Altenpflege Hilfe aus Ungarn

Damit Mutter zu Hause bleiben kann, umsorgen sie abwechselnd zwei ungarische Pflegerinnen. Der Bericht eines Lebenswandels - hier aus der Sicht der Mutter Anna Krug

Haben Sie jemand, der Sie zu Hause versorgt? Die Frage aller Fragen, die ich die ganze Zeit von mir wegschiebe. Nein, ich habe niemand, ich lebe seit dem Tod meines Mannes allein. Aber das darf ich nicht sagen, da stecken sie mich in ein Pflegeheim. Ich liege seit fünf Monaten im Krankenhaus, habe zwei Magenoperationen hinter mir, Bauch- und Lungenpunktionen, mein Körpergewicht ist halbiert, ich habe keine Muskeln mehr, ich kann mich nur mit Hilfe aufsetzen, ein paar Schritte gehen. Ich kann mein Leben nicht mehr selbst organisieren. Im Moment könnte ich nicht mal in ein Altersheim.

Zu der Sozialarbeiterin der Klinik, die mich gefragt hat, sage ich: Ja, ich werde versorgt. Mein Hausarzt findet für mich eine Pflegerin, die sich rund um die Uhr um mich kümmert. Eine unbekannte Frau, von der ich nicht weiß, wie alt sie ist, wie sie aussieht, nicht mal, ob sie Deutsch kann. Ein paar Tage liege ich vor meiner Entlassung noch in der Klinik. Ein paar Nächte, in denen ich an zu Hause denke, an meinen Hund, an das Gewürzregal in der Küche, an meine Schreibmaschine, an meine Welt von gestern.

Alles liegt vor mir wie eine Mauer, eine tiefe Traurigkeit, ein furchtbar schwerer Abschied. Von wem? Von mir selber Du hast Glück, dass man so schnell jemanden für dich gefunden hat. Glück – was ist das? Glück wäre, wenn ich ganz normal auf meinen zwei Beinen heimgehen könnte, eine Tasse Tee kochen, Bratkartoffeln rösten, all die selbstverständlichen Dinge. Das kannst du nicht mehr. Du bist hilflos. Im Krankenhaus hilflos zu sein, das ist eine andere Sache. Aber in den eigenen vier Wänden… Wir stellen dein Bett ins Wohnzimmer, sagt mein Sohn. Mein schönes neues Ledersofa, italienisches Design, kommt hinaus. Dafür zieht ein Rollstuhl mit ein. Meine Bücher werden da sein, meine Bilder. Ich darf nicht jammern. Für meine Situation trägt niemand die Schuld.

Meine Pflegerin heißt Ildiko. Sie bietet mir an, sie Hilde zu nennen, aber Ildiko gefällt mir besser. Sie ist achtundvierzig und kommt aus Südungarn. Vier Wochen wird sie dableiben, dann kommt eine Kollegin aus demselben Dorf wie sie, ist auch vier Wochen da, bis Ildiko wieder eintrifft. Bei dem Turnus soll es bleiben. Wie lange? Nächstes Jahr, sagt Ildiko, pflanzen wir auf deiner Terrasse lauter Rosenbüsche. Wir sind nach ein paar Tagen per Du. Wenn ich mitten in der Nacht die Toilettenschüssel brauche, steht sie Sekunden später im Schlafanzug an meinem Bett und hebt mich hoch. Wäscht mich. Bringt mir ein Glas Wasser.

Die andere Pflegerin heißt Andrea. Sie sprechen beide gut Deutsch, sie sind beide gleich nett und geduldig. Ich habe Glück gehabt, wirklich. Großes Glück. Sie kochen ungarisch, mir zuliebe mit etwas weniger Paprika. Ich esse Letscho, Tarhonya, Pörkölt, hie und da steuere ich vom Bett aus ein eigenes Rezept bei. Ich habe gern gekocht. Ich habe so vieles gern gemacht, was ich nun nicht mehr tun kann.

Das Gefühl der Hilflosigkeit bleibt der große schwarze Vogel, der sich manchmal auf mich heruntersenkt. Aber es gibt auch Tage, an denen ich mich glücklich fühle, auf eine merkwürdige Weise befreit. Du musst dein Leben ändern, heißt es in meinem Lieblingsgedicht von Rilke. Manche Menschen ziehen auf einsame Berghütten, in die Stille von Klöstern. Ich liege halt im Bett und kann manchmal vergessen, dass ich ans Bett gefesselt bin. Anna Krug

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    • Quelle DIE ZEIT, 05.10.2006 Nr. 41
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    • Schlagworte Ungarn | Glück
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