50 Klassiker der modernen Musik Louis, der Prophet

Die Tür aus dem Ghetto: wie Armstrong dem Kollektiv entkam

Nicht nur eine große Begabung, sondern auch ein großes Herz hat er gehabt. Als Louis »Satchmo« Armstrong in den fünfziger Jahren auf deutschen Bühnen erschien, war es keineswegs eine Selbstverständlichkeit, dass Menschen dunkler Hautfarbe so kurz nach dem Ende des Krieges die Hand zur Vergebung ausstreckten. Ein Dreiklang aus Versöhnung, Freiheit und Demokratie erreichte nicht nur unser Ohr, und Louis Armstrong war der Prophet.

Der Beginn dieses Lebens lag lange im mythischen Dunkel. Nun weiß die Forschung: Das Geburtsjahr war 1901. Doch die Fan-Gemeinde wird weiter bewundern und lieben, was sie seit eh und je bewundert und geliebt hat: eine Jahrhundertgestalt, die am 4. Juli 1900, also am amerikanischen Unabhängigkeitstag, und gleichzeitig zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts zur Welt gekommen ist. Es hat etwas Paradoxes: Dadurch ist Armstrong, obgleich das Pompöse nun wirklich nicht seine Sache gewesen ist, zur Symbolfigur geworden, zu einer Gestalt, die nicht nur vom Aufbruch spielt und singt, sondern selbst Aufbruch ist.

Ein Lebensweg wird da beschritten, der nicht nur Geografisches meint, den Weg der Schwarzen aus dem tiefen Süden in den toleranten Norden, nach Chicago und New York. In New Orleans, im Viertel der Zuhälter und Nutten, wuchs Armstrong auf, erspielte sich auf Mississippi-Dampfern einen Ruhm, der bis nach Chicago drang. Der große King Oliver hörte ihn, holte ihn in seine Creole Jazz Band und gönnte ihm 1923 auch das erste Solo auf einer Schellackplatte. Da schon ist er ein Meister, der nichts dem Zufall überlässt, der wohl improvisiert, aber auch baut und formt. Nie haben seine Improvisationen etwas Unordentliches, gar Chaotisches. Immer scheint ihm bewusst zu sein, wie wichtig das Medium Schallplatte ist.

Zwei Jahre später machte er dann New York verrückt, brachte leuchtendes Feuer in jede Jam-Session, war den großen Blues-Sängerinnen wie zum Beispiel Bessie Smith nie bloßer Begleiter, sondern Gesprächspartner. Doch schon bald zog es ihn wieder nach Chicago. Da waren die Gangster nicht so brutal, sondern eher Stammgäste. Aber auch den Musiker zog es zurück ins Heilige einer kleinen Besetzung, der Hot Five, die ihn nur scheinbar nach New Orleans zurückführte. In Wahrheit öffnete Armstrong eine Tür in die Zukunft. Er führte, was er gefunden hatte, endgültig hinaus aus der Welt der Südstaaten, aus dem musikalischen Ghetto. Stücke wie Muskrat Ramble und Heebie Jeebie, Potato Head Blues und Westend Blues lösen sich vom Typ der Gemeinschaftsmusik, vom Ideal des improvisierenden Kollektivs. Ein großer Einzelner steht vor seinen Leuten, einer, den sie neidlos »King of Jazz« nennen. Clint Eastwood meinte: »Der Western und der Jazz sind die einzigen ernst zu nehmenden Beiträge Amerikas zur Weltkultur.« Louis Armstrong war Anfang und ein Höhepunkt zugleich.

 
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