Ich hätte es rechtzeitig wissen können. Zum Beispiel, als meine Mutter von ihrer Freundin E. erzählte. Eine kleine Frau, die des Morgens flotten Schrittes aus ihrem Haus zu treten pflegte, um mit energischem Griff das Garagentor hochzuziehen, damit ihr Mann, ein Herr von Position, in die Welt rollen konnte. Ihre Hände seien jetzt morgens so steif, dass sie nach dem Aufstehen die Finger in heißes Wasser tauchen müsse, eine Viertelstunde lang, um sie bewegen zu können. BILD

Das Bild der alten Frau, wie sie am Waschbecken steht und die Hände badet, verfolgt mich. Wie viel Haltung braucht man im Alter, wie viel Geduld? Ich hatte diese Frage in meinem kindlichen Egoismus auf mich selbst bezogen. Nicht auf meine Mutter. Dabei war unübersehbar, dass auch meine Mutter nachgab. Sie hielt sich nicht mehr so gerade wie früher. Der Schritt – unsicher. Das passte nicht zum Bild, das ich von ihr hatte und das in etwa dem der strammen Frau entsprach, die auf meinen Kinderfotos mit uns im Garten steht.

Die Eltern altern zu sehen bedeutet, auch das eigene Altern wahrzunehmen. Vielleicht gucken wir deshalb so lange weg. Weil wir ahnen: Was ihnen passiert, könnte auch uns passieren. Ein Freund der Familie, Herr W., verbrühte sich unter der Dusche, unter der er über zwanzig Jahre lang ohne Probleme geduscht hatte. Er stellte sie zu heiß ein, und unter dem Schock des Schmerzes fand er nicht zum Kaltwasserhahn, um den kochend heißen Wasserfall abzustellen. Er, einst Verfasser kluger Gedanken zur Welt, war in der brodelnden Hölle seines eigenen Badezimmers gefangen.

Schlechte Nachrichten haben eine Tendenz zur Verdichtung. Frau A., war zu hören, war in ihrer Küche umgeknickt und hatte sich auf dem Bauch durch das Wohnzimmer bis zum Telefon gekämpft, um es am Kabel zu sich herunterzuziehen, dann aber in ihrer Panik die Nummer der Nachbarin vergessen, die sie um Hilfe bitten wollte. Sie konnte das Telefonbuch nicht erreichen, weil sie sich nicht aufrichten konnte. Der Knöchel! Und dann Frau H.: Beim Rosenschneiden war sie vornüber gekippt und zwischen den stacheligen Büschen gelandet, die ihr Mann gepflanzt hatte, der nun schon ein Vierteljahrhundert tot war.

Wo sich festhalten, um sich wieder aufzurichten? Frau H. musste durch die Dornen robben bis zum Gartenzaun, an den sie sich klammern konnte. Es schien an der Zeit, die eigene Mutter in Sicherheit zu bringen. Wie nur? Und wohin? Wer kümmert sich, wer hat die Zeit?

In einer Gesellschaft, in der seit Jahren leidenschaftlich über die Vereinbarkeit von Beruf und Elternschaft debattiert wird, fruchtlos natürlich, hat das Nachdenken über die Vereinbarkeit von Altersfürsorge und Familie und Beruf noch gar nicht eingesetzt. Wieso auch? Man könne ja nicht gleich die Gesellschaft für die Lösung aller privaten Probleme in Anspruch nehmen, beschied mir neulich ein Leistungsträger dieser Gesellschaft, Manager eines großen Konzerns, da sei mal Eigenverantwortung gefragt. Nun, die Sorge für die eigenen Kinder hatte er offensichtlich erfolgreich an seine Ehefrau delegiert. Es ist anzunehmen, dass bestimmte Bevölkerungskreise die Dinge immer geregelt kriegen. Aber das Gros? Der Demograf Herwig Birg geht davon aus, dass in den kommenden Jahrzehnten die Zahl der über 80-Jährigen von drei auf zehn Millionen Menschen anwachsen wird. Mehr als ein Drittel von ihnen wird erwartungsgemäß pflegebedürftig sein. Wo möchten die dann leben, und: Wie sind sie am besten aufgehoben?

Fragen wie diese vor den Eltern aufzuwerfen bedeutet, sie darauf zu verweisen, dass nun ihre letzte Strecke beginnt. Das ist für Kinder schwierig, weil es sich unziemlich anfühlt. Vielleicht auch, weil Kinder nun einen Schritt vorangehen müssen, in eine neue Verantwortlichkeit. Eltern, deren Aufgabe es üblicherweise ist, für die Kinder zu sorgen, mögen den Rollentausch vielleicht genauso wenig, auch weil es ein Eingeständnis von Schwäche ist, dazu einer Schwäche, von der sie sich nie wieder erholen werden. Nach einem langen Leben kann die Zeit plötzlich drängen. Da ist die eine Freundin der Mutter zu ihrer Nichte verzogen, Hunderte Kilometer weit weg. Herr W. hat bei seiner Tochter Unterschlupf gefunden, in vielen Bahnstunden Entfernung. Eine einstige Kollegin tauchte in der Pflege ihres schwer erkrankten Mannes unter. Eine andere Freundin verstarb unerwartet, über Nacht. Es war, als hätte jemand am Rädchen im Innern einer eng verwobenen Freundesgruppe gedreht und sie mit einem teuflischen Schwung in alle Richtungen davongewirbelt. So viel zur seligen Utopie der Alten-WG, dass man sich mit seinen Freunden zusammentut für die letzte Strecke, wer weiß schon, was jeden Einzelnen von uns dort erwartet.