Und wenn die Spur der Steine, 1966 entstanden und nach wenigen Vorführungen in der DDR wieder verboten, der einzige große Film geblieben wäre, den Frank Beyer gedreht hätte es wäre genug, ihn zu den bedeutendsten Regisseuren der Nachkriegszeit zu zählen. Tatsächlich ragt Beyer bis heute als einsamer Monolith in die deutsche Kinolandschaft. Er war der Letzte, der alles beherrschte, was sonst nach 1933 peu à peu in die internationale Filmszene ausgewandert war, alle Stile, alle Techniken, die seltene Meisterschaft, aus Schauspielern Stars von überwältigender Präsenz zu formen.

Wie der junge Manfred Krug mit seiner Zimmermannsbrigade in die sozialistische Großbaustelle Schkona einfällt, man könnte auch sagen: wie er einmarschiert, saufend, prügelnd und mit überwältigender Tüchtigkeit, das ist wie der Aufzug der Sieben Samurai bei Kurosawa, eine Explosion von bedenkenloser Kraft, Gewalt und guter Laune. Die atemberaubenden Beschleunigungen und Verlangsamungen, überhaupt der bis ins letzte raffinierte Rhythmus, der Wechsel von kammerspielhaften Großaufnahmen und epischen Totalen, das hatte etwas vom Western, von Sergio Leone und John Ford. Man hätte von einem sozialistischen Western sprechen können (und manche taten es), wenn Beyer nicht zugleich auch so viel vom Expressionismus des frühen deutschen Films wieder aufgenommen hätte.

Wer sonst hätte so etwas in den sechziger Jahren noch gekonnt? Im Westens vielleicht Helmut Käutner, aber er hat es nicht mehr getan, er hat sich aufs TV-Format einschrumpfen lassen. Die traurige Wahrheit ist wohl, dass damals nur die DDR mit der Defa solche Möglichkeiten zur Professionalität bot, zugleich aber politisch nicht mehr dulden konnte. Beyer, an den sonst im Osten nur Konrad Wolf und Heiner Carow knäpplich heranreichen konnten, hielt sich mühsam in der DDR-Filmproduktion. 1974 gelang ihm aber mit Jakob der Lügner noch einmal ein Geniestreich, den zugrunde liegenden Roman von Jurek Becker nicht dümmlich ausbeutend, sondern poetisch überbietend. Wer heute Roberto Benignis satirische Späße mit der Lagerwelt der KZs rühmt, weiß nichts mehr davon, was Frank Beyer dem Genre des Lagerfilms abgewinnen konnte, übrigens schon einmal zuvor, noch ohne satirischen Überschuss, in dem still ergreifenden Nackt unter Wölfen (1962).

Frank Beyer war kein intellektueller Regisseur und schon gar kein programmatischer Schwätzer. Er war ein Handwerker, aber er hat gezeigt, wie sich Handwerk zu genialer Kunst steigern lässt, nicht mit manieristischen oder pubertären Verweigerungsgesten, wie sie später im westdeutschen Kino üblich wurden, sondern durch Ausschöpfen, manchmal auch subtiles Überdrehen aller regelgerechten Möglichkeiten. Das war die Spur der Steine auch die Spur des alten deutschen Meisterkinos.

Auf ihr lagen zugleich die psychologisch verdichteten Ehedramen Das Versteck (1976), Geschlossene Gesellschaft (1978) und Sie und er (1991), die nicht zufällig an Ingmar Bergman erinnern. Die DDR hat es ihm nicht gedankt, nach 30 Jahren kritisch-loyaler Mitgliedschaft verstieß ihn die SED 1980, ließ ihn aber im Westen arbeiten. Nun ist er im Alter von 74 Jahren gestorben. Es ist ein großer Jammer. Der einzige Trost besteht in den jungen deutschen Regisseuren, die derzeit an einer mühsamen Rückeroberung des Handwerks arbeiten.