Sachbuch Vom Kabeln und Putzen

Was hat die digitalisierte Welt des Thomas L. Friedman mit der putzfrauenbedürftigen Welt von Maria Rerrich zu tun? Sie ist ein und dieselbe. Über Glanz und Elend der Globalisierung.

Nun gibt es ja, sagen viele, nur noch eine Welt, die globalisierte. Ein Gespräch über die Vielzahl der Welten , wie es 1686 der Frühaufklärer Bernard de Fontenelle zu Papier brachte, würde heute leicht gestrig wirken.

Vielzahl der Welten? Hier wären zumindest mal zwei aktuelle: Die eine Welt des Internet wird vom Glasfaserkabel durchzogen, das weltweit die PCs von jedem mit jedem fein säuberlich verbindet, die andere wird von Millionen Migrantinnen aller Länder zumeist in Schwarzarbeit sauber gemacht. In der einen ernten einfallsreiche Individuen die Früchte neuartiger technologischer Kreativität, während in der anderen Frauen, fern von zu Hause und den eigenen Kindern, die Wohnungen ihrer Arbeitgeberinnen putzen und deren Kinder versorgen.

Zweierlei Globalisierungsgeschehen, zwei neue Bücher: Die eine Welt hat der Journalist Thomas L. Friedman, Pulitzer-Preisträger, Kolumnist der New York Times, in seiner schillernden 700-seitigen Reportage Die Welt ist flach erkundet; seine Protagonisten sind ziemlich männlich. Die andere hat die Sozialwissenschaftlerin Maria Rerrich, Expertin für alltägliche Lebensführung, Privathaushalte und Geschlechterforschung, nach jahrelangen Recherchen in ihrem neuen Buch Die ganze Welt zu Hause sichtbar gemacht, und ihre Protagonistinnen sind offenbar ewig weiblich.

Beide Welten sind seit dem Fall der Berliner Mauer entstanden. Kaum ein Kabel führt bisher von der einen zur andern. Wer das Buch über die erdumkreisenden Daten liest, sollte am besten gleich auch das weniger spektakuläre über die erdumwandernden Menschen zur Hand nehmen. Schon allein, damit nicht die Männer den Friedman und die Frauen die Rerrich lesen.

Zweierlei Sorge: Friedmans Buch, ein veritables Motivationstraining für den amerikanischen Kontinent und dort in anderthalb Millionen Exemplaren verkauft, ist vor allem von der Sorge des marktliberalen »Geogrünen« um die Zukunftsfähigkeit der westlichen Erwerbstätigen im globalen Wettbewerb getragen. Das Buch von Maria Rerrich hingegen vom Respekt für zahllose hart arbeitende Frauen, die politisch wie arbeitsrechtlich weitgehend machtlos sind. Wenige öffentliche Orte gibt es, an denen sich beide Kohorten von globalisierten Menschen begegnen, in der S-Bahn, vielleicht gehört bisweilen der Altarraum einer Kirche dazu, in dem das Abendmahl an die einen wie an die anderen ausgeteilt wird, Seit’ an Seit’.

Wandernde Frauen: Eben erst erzählt der Weltbevölkerungsbericht 2006 vom weiblichen Gesicht der weltweiten Migration: 95 Millionen Frauen verlassen ihr Land; von den philippinischen Auswanderern etwa sind 70 Prozent Frauen; Frauen überweisen weit mehr ihres Einkommens nach Hause als Männer, für die Ausbildung und Gesundheitsversorgung der Kinder; und es sind zumeist gut ausgebildete Mütter, die gehen, um anderswo ihr Geld zu verdienen, mit Dienstleistungen im Privaten, in Hotels, auch als Kranken- und Pflegeschwestern. Dem dramatischen weiblichen Fachkräftemangel in so genannten Entwicklungsländern und Osteuropa entspricht der Zustrom von neuen Dienstmädchen in die Haushalte westlicher Hilfssuchender – die sich also um ihre Haushalte nicht kümmern müssen. Der Vorgang ist weiblich, nur die Schleuser sind männlich: Die einen Frauen werden zu Dienstmädchen von anderen Frauen, die auf diese Weise berufstätig sein können oder die zu gebrechlich sind, um sich selbst zu versorgen. Und im Haushalt der ausgewanderten Frauen übernehmen unterdessen wiederum Frauen die Arbeit, billigere Migrantinnen von anderswo, Verwandte, Rentnerinnen.

Das Geschlecht, das Thomas Friedman für seine Kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts als analytische Kategorie kaum interessiert, ist von Belang. Wenn Friedman nach seinen zahllosen Gesprächen in den asiatischen Technologie-Hochleistungszentren bilanziert, dass vor allem die Leidenschaft fürs Lernen, die innere Beweglichkeit und die Begabung, die Welt zu sich ins Haus zu holen, entscheidend für den Erfolg in der Arbeitswelt sind, dann wirkt Rerrichs Perspektive auf eine andere Arbeitswelt fast ironisch erhellend: Denn dort holen die einen die anderen ja buchstäblich aus aller Welt zu sich nach Hause, Frauen, die tatsächlich lernfähig und beweglich sind, nur eben ohne Zugang zu den besseren oder gar den Spitzenjobs dieser Welt.

Über die weibliche global care chain, die weltweite Kette der Fürsorglichkeit, hat die amerikanische Soziologin Arlie Hochschild eine einschlägige Studie verfasst. Maria Rerrich sucht nun danach, was sich in deutschen Haushalten abspielt. Die Forschungslage ist dünn, Haushaltsarbeit ist wissenschaftlich fast ebenso wenig anerkannt wie sozial. Unsichtbar eben, traditionell weiblich. Auch Rerrich beansprucht deshalb nicht mehr, als eine Momentaufnahme zu leisten. Etwa vier Millionen Haushalte nehmen bezahlte Hilfe in Anspruch, nur etwa 40000 dieser Hilfen sind uneingeschränkt sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Zahllose Frauen pendeln in rechtlichen Grauzonen zwischen ihrer Heimat und dem Land ihrer kaum geschützten Arbeitsverhältnisse hin und her.

Eine Arbeitgeberin besorgt Kuchen und freut sich auf den Tee mit ihrer polnischen Hilfe

Diese Frauen leben und arbeiten wie ihre Arbeitgeberinnen in informellen weiblichen Netzwerken. Oft bildet sich eine Koalition von Frauen – Arbeitgeberin, Kinderfrau, Putzfrau, deren Cousine, eine Freundin, eine Nachbarin –, die einander flexibel ersetzen, um einen Haushalt herum. Durch »Alltagsvergessenheit« glänzen unterdessen die Männer. Rerrich zeigt, wie nicht nur die zu putzenden Wohnungen im Nachkriegsdeutschland immer größer wurden und die Standards der Hausarbeit trotz aller technischen Geräte immer subtiler, sie zeigt auch, wie sich die Männer aus diesen Haushalten heraushalten. Es sind keineswegs nur die Reichen, die Hilfe ins Haus holen. Viele alleinerziehende, berufstätige Mütter, viele alte Frauen würden ohne die cosmobilen Hilfen im Alltag ertrinken und erübrigen mehr schlecht als recht das Geld für ihre Entlastung.

Schön in ihrer Diskretion sind die Porträts neuer sozialer Beziehungen, die Rerrich zeichnet: wie eine Arbeitgeberin Kuchen besorgt und sich auf den Tee mit ihrer polnischen Hilfe zu freuen beginnt. Wie manch eine die helfende Fürsorge für ihre putzende Hilfe, trotz des quasi feudalen Abhängigkeitsverhältnisses, als Relikt möglichen politischen Handelns auffasst und Verantwortung übernimmt. Rau in ihrer schonungslosen Darstellung sind die Porträts von wandernden Frauen, die ihre in Deutschland geborenen Kleinstkinder ebenso versorgen wie verschiedene Haushalte und nebenbei in ihren winzigen Wohnungen Mittagstische für andere Illegale organisieren. Die cosmobilen Putzfrauen existieren ihrerseits in Netzwerken von Wandernden, die einander ein wenig Schutz bieten.

Es gelingt Rerrich, diese prekären Lebensformen als legitimen und respektablen Ausdruck der Selbsthilfe darzustellen, der – ähnlich wie die alte Dienstmädchenfrage um 1900 – die Frage der weiblichen Solidarität aufwirft, wenn schon der Staat sich ins Halbdunkel wegduckt. Der nimmt eben mit fast geschlossenen Augen hin, dass das Private in Deutschland ohne cosmobile Migration längst kollabieren würde: ein dirty little secret des Wohlfahrtsstaats. Rerrich lüftet es.

Friedman geht es um andere Netzwerke, um eine andere weltweite Kette als die der Fürsorge: um die Netzwerke der ökonomischen Wertschöpfung. Die globalisierte Netzwerkgesellschaft, die Friedman erkundet, hat die Welt von einer Kugel in eine flache Plattform verwandelt, auf der amerikanische Steuererklärungen wie ärztliche Bulletins über Nacht in Indien bearbeitet werden und die Bausteine eines Laptops aus aller Herren Länder stammen, je nachdem, was wo auf der Welt am billigsten produziert wird.

Die Heerscharen brillanter Arbeitskräfte aus Asien, die, ohne auswandern zu müssen, an ihrem PC in harter Arbeit rund um die Uhr die Jobs der westlichen Welt für billige Löhne übernehmen, sind für Friedman die Vorboten einer Welt, für die Amerika schlecht gerüstet ist: Und so nimmt einen großen Teil seines rasanten Berichts der Versuch ein, dem angstgeschüttelten Amerika vorzuhalten, dass es mit dem Rücken zur Zukunft steht. »JFK wollte einen Mann auf den Mond schicken. Mein Traum ist es, jeden Amerikaner und jede Amerikanerin auf eine Universität zu schicken.«

Auch Friedman deckt, wie er sie nennt, schmutzige Geheimnisse auf: die Bildungsmisere Amerikas, den Mangel an naturwissenschaftlichem Nachwuchs, die fehlende staatliche Finanzierung von hochwertiger Bildung für jeden, das Fehlen eines staatlich regulierten und überwachten Sozialversicherungsmarkts, den mangelnden Ehrgeiz von Eltern für ihre vorm Bildschirm sitzenden Kinder. Bildungsvergessenheit: Das ist für Friedman mangelnde Liebe.

Europäische Kritiker Friedmans haben sich mit guten Gründen über den Marktradikalen und Anhänger des Freihandels hergemacht und ohnehin über Friedmans Befürwortung des Irak-Kriegs. Aber wer sein neues Buch noch über Seite 500 hinaus liest, entdeckt, wie Friedman sich selbst, tief skeptisch, ins Wort fällt. Nein, sagt er, die Welt ist eben keineswegs flach. Auch in Indien lebt nur ein Bruchteil der Bevölkerung von Jobs in der Spitzentechnologie, Afrika ist vom Glanz der Globalisierung abgeschnitten, auch die terroristischen Netzwerke entladen den Zorn über die Rückständigkeit der arabischen Welt auf dem Weg der Glasfaserkabel. Und die westliche Hemisphäre geht mit dem Rest des Globus ökologisch unverantwortlich um: Amerika, schreibt dieser Geogrüne der Bush-Regierung zornig ins Stammbuch, müsste schnell zum Vorreiter der erneuerbaren Energien werden, um den Ölpreis zu drücken und um der Welt wieder ein Vorbild zu sein.

Aus dieser Perspektive wird Friedman zum Befürworter einer »Glokalisierung«, die es erlauben würde, die kulturelle, sprachliche und ökologische Vielfalt der Weltregionen zu erhalten und ihnen doch Anschluss an die technologische Kreativität der Profiteure zu geben. Friedmans Schlussbild zeigt eine neue Schule für Unberührbare, unweit von Bangalore, für indische Kinder also, die nie etwas anderes als Abwasser tranken, bevor die Schule entstand. Nach ein paar Schuljahren erzählen diese Achtjährigen dem Reporter, was sie einmal werden wollen: Arzt, Dichterin, Schriftsteller, Astronaut, Detektiv. Vom Dienen, Auswandern und Hungern keine Rede.

 
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