oder zwei befürworten die Erzieherinnen pro Kind. Die Eltern würden ihre Kinder in viel mehr Kurse stecken. Den Pädagogen geht es aber nicht darum, den Kindergarten zu verkopfen und Stundenpläne wie in der Schule aufzustellen, sondern darum, die Kinder in ihrer Persönlichkeit zu stärken. »Manche Kinder entwickeln sich asynchron«, sagt Alexandra Igel, Pädagogin im CJD. »Sie mögen intellektuell zwar auf dem Stand eines Grundschulkindes sein, emotional und sozial sind sie aber genauso weit wie andere Fünf- oder Sechsjährige.«
Eingangstests gibt es im Hochbegabten-Kindergarten nicht. Wer sich für einen Platz bewirbt, war häufig schon in einer anderen Kita – und dort aufgefallen. Wie der Junge, der nicht mehr in den Kindergarten wollte, als nach den Ferien seine älteren Freunde alle in die Schule gingen. Oder der, der immer Bauchschmerzen hatte, wenn er in den Kindergarten sollte, und so auf die Unterforderung reagierte.
»In einem vernünftigen Kindergarten fühlen sich auch die Begabten wohl«
Natürlich kommen auch ehrgeizige Eltern, die ihr Kind besonders gefördert haben möchten. Den Eltern der tatsächlich sehr begabten Kinder geht es vor allem um eins: Ihr Kind soll glücklich werden. Über hoch begabte Kinder halten sich eine Menge Gerüchte. Sie brauchten weniger Schlaf, sie seien perfektionistisch, besonders sensibel oder hätten keine kleinkindlichen Trotzphasen, weil sie Zusammenhänge früh begriffen. »Alles Quatsch«, sagt Detlef Rost, der seit 1987 eine Langzeitstudie über Hochbegabte durchführt. »All diese Checklisten sind keine Ergebnisse empirischer Untersuchungen, sondern unzulässige Verallgemeinerungen von Einzelfällen. Hochbegabte sind Kinder wie alle anderen auch. Einziger Unterschied: Sie denken besser und schneller.« Wenn ein Vierjähriger etwa alles über Dinosaurier weiß, ist das noch kein Beleg für herausragende Begabung.
Auffällig sei eher, wenn Kinder ein sehr großes und breit gestreutes Wissen hätten: Wenn ein Vierjähriger spontan lesen kann, rechnet, viele kluge Fragen stellt und logisch denkt. Wenn er das Schild sieht »Rauchen verboten« und daneben einen Aschenbecher und darin das Widersinnige erkennt und fragt: »Warum gibt es hier Aschenbecher, wenn Rauchen verboten ist?« Das sei eine Denkleistung, die aufmerksam werden lasse, sagt Rost. Allerdings nur, wenn so was häufiger vorkomme. Er warnt vor einer Hochbegabtenhysterie – nicht jedes Kind, das mit vier Jahren lesen oder schreiben kann, ist hoch begabt. Deshalb testet er Kinder unter fünf nur in Ausnahmefällen. Ohnehin kann nur kognitive Intelligenz getestet werden, nicht künstlerische oder musische.
Wichtig ist, dass sehr schnelle und schlaue Kinder mit ganz normalen Kindern zusammen sind: Reine Hochbegabtengruppen oder -klassen nehmen den Kindern wichtige Sozialisationschancen, sagt Rost, denn sie müssen im Leben mit weniger Begabten zurechtkommen. »Innere Differenzierung« sei der Königsweg. Jeder muss seine Fähigkeiten einbringen können. Das sollte jeder Kindergarten, jede Schule leisten können: »Wenn die Kinder einen Waldausflug machen, dann planen halt die Hochbegabten den Ausflug, und die weniger Begabten schmieren die Butterbrote.« So würden die Kinder merken, dass beide Aufgaben gleich wichtig sind. Wenn es keine Brote gibt, haben die Kinder Hunger. Wenn sie den falschen Bus nehmen, kommen sie nicht in den Wald. »In einem vernünftigen Kindergarten fühlen sich auch die Hochbegabten sauwohl«, sagt Rost. Und die Intelligenzforscherin Elsbeth Stern kann die Eltern beruhigen: »Wer sein Kind ernst nimmt, muss keine Angst haben, dass es einen Input verpasst und etwas versäumt, wenn es nicht sofort an einem Spezialprogramm teilnimmt.«
Cordula Bleh, Psychologin bei der Karg-Stiftung, sagt: »Je nach Erwartungshaltung, je nach ›Brille‹, durch die ich gucke, kann ich das Verhalten eines Kindes interpretieren. Vor ein paar Jahren sprachen alle vom Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS). Habe ich die Brille ›ADS‹ auf, ordne ich Verhaltensmuster anders ein, als wenn ich die Brille ›Aggressivität‹ oder ›Einzelgänger‹ aufhabe. Wir wollen nun, dass sich die Erzieherinnen die Kinder auch durch die Brille ›hoch begabt‹ angucken.« Deshalb bietet sie bei der Karg-Stiftung Weiterbildungen zum Begabtenpädagogen an.
Die Gefahr ist nur, dass die Brille nicht mehr abgenommen wird – und Kinder zu schnell unter »vermutlich hoch begabt« abgeheftet werden. Da nimmt ein kleiner Junge eine Schere und schneidet in das Moskitonetz über dem Lesesofa Löcher hinein. Oder Fenster. Was dem Vorhaben zumindest einen Sinn verliehe und auf viel Fantasie schließen ließe. Über sinnlose Löcher dagegen hätte man in den Siebzigern noch anders geurteilt: Antiautoritär erzogen, der Bengel.
Links zum Thema
Karg-Stiftung - Internetportal zum Thema Hochbegabung »
Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind »
Bildung und Begabung e.V. »
Kindergarten-Workshop Hochbegabung »
Literatur zum Thema
H. Horsch, G. Müller, H.-J. Spicher
»Hochbegabt und trotzdem glücklich?«
Oberstebrink-Verlag, Ratingen, 2006, 24,80 Euro
Bundesministerium für Bildung und Forschung
»Begabte Kinder finden und
fördern«.
Die Broschüre aus dem Jahr 2003 ist nur noch als PDF erhältlich »
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- Datum 30.9.2006 - 04:50 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 28.09.2006 Nr. 40
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Man kann Kinder schon im Spiel viele Sachen beibringen und ihre Talente foerdern ohne dass es zum Zwang kommt.Mein Enkel kam in die erste Klasse und hatte im Kindergarten schon die Grundbegriffe in Lesen und Mathematik gelernt dazu kam noch Kunst und alle moeglichen Sachen die ihm viel Spass gemacht haben und nach 14 Tagen in der ersten Klasse stellte die Lehrerin fest dass er auf dem Level eines 3.Klaesslers lesen kann.Er ist fast geplatzt vor Freude!
muss ich zustimmen - was soll denn nun schlimm daran sein, dass intellektuell fähige Kinder im Kindergarten gefördert werden. Gerade solange Acht darauf gegeben wird, dass es sich tatsächlich um eine Förderung der Kinder und nicht eine Wunschliste der Eltern handelt, ist doch auch überhaupt nichts dagegen einzuwenden.
Die Behauptung, Hochbegabten Kindern ergehe es in einem "normalen" Kindergarten wie allen halte ich jedoch für recht optimistisch. Andersartige Interessen und Fähigkeiten separieren oft und das macht eher selten glücklich.
Sozialisierung der Hochbegabte Kinder zwischen andere, "normal"-begabte, ist sehr wichtig, weil dieses nun einmal die einzig richtige Vorbereitung zum Erwachsenen-Welt darstellt, wo auch nicht alle hochbegabt sind.
Es kann aber nur dann erfolgreich stattfinden, wenn es gleichzeitig auch genuegend Platz gibt fuer die Interessen der Hochbegabten.
Und dieses ist manchmal nur dann moeglich, wenn da eine ganze Gruppe von hochbegabte Kinder zusammen ist, und das hochbegabte Kind also nicht allein da steht zwischen die "Normal"-begabten.
Auch muessten die Lehrer gut darauf vorbereitet sein, dass hochbegabte Kinder oft - neben die allgemeine Beduerfnise aller Kinder - noch spezielle extra (intellektuelle und kulturelle) Beduerfnisse haben.
Ein Hochbegabtes Kind, dass allein dasteht, wird oft Opfer von Mobbing durch den anderen Schueler, und dieses vermittelt dem Kind nicht das Gefuel "ueberlegen" zu sein, was oft falschlich gedacht wird, sondern hat eher - ganz in Gegenteil - tiefe und lebenslange Minderwertigkeits-Gefuelhle zur Folge.
Sich z.B. schon fruehzeitig fuer Astronomi, Schach oder Geschichte zu interessieren, wenn die andre nur Fussbal im Kopf haben, oder Beethoven und Shostakovitsch zu hoeren, wenn die anderen nur Rock oder Rap moegen, ist im Kinderalter leider nicht der Vorteil, den vielen Erwachsenen oft gerne daraus machen moechten.
Wenn - im Namen des falsch verstandenes sozialistischen
"Gleichberechtigungs-Ideales" - Hochbegabten nicht die Moeglichkeit geboten wird, sich auf die eigene Ebene zu entwickeln, sondern "einfach mit zu machen" mit alle anderen, ist das nicht nur eine Verschwennung des kostbarste Kapital, dass eine Gesellschaft hat, sondern auch - wass noch viel schlimmer ist - ein ernstes Verbrechen gegen dieses Kind.
So lebenswert es ist, dass die Frage nach der Förderung auch Hochbegbater im Kindergarten aufgegriffen wurde, so sehr erzeugte dieser Artikel ein schwer zu beschreibendes Unbehagen.
Abgesehen davon, dass natürlich hoch begabte Kinder wie andere Kinder auch gefördert werden sollten - klar spielerisch, weil für Kinder ja das meiste Spiel ist, ehe es in der Schule zu Arbeit umdefiniert wird letztlich aber ja nur Entdecken der Welt und Entwickeln eigenen Fähigkeiten bedeutet sind Hochbegabte alles andere als eine homogene Gruppe, die strikt bei einem IQ von 130 (den man durchaus wenn auch nicht messerscharf in einem früheren Zeitpunkt als mit 12 Jahren , feststellen kann) beginnen.
Das ist ja kein spezielles biologische Phänomen. Es sind tatsächlich Kinder, die neben der Fähigkeit, schneller und vergleichsweise abstrakter zu denken und sich viel zu merken, die je nach Interessenlage, Persönlichkeit, Herkunft mehr oder weniger anders an manche Dinge herangehen als ihre jeweilige Umgebung.
Der Unterschied zu Gleichaltrigen wird höchstwahrscheinlich bei einer Professorentochter eher unerheblich sein als bei dem Kind dass z.B. im sozialen Brennpunkt aufwächst, oder in einer Familie, die Neugier und Intelligenz möglicherweise als bedrohlich angesieht oder wenn Eltern einfach Angst haben mit diesem Kind aus dem Rahmen zu fallen.
Es ist nicht einfach eine Frage von kognitiven Kapazitäten (die natürlich vieles kompensieren können) aber eben auch von Persönlichkeitsentwicklung, und die geschieht im Spiegel der Umwelt.
Lernen bedeutet eben auch etwas über sich zu lernen. Wer wüsste das besser als Herr Rost, der aber gerade gerne diesen Umstand herunter spielt (den man natürlich auch nicht dramatisieren sollte in dem Sinne, Hilfe, mein Kind wird mit Sicherheit ausgegrenzt werden und zwangsläufig leiden).
Aber Zahlen allein helfen nicht, die Dinge zu erhellen (weder IQ-Werte noch Statistiken), weil die Gefahr besteht, hinter all den Zahlen, die Wirklichkeit zu vergessen, die ja eigentlich abgebildet werden soll.
Sinnvoller wäre es vielleicht, zu sehen, was hochbegabte Kinder zu bewältigen haben, wo es tatsächlich Unterschiede gibt, wo Risiken vorhanden sind und wie man all das unterstützen kann. Dies dann möglichst genau zu beschreiben und Eltern, Lehrer und Erzieher/innen an die Hand zu geben, um die Kinder besser begleiten zu können.
Ein differenzierter Blick auf das einzelne Kind kann oft sehr hilfreich sein, einen angemessenen Umgang und damit auch die richtige Förderung zu finden.
Ein uberdurchschnittlich begabtes Kind kann in einem "normalen" Kindergarten leiden. Ich habe es auf eigenem Leibe spueren muessen: die Lehrerinnen fuehlen sich ueberfordert, wenn ein Kind zu viele Fragen stellt und zu schnell liest (und Bilderbuecher doof findet, da es da zu wenig Woerter gibt). Andere Kinder schauen einen mit riesengrossen Augen an, wenn man ihnen von Juri Gagarin oder Fledermaeusen, die in Hoehlen schlafen, erzaehlt. Da sie nicht verstehen, was der hochbegabte Aussenseiter sagt, wird er von Gleichaltrigen als "voellig bekloppt" eingestuft. Ich wurde in der ersten Klasse der Grundschule von der Klassenlehrerin als "wandelnde Enzyklopaedie" bezeichnet, und diese Name ist bis zum Ende des Lyzaeums kleben geblieben und wurde zum Grund ewiger Haenseleien. Wer moechte sich schon mit einer "wandelnden Enzyklopedie" verabreden? Deswegen befuerworte ich die Idee der Kindergaerten fuer Hochbegabte - sonst steht man als ein fuenfjaehriges King in der Mitte des Klassenzimmers und hoert, wie alle anderen, die nicht mal lesen koennen, ihn als einen Idioten und Sonderling beschimpfen.
in sonderschulen werden minder begabte gefoerdert, klassifiziert nach der art ihrer stoerung, in kleinen gruppen und von besser ausgebildeten und bezahlten lehrkraeften. warum sollte ein solches system nicht in anderer richtung sinnvoll sein ?
Sehr schoen, dass die Thematik "Hochbegabung im Kindergarten" aufgegriffen wurde. Entgegen der Meinung von Herrn Rost kann man naemlich durchaus mehr als "nur" Entwicklungsvorspruenge" in diesem Alter erkennen. Zugegebenermassen ist die Korrelation zwischen gemessenen IQ-Werten im Kleinkindalter und im Schulalter nicht besonders hoch, aber eindeutige Tendenzen lassen sich durchaus feststellen. Nicht umsonst gibt es IQ-Tests, die schon ab 4 Jahren (und sogar frueher) zugelassen sind. Die sind dann nicht so genau wie spaeter, aber geben doch eine untere Grenze der Leistungsfaehigkeit des jeweiligen Kindes an.
Studien aus den USA haben gezeigt, dass eine frueh gemessene Hochbegabung sich nicht einfach in Luft aufloest. Die Aussage:"Schnelle Kindergartenkinder haben manchmal einfach nur einen Entwicklungsvorsprung, den andere später aufholen" deckt sich mit dem in den USA gaengigen Spruch, dass die anderen Kinder bis zur 3. Klasse aufgeholt haben. Das ist genau dann wahr, wenn diese Fruehstarter lange genug keine Foerderung bekommen.
Unter dieser Praemisse, naemlich, dass Hochbegabung im Kindergartenalter schon feststellbar ist, sind auch Foerderprogramme fuer diese Kinder sinnvoll. In einem Kindergarten wie dem Beschriebenen funktioniert das ja auch anscheinend, leider aber oft nicht im Regelkindergarten. (Auch wenn es durchaus positive Exemplare gibt)
Zu Herrn Prof. Rosts Aussage, dass hochbegabte Menschen wie jeder andere sind, aber schneller denken kann ich nur antworten: ja und nein. Natuerlich sind die Kinder Kinder mit natuerlichem Spieltrieb, sie stecken in einem z.B. vierjaehrigem Koerper mit den Beduerfnissen ebendesselben. Auf der anderen Seite kann man Hochbegabung nicht auf das "schneller Denken" reduzieren. Forschung hat ergeben, dass auch weitere Aspekte der Persoenlichkeit vom Phaenomen Hochbegabung betroffen ist: so fuehlen, denken, "sind" diese Kinder in der Regel intensiver und tiefergehend als ihre Gruppenkameraden. Daraus folgt dann gerne erhoehte Empfindlichkeit (Traenen, Laermempfindlichkeit, Perfektionismus und mehr, Arbeiten von Dabrowski, Silverman, Roeper und andere).
Da in Deutschland viele Eltern um das Thema Hochbegabung herumreden (nicht zuletzt um nicht als "hysterisch" zu gelten), und auch die eigenen Kinder nicht zum Thema aufklaeren, weiss dann das jeweilige Kind irgendwann nicht mehr, was mit ihm "nicht stimmt", warum es anders ist als alle anderen in der Gruppe usw. Es wird selbstkritisch, einsam, zieht sich zurueck, passt sich an bis zur Selbstaufgabe oder wird auffaellig, Und in der 3. Klasse ist die Hochbegabung dann nicht mehr messbar (siehe oben)
Die Kinder, die Herr Prof. Rost beschreibt, sind die ganz wenigen von der Sorte, die halbwegs gleichmaessig entwickelt sind und auch nicht die Gruppe der Hoechstbegabten (die nach Mahoney desto ungleichmaessiger entwickelt sind, je hoeher der IQ ist). Die gibt es, sind aber nicht die Regel.
Nicht jedes hochbegabte Kind muss Probleme bekommen, aber es gibt wohl schon einen Grund dafuer, warum 25% der amerikanischen High school-Abbrecher getestet hochbegabt sind.
Ich war selbst ein schnelles Kind und das hat dazu geführt, dass ich in einer normalen Grundschule in NRW von einer überforderten Lehrerin bei guten Leistungen und besonders forderndem Verhalten in Bezug auf neue Lerninhalte keine Empfehlung für das Gymnasium bekam, da ich dieser geistig minderbemittelten Lehrerin zu anstrengend war.
Ärgerlicherweise lebt diese Frau auch heute noch im gleichen Dorf wie ich und hat ihre unbegabte Tochter, die in meinem Alter war, natürlich auf das Gymnasium geschickt, wo diese, nicht ich, im unteren Drittel der Leistungskurve rangierte.
Zur Oberstufe verschwand sie auf eine andere Schule, wo die Leistungsstandards wohl nicht so hoch waren.
Heute bin ich ,da meine Mutter glücklicherweise nicht auf sie gehört hat, mit einem guten Abitur und einem gut abgeschlossenen Studium ausgestattet.
Eine Frau, die von der gleichen Lehrerin nicht für das Gymnasium als geeignet befunden wurde, hat nacher dann doch von der Realschule auf das Gymnasium gewechselt und ist heute Doktor der Medizin, kein Fach für Idioten.
Worauf will ich hinaus?
1. Hochbegabte müssen in spezifischer Weise gefördert werden, damit sie ihr eigenes Lerntempo nutzen können. Nicht alle Kinder sind von ihrem Begabungsprofil über einen Kamm zu scheren.
2. Damit sie aber auch ein gutes Sozialverhalten entwickeln sollte auch darauf geachtet werden, dass sie sich im Verhältnis zu weniger begabten Alersgenossen sozialisieren.
3. Eine Linke Auffassung von der absoluten Gleichheit aller Menschen, hat insbesondere im vollkommen leistungsfeindlichen NRW der 70iger-90iger Jahre dazu geführt, dass die Begabten in keinster Weise so gefördert wurden, dass sie ihre Potenziale entwickeln und als Erwachsene im Dienst der Gesellschaft umsetzen können.
4. Bayern und Baden-Württemberg haben sich des Themas Hochbegabung seit langer Zeit intensiv zugewandt. NRW mit seinem linken Sumpf nicht. NRW ist selbst daran schuld, dass es von einem ehemaligen Träger der Gesellschaft zum bevölkerungsreichsten Sumpf der Bundesrepublik abgestiegen ist.
5. Kinder müssen sich möglichst spielerisch und frei entfaltend in Lernsituationen fühlen. Das fördert ihre normalerweise ohnehin hohe Lernbereitschaft. Ich halte es nicht für sinnvoll schon im Kindergarten eine Begabtenselektion zu betreiben, da dies wie der Artikel betont nicht ein geeigneter Zeitpunkt ist um die Begabung final zu konstatieren.
6. Im Kindergarten sollten die Förderung des Sozialverhaltens, die Fähigkeit in Gruppen Gleichaltriger zu agieren und die Freude an der Kommunikation mit anderen gefördert werden. Wirkliches fachliches Fördern und Lernen sollte meiner Meinung nach der Schule überlassen bleiben.
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