HipHopRap dich reich

Harte Beats und böse Texte - HipHop ist heute so populär wie einst der Rock'n'Roll. Mit musikalischem Minimalaufwand sorgt der Ghetto-Sound für ein Milliardengeschäft. Für Frontmann Bushido gilt das Motto: »Geile Autos und geile Uhren«. von Ralph Geisenhanslüke

Von Block 1520 in der Sedgwick Avenue hat man einen schönen Blick auf den Norden Manhattans. Wie gemalt erheben sich in der Nachmittagshitze die Gebäude aus üppigem Grün. Mit ihren Kuppeln und Zinnen könnte man sie für Märchenschlösser halten, in einem großen Garten verteilt – das ist die Welt dort drüben. Aber hier ist die Bronx. Dazwischen fließt als natürliche Demarkationslinie der Harlem River.

Und weil er nicht nur zwei Stadtteile trennt, sondern auch zwei Welten, eine schwarze und eine weiße, die sich noch immer nicht mischen wollen, ist der Hausmeister von Block 1520 misstrauisch. Grummelnd schließt er die Tür zu einem Raum im Erdgeschoss auf. Dem Raum.

Okay, zwei Minuten, bringen wir’s hinter uns. Ja, er hat davon gehört, dass hier, im verwaisten Gemeindezentrum, vor mehr als 30 Jahren die ersten HipHop-Partys stattfanden – die ersten der Welt. In unregelmäßigen Abständen kommt einer von drüben her, in der Erwartung, einen magischen Ort vorzufinden. Und jedes Mal führt er ihn in diesen Raum, der so nüchtern ist wie eine Abstellkammer.

Durch vergitterte Fenster fällt trübes Licht, in der Ecke ein Kabuff, das als DJ-Kabine gedient haben könnte, Bänke und Tische vor krankenhausfarbenen Wänden, das ist alles. »Man kann nur hoffen, dass die Renovierung im Herbst etwas bringt«, sagt der Hausmeister, »dann sehen die Leute endlich, dass es hier nichts zu sehen gibt.«

Das ist der Moment für den Einsatz von Grandmaster Caz. Der war dabei damals, er hat es mit eigenen Augen gesehen. Hier war die Tanzfläche. Dort drüben standen die Plattenspieler, die gigantischen Lautsprecher. Davor sprangen die Jungs in die Luft, wenn die Musik für einen Moment aussetzte und nur noch der Rhythmus zu hören war. Den Tanz, den man später Breakdance nannte, kann Caz nicht mehr vorführen, er hat etwas Gewicht zugelegt. Aber die Montur eines B-Boys trägt er noch immer, dreiviertellange Hose, Baseballkappe, Sneakers.

Und an Clive Campbell, der die Platten auflegte und wegen seiner herkulischen Statur Kool Herc hieß, erinnert er sich genau. Es war Hercs Idee, die Rhythmuspassagen zweier Titel zu isolieren, aneinander zu hängen und seine Ansage darüber zu sprechen. »So fing im August 1973 alles an, mit zwei Plattenspielern und einer Stimme.«

Drei Jahrzehnte später ist HipHop allgegenwärtig. Kaum ein Land der Erde, in dem nicht diese perkussive Musik mit Sprechgesang, meist im Tempo zwischen 80 bis 120 Schlägen pro Minute, produziert und konsumiert wird. HipHop in den Favelas von Rio, HipHop in Kambodscha, jüdischer und muslimischer HipHop. Spanischer, französischer, deutscher HipHop. HipHop an den Spitzen der Hitparaden, HipHop als Verkaufsargument für Bekleidungsserien und Sportartikel.

In den Kinderzimmern der Welt pinnen Teenager Bilder von düster dreinschauenden Männern mit extrem ausdefinierter Muskulatur an die Wand, weil das die Eltern, die sonst alles schon kennen und verstehen, zuverlässig erschreckt und weil sie von einer Welt träumen, in der andere Gesetze gelten als die des bürgerlichen Alltags.

Selbst brave Popstars kleiden sich inzwischen, als kämen sie direkt aus der Bronx. Und Produzenten wie Pharell Williams schneidern den HipHop auch Mainstream-Sängern wie Justin Timberlake, Britney Spears oder Gwen Stefani auf den weißen Leib. Wer heute irgendwo auf der Welt eine Baseballkappe verkehrt herum aufsetzt, offene Turnschuhe oder extrem weite Hosen trägt, tut dies letztlich, weil ein Typ namens Kool Herc im August 1973 im Gemeinschaftsraum seines Wohnblocks die Nadel in die Rillen seiner Schallplatten sinken ließ.

Die Musik von der schlechten Seite der Stadt erneuert das alte Versprechen der Popkultur von magischer Verwandlung. Mit HipHop hat auch der brave Oberschüler teil am Wissen der Straße, an exklusiven Selbstdarstellungstechniken und bizarren Mannbarkeitsritualen – vorausgesetzt, er kennt die Codes. Style heißt das Zauberwort: Wer über den richtigen Style gebietet, bringt Gegner zum Schweigen und verschafft sich Respekt beim anderen Geschlecht.

Idealerweise drückt sich die Anerkennung auch noch im zentralen Wert dieser Zeit aus: in Geld. Und dafür muss nicht einmal ein Instrument gelernt werden, es genügt, über computergenerierte Rhythmen seine Weltsicht zu verbreiten. Mit seinem genialen Minimalkonzept hat HipHop den Rock ’n’ Roll als erfolgreichste Popmusik aller Zeiten abgelöst, und kein Ende ist in Sicht. Nur die Urszene liegt so weit zurück im urgeschichtlichen Dunkel der frühen Siebziger, dass nicht einmal ein Foto existiert.

»Wir waren viel zu sehr mit Partymachen beschäftigt damals, um uns Gedanken über die Zukunft zu machen«, sagt Grandmaster Caz, der einmal Curtis Brown hieß, bevor er vom HipHop infiziert wurde, der eine Gruppe namens Cold Crush Brothers gründete und so der Durchschnittswelt abhanden kam.

Zum Glück ist Caz ein begnadeter Geschichtenerzähler. In seinem Redestrom, der selbst etwas von einem Rap hat, leben die Anfänge wieder auf. Die Bronx, damals noch ein unentdeckter Planet, den ein Zwei-Meter-Mann, den sie Herc nannten, mit seinem Soundsystem regierte. Die Abende in Block 1520, Sedgwick Avenue, als keiner der Beteiligten ahnte, was sich einmal entwickeln würde aus ihren bescheidenen Versuchen, unter ungünstigen Bedingungen Spaß zu haben.

»HipHop und Bronx, viele denken dabei an ein zweites Vietnam«, sagt Caz. »Damals gab es nicht einmal einen Namen für das, was wir taten.« Es gab nur Kool Herc, sein Soundsystem und den Moment, wenn es wieder losging, samstagabends im kleinen Gemeindezentrum. Am Eingang kassierte Hercs Schwester ein paar Dollar Eintritt, dann feierte der Block bis in den frühen Morgen.

In Caz’ Erinnerung war es eine Zeit des Experimentierens, in der unter Ausschluss der Öffentlichkeit die Basis für alles Spätere gelegt wurde. Graffiti an den New Yorker U-Bahn-Zügen trugen die Kürzel der neuen Kultur nach draußen, doch dass Neugierige sich ins Ghetto wagten, dass gar Filme gedreht wurden, kam erst sehr viel später.

Erst einmal bewegte HipHop sich nur 500 Meter vom Fleck. Caz führt zu einem winzigen, von Basketballfeldern bedrängten Fleckchen Grün am Fuß der nahe gelegenen Cedar Avenue, in unmittelbarer Nachbarschaft des Expressway. Hierhin, in den Cedar Park, verlegte Kool Herc seine Block-Party, als der erste Zulauf einsetzte.

Dunkel war’s, »so dunkel, dass man die Hand vor Augen nicht sah, eine Lightshow hatten wir ja nicht«. Der Strom für die Anlage wurde aus Lichtmasten gezapft, und allmählich stießen Neue dazu: Flash, der andere Grandmaster, der Hercs eher grobschlächtige Technik an den Turntables verfeinerte. Afrika Bambaataa, ein ehemaliges Gang-Mitglied mit seinen spirituellen Ideen. Das Geschehen verlagerte sich in die South Bronx, wo im Rucker Park erste Rap-, DJ- und Breakdance-Battles ausgetragen wurden.

»Das war der nächste Level«, sagt Caz.

Doch noch immer nahm die Welt keine Notiz. Es dauerte weitere fünf Jahre, bis der erste HipHop-Track entstand, Rapper’s Delight von der Sugarhill Gang, eine Retortenproduktion, für die 1979 ein paar Nobodys ans Mikrofon gestellt wurden. Sie rappten aufgeschnappte Verse von der Straße, unter anderem solche von Grandmaster Caz. So jedenfalls Caz, der damals freigebig mit Reimen um sich warf, denn »dass sich Partys auf Vinyl pressen ließen, konnten wir uns einfach nicht vorstellen«.

Der Song mit den harmlosen Nonsense-Zeilen »I said a hip hop / the hippie the hippie to the hip hip hop / a you dont stop the rock it« wurde weltweit acht Millionen Mal verkauft.

Der Vorgang wiederholte sich mit The Message, nur dem Namen nach von Grandmaster Flash und seinen Furious Five, tatsächlich ein von den Originalen geklautes und im Studio nachgestelltes Stück Sozialkritik. 1980 folgte Rapture von Blondie – der erste weiße Rap. Die Boheme der Stadt hatte Wind von der Sache bekommen, die Partys verlagerten sich nach Harlem und von dort nach Downtown Manhattan. Von da an ging es, im Rückblick gesehen, ganz schnell.

»Wisst ihr, womit man diese Erfolgsgeschichte vergleichen kann?«, fragt Caz, nunmehr an Bord eines New Yorker Touristenbusses, der zahlende Gäste zu den Stätten des Ursprungs kutschiert – vollklimatisiert. An Samstagen verdient er sich damit ein Zubrot, die Auftritte als Rapper bringen nicht die Miete. Drei Dutzend Augenpaare starren ihn an. Caz schaut mit gespielter Strenge zurück, bevor er mit der Antwort herauskommt:

»Es ist das Internet, Leute!«

Neben HipHop verfügt allein das Netz über die Fähigkeit, so viele Menschen miteinander zu verbinden. Ein Grund, stolz zu sein: »Was in der Bronx seinen Anfang nahm, hat sich zu einer globalen Sprache entwickelt.« Und Geld bringt sie auch noch ein. »Schaut euch die Hitparaden an«, sagt Caz triumphierend, »was seht ihr da auf den obersten Plätzen?« Ein Rapstück nach dem anderen. »HipHop hat die Gitarrenmusik ausgestochen, es ist der Klang einer neuen Zeit.«

Ein Kind ohne Namen war HipHop am Anfang, heute werden die sechs Buchstaben so oft in den Mund genommen, dass keiner mehr zu sagen vermag, was sie genau bedeuten.

Es gibt dadaistischen, afrozentrischen, separatistischen, lokalpatriotischen, avantgardistischen, bösen und bloßen Spaß-HipHop. Der Gangsta-Rap von der Westküste der USA hat die Alltagsgeschichten aus dem schwarzen Ghetto zu einer bombastischen Erzählung um Autos, Knarren und Crack verdichtet und dabei den Mann am Mikrofon zu Ungunsten des DJ in den Vordergrund gerückt. Die Anziehungskraft, die diese wortgewaltige, mit den Insignien ihres Lebensstils behangene Figur auf ihre Hörer ausübt, ist so groß, dass die alte Frage nach dem verderblichen Einfluss der Popkultur neu aufgeflackert ist – und wer könnte sie je abschließend beantworten?

Zeit für einen Besuch bei der HipHop-Forschung. Eine Altbauwohnung in Hamburg-Rotherbaum mit allen Zeichen neobürgerlichen Daseins. Blanke Dielen, Bücherwände, Ethnokunst. Hier wohnt die Soziologie-Professorin Gabriele Klein, Jahrgang 1957. Seit 15 Jahren beschäftigt sie sich mit Jugend- und Popkulturen. An der Universität Hamburg leitet sie den Studiengang Performance Studies. Ihr Buch Is this real? (Suhrkamp Verlag) gilt als Standardwerk.

Was ist ihrer Ansicht nach der Grund für die Langlebigkeit des HipHop? »Das Spiel zwischen globaler Zirkulation der Zeichen und Symbole und der Weiterentwicklung lokaler Praktiken funktioniert«, sagt sie, »es ist kein Ausverkauf des Lokalen durch das Globale, wie es andere Popkulturen erfahren haben.« HipHop sei so langlebig, weil er all die lokalen Stile in seine globale Zirkulation einspeise. Und umgekehrt.

»Man kann nicht einfach etwas, was man auf Videoclips sieht, nachmachen. Nur wenn aus dem Vorhandenen etwas Neues entsteht, bekommt man Respekt.« HipHop sei, anders als andere Popszenen, keine mit wenigen Produzenten und vielen Konsumenten. »Hier gibt es viele Produzenten, als Tänzer, Rapper, DJs oder Writer.« Dieser Zwang zur Kreativität führe zu einer performativen, leistungsorientierten Kultur, die durchaus konform ist mit den Maßstäben der Leistungsgesellschaft. Und sie setzt noch eine Pointe drauf.

»Es handelt sich eigentlich um eine wertkonservative Szene mit klaren Regeln wie Respekt, Fairness, also Werten, die gesamtgesellschaftlich immer unwichtiger werden.«

Respekt – ein großes Wort in der Szene. Respekt fordert der Rapper für seinen Auftritt, der Gangster für seinen bewaffneten Straßenstatus, der junge Kerl von seinem Mädchen und alle zusammen von dem, was sie die Gesellschaft nennen oder das System. So weit, so klar. Aber was, bitte, ist wertkonservativ an Breakdance?

Nun ja, sagt Frau Klein, Breakdance sei eine eher dekonstruktive Sache. »Eine dekonstruktivistische Körpertechnik. Ein Spiel mit Körperachsen und Körperzentren. Eine Dezentralisierung, Flexibilisierung und Fragmentierung des Körpers.« Frau Klein erklärt das nicht nur theoretisch. Wenn sie über HipHop spricht, kann es passieren, dass die schlanke, kerzengerade sitzende Professorin aufsteht und die Tanzbewegungen so leichtfüßig vorführt, dass nicht einmal altes hamburgisches Patrizierparkett knarzt. Eine Professorin, die tanzen kann – sie findet, dass man HipHop nicht versteht, wenn man ihn nur aus der Konserve hört. Entscheidend ist, was live passiert, die Rituale, wer mit wem wie umgeht, bei Konzerten, in Clubs und bei Battles.

Caz in seinem New Yorker Touristenbus lehrt unterdessen, was den HipHop in der Nachfolge Hercs ausmacht: der Umgang mit den Plattenspielern, also das DJing, der Umgang mit dem Mikrofon, das MCing oder der Rap. Dazu das Tanzen, B-Boying genannt, und als viertes Element das Sprühen, die Graffiti-Kunst. »Auf diesen vier Säulen ruht HipHop. Alles andere ist Bullshit.«

Ist es also Bullshit, in der Marlene-Dietrich-Suite des Berliner Hyatt-Hotels zu wohnen? Dort sitzt Ice Cube ruhig und gelassen am Couchtisch, im Cola-Glas klingeln Eiswürfel. Aufsteigende Rülpser unterdrückt er geräuschlos. »In letzter Zeit«, sagt er, »war es schwierig, Plattenaufnahmen zwischen die Drehtermine zu quetschen.«

Ice Cube, bürgerlich O’Shea Jackson, 37 Jahre alt, schrieb seinen ersten Rap mit 14. Er ist nach Berlin gekommen, um seine neue Platte zu bewerben, die erste seit sechs Jahren. Sein Ruhm als HipHopper ist etwas verblasst, sechs Jahre bedeuten in der Welt der Popmusik mehrere Generationen. Ice Cube ist verheiratet und Vater von vier Kindern. Das amerikanische Kinopublikum findet ihn mittlerweile »knuffig«.

Früher war er der meistgehasste Rapper der USA. Fuck Tha Police. So hieß der erste Hit seiner Rap-Gruppe N.W.A. (Niggaz With Attitudes) aus Los Angeles. N.W.A. wurde zur Keimzelle des Gangster-Rap, wie er heute vorherrscht, mit harten Beats und bösen Texten über das Leben im Ghetto, über Drogen, Huren, Bandenkriege. Die beiden Gründungsmitglieder Ice Cube und Dr. Dre beeinflussen bis heute das Geschehen. Dr. Dre als Produzent unter anderem von Snoop Dogg und Eminem, Ice Cube als etablierter Filmproduzent. Dabei hatte er 1990 in einem Song mit Public Enemy gefordert: Burn Hollywood Burn.

Genau dort hat Ice Cube nun Karriere gemacht. Filme, für die er das Drehbuch schreibt, in denen er Regie führt und mit seinem stoischen Ausdruck die Hauptrollen spielt und die er mit seiner Firma Cube Vision produziert. Darunter Familienfreundliches wie Sind wir schon da?, aber auch temporeiche, dialogwitzige, enorm erfolgreiche schwarze Komödien, die zeigen, wie weit Hollywood inzwischen vom HipHop durchdrungen ist.

Letzte Nacht ist Ice Cube auf einem Partyschiff an der Spree gewesen. Frauen warfen sich an ihn ran. Jungs wollten mit ihm fotografiert werden. Man kennt ihn noch. Um zwei Uhr schließlich ist er vor etwa 100 Leuten auf einen Stuhl gestiegen und hat angefangen zu rappen. Die Bude kochte. Wo man früher Feuerzeuge hochgehalten hätte, zückten die Leute ihre Handys, um den Auftritt zu filmen. Gestern abend hat der Film-Mogul aus L. A. den Leuten auf dem kleinen Partyschiff gezeigt, dass er es immer noch draufhat. Die skills, die Reime, den flow.

Nein, er will Hollywood nicht mehr brennen sehen. Aber in seinen Augen ist die amerikanische Gesellschaft in Aufruhr. George W. Bush, sagt er, mache »seinen Job wie Saddam Hussein. Auch in amerikanischen Gefängnissen wird gefoltert. Da passieren die gleichen Dinge wie in Guantánamo oder Abu Ghraib. Was ist der Unterschied?« Provokation, sagt er, sei »die einzige Form der Selbstverteidigung. Unsere Regierung saugt ihre eigenen Bürger aus. Das Einzige, was man tun kann, ist seine Stimme zu erheben und seine Meinung zu sagen.« Ja, er glaubt weiterhin an die Idee von HipHop als CNN der schwarzen Kultur.

»Er wird nicht immer so gebraucht, wie es sein sollte. Aber ich glaube, HipHop ist für junge Leute die beste Art, Informationen auszutauschen. Filme sind Geschäft, Musik kommt vom Herzen.« Und er klopft sich mit der Faust auf die Brust, vor der eine Goldkette mit seinem Namen hängt.

In der Musikindustrie schlägt das Herz nicht immer am rechten Fleck. Es scheint nicht immer leicht, integer zu bleiben in einem Markt, der von riesigen Medienfabriken gesteuert wird, von Geschäftsführern und Programmdirektoren. Ice Cube vergleicht seine Rap-Karriere mit der eines Boxers oder Football-Profis. Der schnellstmögliche Weg, auf dem ein männlicher Schwarzer es aus miesen Verhältnissen nach oben schaffen kann. In der Medienwelt ein archaisches, ja romantisches Rollenmodell: der Underdog, der sich allein gegen alle behauptet.

Erfolg haben, Karriere machen – I wanna make it. Das war schon für schwarze Jazzmusiker ein klares Ziel. Es den Weißen zu zeigen. Und mit dem Wohlstand nicht hinterm Berg zu halten. Miles Davis fuhr Ferrari. Ice Cube, der Junge aus South Central Los Angeles, hat mit J-Lo und George Clooney gedreht. Er fährt Bentley und Porsche. Die Frontzähne seines Unterkiefers glänzen golden und silbern, eines seiner Markenzeichen. »Nur Spaß«, sagt Ice Cube, »so was kann man sich beim Zahnarzt machen lassen.« Er öffnet den Mund und nimmt die aufgesteckte Leiste heraus. Darunter hat er makellose Zähne.

Jason Callahan hat wenig übrig für die Romantik des Streetfighters, schon aus biografischen Gründen: 1973 war er noch nicht einmal gezeugt. Gerade ist er 25 geworden. Für die Gründerväter hat er einen gewissen Respekt, mehr nicht. 30 Jahre nach den Anfängen zählen andere Dinge. Dinge, bei denen ein Abschluss in Wirtschaftswissenschaften hilfreich sein kann – auch wenn es ganz ohne das Wissen der Straße nicht geht.

»We run the strip«, lautet das Motto von Rocawear, der Firma für Lifestyle-Kleidung, der Jason Callahan als »Brand Strategist« angehört. »Wir sind Spitze und wollen es bleiben«, sagt er. Im Englischen hört es sich an wie ein Popsong: »It’s just about staying on top.«

Callahan, der ein wenig aussieht wie der Erfolgsrapper und Hollywood-Star Will Smith, kennt keine Geschichten, dafür Bilanzen, und er streut sie lässig. 350 Millionen Dollar Gewinn hat Rocawear 2003 gemacht, 450 Millionen waren es 2004, ständig eröffnen neue Filialen. »So viel Wachstum pro Jahr kann nicht jeder vorweisen«, klingt es von der anderen Seite des Schreibtischs herüber. Ohne solche Erfolge säßen wir nicht hier, im vollklimatisierten 38. Stock eines Geschäftsgebäudes am Broadway, Midtown New York.

Darüber kommt nur noch der Himmel. Dort unten schieben sich Menschenmassen in Richtung Times Square, und hier drinnen hat ein Innenarchitekt versucht, die Atmosphäre einer nüchternen Business-Etage unter Zuhilfenahme zenklösterlicher Einflüsse mit den Insignien des Straßenlebens zu versöhnen. Ein Flachbildfernseher spielt lautlos HipHop-Videos, an Schaufensterpuppen hängt die Herbstkollektion, in einer Plexiglasvitrine sind in edlem Schwarzweiß gehaltene Turnschuhe der Linie S. Carter ausgestellt wie Kunstwerke.

Rocawear vermarktet HipHop als Erfolgsstory, in der dem Mann hinter dem Schuh die Schlüsselrolle zukommt: Shawn Carter alias Jay-Z gehört der Laden, er hat die Firma 1995 mit zwei Freunden ins Leben gerufen, als Streetwear-Dependance eines inzwischen weit verzweigten Imperiums. Anfangs selbst ein Junge aus New Yorks raueren Vierteln, hat sich Jay-Z nicht nur zu einem der erfolgreichsten HipHop-Stars entwickelt – die Geschäftsführung des Dachunternehmens Roc-A-Fella Records sowie des legendären Def-Jam-Labels inbegriffen. Heute stellt er das dar, was man in den USA eine Celebrity nennt.

Details seiner spektakulären Fehden mit anderen Rappern füllen die Spalten der Mainstream-Magazine, Gerüchte umranken seine Aktivitäten, zu denen auch eine eigene NBA-Basketballmannschaft, die New Jersey Nets, gehört. Als er vor zwei Jahren seinen Rücktritt vom aktiven Rapper-Dasein erklärte, reagierten seine Fans mit Entsetzen, und wenn er sich ins Nachtleben stürzt – mit Vorliebe in den eigenen Club–, sind ihm Paparazzi auf den Fersen. Ohne ihn und seine Glaubwürdigkeit ließe sich das Segment »Urban«, für das die Marke steht, nicht erfolgreich kommunizieren.

»Urban«, erklärt Callahan, bedeute nicht einfach »städtisch«, es sei ein Synonym für alles, was jung, heiß und trendy ist, »von der Musik über die Kleidung bis zum richtigen Auto«. Kernzielgruppe sind die 15- bis 30-Jährigen, die mit HipHop groß geworden sind und ihre Weltsicht nach außen repräsentieren wollen. Man muss nicht aus dem Ghetto kommen, man muss nicht einmal schwarz sein, was zählt, ist allein der Style. »HipHop ist heute ein globaler Lebensstil«, sagt Callahan, »wir geben unseren Kunden in ihrer Freizeit das Gefühl, dazuzugehören.«

Der Mann weiß, was er tut, und so gilt es, ständig Kontakt zu halten zu den neuesten Trends, anders kann man sich im Mainstream nicht halten. Ein schwelender Konflikt, den Rocawear durch den ständigen Zustrom junger Mitarbeiter zu lösen versucht. Callahan führt durch die Etage mit ihren Showrooms und Designabteilungen, wo junge Hipster multikultureller Herkunft an Computern und Konferenztischen Rocawears Zukunft entwerfen. Die Herbstfarben werden gedeckt sein: Camouflagegrün mit Goldlamé-Stickereien, nicht zu viel Schrift und Logos, das wäre zu viel des Guten. Rocawear-Uhren erobern gerade den Markt, Rocawear-Parfum und Rocawear-Kinderkleidung gibt es schon. Man trägt sich mit dem Gedanken, auf längere Sicht ins Segment für Nachtbekleidung vorzustoßen.

Schlafanzüge als Streetwear! Hat sich das HipHop-Lebensgefühl nicht weit von seinen Wurzeln entfernt? Der Anflug eines Lächelns umspielt Jason Callahans Mundwinkel: »It’s a phenomenon. You can’t stop it.«

Bushido? Mit dem will bislang niemand werben. Das Lacoste-Shirt, den 7er-BMW – alles muss er selbst bezahlen. »Anis Ferchichi; Ersguterjunge GmbH« steht an der Klingel, Berlin-Kreuzberg, ein Gewerbehinterhof. Das Reich des bösesten deutschen Rappers betritt man nicht in Straßenschuhen. Am Eingang steht ein Sack mit Ikea-Puschen.

Das Studio ist sauber wie eine Musterwohnung. Holzlaminat, ein paar Plasmafernseher. Der gepflegte, wenn auch heftig tätowierte 27-jährige Deutschtunesier mit dem strichdünnen Kinnbart sitzt vor dem Computer in seinem Studio und klickt den ersten Track seines neuen Albums an. Die motorgesteuerten Regler des Mischpults fahren in Position. Dann springen die Basslautsprecher vor wie Flummis. Eine Lawine von fetten Beats und Geräuschen, Harfenklängen, Querflöten, Orchestersounds wie aus einem Mafiafilm. Bushido spielt kein Instrument, Noten sind für ihn »wie Blindenschrift«. Er baut seine Songs am Computer.

Gegen Bushido und seine Kollegen von der so genannten Berliner Härte klingt alles, was vorher deutscher HipHop hieß, wie Kindergeburtstag. Die Fantastischen Vier? Schwäbische Reihenhauskinder. Fettes Brot? Hamburger Oberschüler. Was ist das gegen Sidos Arschfickersong oder Bushidos Gangbang. Die Berliner Grobheiten, meist in authentischem Rütli-Schul-Deutsch hingerotzt, verkaufen sich heute in Deutschland so massenhaft wie mancher amerikanische HipHopper.

Ein gutes Dutzend Alben hat Bushido in fünf Jahren allein oder mit anderen Rappern herausgebracht. Ein Mahlstrom von Worten, aus dem verlässlich die Reizvokabeln spritzen, auf die dann die Erregungsbeauftragten ebenso verlässlich anspringen: Nutten, Schwule, Ficken, Arschficken, Mutterficken. Und wenn alle gefickt sind, holt er Messer oder Knarre raus und macht damit weiter. 11. September heißt eines seiner neuen Stücke, bei dem er die Aufregung »definitiv« einkalkuliert. Bushido rappt davon, wie er Sprengstoff durch die Sicherheitskontrollen bringt.

»Ich bin dieser Terrorist.«

Für ihn hat das Thema einfach »Reizstoff«.

»Ich bin ein Taliban«, rappt er weiter, »wenn ich will, seid ihr alle tot.« Keine jugendgefährdenden Worte, alles abgecheckt. Alles Kalkül. Natürlich handele es sich um eine groteske Verzerrung, wie so oft im HipHop. »Ich will das Attentat auf das World Trade Center nicht gutheißen, aber ich kann es nachvollziehen.« Bushido fährt seine bewährte Doppelstrategie: Im Rap krass pöbeln, im Gespräch in gepflegtem Deutsch argumentieren.

Das Image böser Buben und Mädchen gehört zum Grundrepertoire der Popkultur. Schon Soul-Sänger und sogar Salsa-Musiker wie Willie Colón inszenierten sich als Gangster, um mit der Mode zu gehen. Seit es die heiligen Märtyrer der Rap-Kriege gibt, Tupac Shakur und Notorious B.I.G., gehört echtes Blei in den waffenvernarrten USA zum guten Stil. Kürzlich berichtete der New Yorker genüsslich über einen Rapper, der seine eigene Schießerei vor dem Haus eines Radiosenders inszenierte, bevor er, angeblich blutend, sein Interview gab.

Alles nur Spaß? Das fragen sich Eltern, Lehrer, Pädagogen und Politiker. Sie hören den Soundtrack einer verrohenden Gesellschaft, den 12-Jährige sich mit ihren MP3-Playern ins Hirn blasen. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien sieht das ähnlich: Einige von Bushidos Texten seien geeignet, Jugendliche »sozialethisch zu desorientieren«. »Frauen haben den Liedern zufolge jederzeit fremdbestimmt und ohne Rücksicht auf ihre eigenen Wünsche für Vaginal-, Oral- und Analverkehr zur Verfügung zu stehen.« Drei Alben von Bushido stehen auf dem Index, sie dürfen Minderjährigen nicht zugänglich gemacht werden.

Jugendkulturen hätten oft nur getoppt, was gesellschaftlich brisant war, sagt Gabriele Klein – immer provokant, immer bedrohlich. »Die Debatte, ob bestimmte Ästhetiken, Äußerungen von Jugendkulturen verboten gehören, durchzieht das 20. Jahrhundert. Die eine Generation galt als unpolitisch, die andere als narzisstisch, die nächste als nur an sexueller Freiheit orientiert.« So auch HipHop. Im öffentlichen Diskurs darüber ist Gewalt das zentrale Thema. Das rückt nach ihrer Ansicht HipHop in ein falsches Licht.

Wer heute jung sei, wachse in einer medialen Welt auf, in der es immer schwieriger werde, zwischen Sein und Schein zu unterscheiden. »Die Texte klingen brutal, aber sie sind die Gegenseite zu einer Brutalität, die wir nicht nur alltäglich im Fernsehen sehen, sondern uns selbst zufügen.« Zum Beispiel am weiblichen Körper. »Heute können sich nahezu 40 Prozent der Mädchen zwischen 16 und 21 vorstellen, sich Silikonbrüste machen zu lassen. Das sind Effekte einer Bildkultur, die nur in einem entpolitisierten Alltag wirksam werden können. Das finde ich gefährlich.«

Früher galt es als cool, auf dem Index zu landen, heute verdirbt es das Geschäft. Die großen Plattenläden führen keine Ausweiskontrollen durch, sie nehmen eine Platte lieber gleich aus dem Sortiment. Trotzdem haben Bushidos CDs knapp eine Million Käufer gefunden. Für sie ist er einfach der coole Typ aus der großen Stadt, der vier Goldene Schallplatten und seit 2005 einen Echo für den besten deutschen Live-Act zu Hause hat.

Das Geschäft mit der Musik sei »ähnlich wie Drogenverticken«, eine seiner früheren Tätigkeiten – das sagt er selbst, der sich für ein »Alphatier« hält. »Damals habe ich gedealt, heute rappe ich und schreibe Rechnungen.«

Ähnlich wie die Schwarzen in amerikanischen Ghettos wollen auch die Migrantensöhne in Deutschland ihr Stück vom Kuchen, und sie sagen nicht »bitte«. Sie wollen keine niedlichen Multikulti-Figuren sein. Wohlwollende Kritiker romantisieren Bushidos Musik zu einer in Hartz-IV-Zeiten willkommenen Rache der Unterschicht. Er selbst findet das »zu Che-Guevara-mäßig« und zählt sich keineswegs zu den Ausgegrenzten.

»Ich habe eine gute Schulbildung.«

Die genoss er, das wird gern erzählt, im bürgerlichen Tempelhof, wo er noch im selben Haus wohnt wie seine Mutter, die wegen des tunesischen Vaters zum Islam konvertierte und den Sohn allein und muslimisch erzog. »Je unverständlicher die Kunst ist, desto künstlerischer ist sie«, hat er in der Schule gelernt. Das böse Image sei »ein Schutzschild«, aber »Rap im Grunde ein angenehmer Job«. Wenn auch einer, den man nicht ewig machen könne. Mit 35 solle man damit aufhören.

Und bis dahin? Den Erfolg genießen.

»Geiles Autos, geile Uhr – das ist für mich wichtig. Der ganze Erfolg kostet mich auch ’ne Menge. Damit kann ich mich therapieren.« Kein einfaches Leben, wenn man »nur vormittags in Ruhe einkaufen kann, solange die Kinder in der Schule sind«.

Mit der Musik hält er es wie mit dem Autofahren: immer am Limit. Manchmal kommt einem dabei unvorhergesehen etwas in die Quere. Die zwei Wochen Knast in Österreich nach einer Schlägerei in Linz, »eine Lektion«, oder das Open-Air-Konzert Rock im Park im Juni in Nürnberg. Da wurde er eine Stunde lang ausgebuht und mit Essen, Steinen, Flaschen beworfen.

Saad hat noch immer eine Schramme an der Stirn, die ihn an diesen Tag erinnert. Er stand neben Bushido auf der Bühne, wie bei 150 Konzerten zuvor. Er nahm die Sache sportlich: »kleiner Kratzer, ansonsten geile Show«. Aus Saad wäre beinahe ein lächelnder Anzugträger geworden. Versicherungskaufmann. Sein Chef legte einen betrügerischen Konkurs hin und ließ den Lehrling auf 4500 Euro Schulden sitzen. Der Chef sitzt heute noch im Knast und Saad dafür fest im Sattel.

»Der Rap hat mich gerettet«, sagt er. Saad kommt aus einer wirklich krassen Gegend. Saad El-Hadad, 20, wurde 1985 in Beirut geboren. Er dankt »Gott, dass er mir dieses Leben ermöglicht«. Und dafür, dass es seiner Familie gelang, den Libanon 1995 zu verlassen.

Bereits frühe Kinderfotos zeigen den hellhäutigen, rotblonden Jungen in Uniform. Mit sieben Jahren hielt er mit der Kalaschnikow Wache vor dem Haus der Familie. Er sah Brüder, Freunde und Verwandte sterben. Die Brandanschläge auf das Asylbewerberheim in Hannover, wo die Familie im Container wohnte, fand er vergleichsweise harmlos. Er hat geduldig sieben Jahre lang auf seinen deutschen Pass gewartet. Heute lebt er mit seinen Eltern und zwei Schwestern in Syke bei Bremen, der Vater handelt mit Gebrauchtwagen.

Dort, in einem rot geklinkerten Reihenhaus, hatte Saad lange Zeit, sich beim Anblick der holzvertäfelten Dachschräge Gedanken über das Leben zu machen. Seit zweieinhalb Jahren rappt er sie.

Früher hatte er in Deutsch eine Fünf. Heute hängt das Poster des Albums Carlo Cokxxx Nutten 2 vor dem Lehrerzimmer der Realschule am Martinsplatz. Im elterlichen Wohnzimmer laufen dieser Tage pausenlos arabische Nachrichtensender auf dem Riesenflachbildfernseher, der wird gespeist von vier Satellitenschüsseln im Garten. Die Familie telefoniert täglich mit den Angehörigen im Libanon. Sein Song Womit hab’ ich das verdient greift die Geschichte dieses Bürgerkriegs auf. Man könnte ihn TV-Beiträgen aus dem Kriegsgebiet unterlegen. »Womit haben wir das verdient, fragen sich meine Landsleute / Tut euch jetzt zusammen, es liegt in eurer Hand heute / Womit haben wir das verdient, dass wir jetzt am Ende sind / Wir alle warten auf den Tag, der uns die Wende bringt.«

Vor zweieinhalb Jahren bekam Bushido einen seiner ersten Tracks zu hören, seitdem sind die beiden unzertrennlich, sie begrüßen sich mit Küssen, schlafen manchmal sogar in einem Bett. Ein Muslim und ein Katholik, brüderlich nebeneinander liegend, ein schönes Bild. »Natürlich nix mit schwul oder so«, fügt Saad schnell hinzu. Und guckt unter seiner riesigen New-York-Basecap hervor, um sicher zu sein, dass das auch richtig angekommen ist.

In seinem Schrank ist kürzlich die Stange runtergekracht unter der Last der vielen neuen Klamotten, die er sich gekauft hat. Die Breitling-Uhr ist auch schon bestellt. Saad fährt Mercedes E-Klasse und hat ein paar Flensburger Punkte zu viel für einen Führerscheinneuling. Die hellblauen Boxershorts ragen 20 Zentimeter über den Bund seiner Jeans, deren Gürtel auf der dicken Schnalle seinen Namen trägt. »Der Typ, der mich hört, sieht mich als seinen Kumpel.«

Wir stehen an der Stelle, wo Saads Freund Osman im vorigen November erstochen wurde. In der Diskothek Viva am Rembertring, der Partymeile in der Bremer Innenstadt nahe dem Hauptbahnhof, geriet er in Streit mit anderen Besuchern. Einer holte ein Schwert aus seinem Wagen und brachte ihn mit vielen Hieben um. Osman, 19 Jahre alt, verblutete vor dem »Erotik Point« unter den Augen der Türsteher und Passanten. Der Rettungswagen kam erst nach einer Dreiviertelstunde, sagt Saad, während oben der Verkehr über die Hochstraße donnert. Zwei Jungs gehen vorbei, auf ihrem Handy-Lautsprecher läuft seine Musik.

Früher hätte Saad gut in so einen Kampf verwickelt sein können. Er war ein aggressiver Junge mit Vorstrafenregister, ehe er den »Kampfsport der Worte« erlernte. Vier-, fünfmal war er beim Anti-Gewalt-Kurs, aber »das brachte nix«. Erst als sein Vater, der im Libanon im Gefängnis saß und gefoltert wurde, ihn fragte, warum er sich so undankbar verhalte und sein Leben kaputtmachen wolle, hatte er ein Einsehen.

Saad besitzt keinen iPod, er hasst Graffiti, dejayt nicht, hat keine Vinylplatten, die ganze Tradition ist ihm schnuppe. Er findet Angela Merkel cool, liebt »Deutschland mehr als jeder Deutsche« und wäre gern zum Bund gegangen. »Ich wollte immer sein wie Rambo. Einfach so viel machen und so reich werden wie möglich«. Zu seinen bürgerlichen Träumen steht er. Mit den Eltern in ein größeres Haus ziehen. Mit der Freundin eine Boutique eröffnen. »Man darf sich nicht verstellen.« Als er die eigene Telefonnummer im Handy sucht, steht sie unter »Ich«.

Auf der anderen Seite der Welt endet derweil die alte HipHop-Story. Und eine neue beginnt. Der Touristenbus, in dem Grandmaster Caz die reine Lehre predigt, leert sich. Für das Erinnerungsfoto verteilt Caz Goldketten aus Plastik – eine ironische Geste, denn leider fallen vom Manna des HipHop für die Pioniere nur Brosamen ab.

70 Dollar kostet diese Tour, auch für New Yorker Verhältnisse nicht eben wenig, doch davon müssen leben: die Frau von der Agentur, die Ticketverkäufer, der Busfahrer, die befreundeten B-Boys, die unterwegs eine Breakdance-Nummer auf den Asphalt legen, und schließlich der Grandmaster selbst. Sein Bus hat auch am »Bronx Walk Of Fame« gehalten, wo die Stadt verdiente Söhne der Bronx würdigt: künstliche Straßenschilder mit den Namen der Boxlegende Jake LaMotta, von Ex-Verteidigungsminister Colin Powell, Kool Herc und Afrika Bambaataa. Eine gute Geste, gibt Caz zu, aber seien wir ehrlich: Kaufen kann man sich davon nichts.

Leise Bitternis liegt unter den gut gelaunten Raps dieses Curtis Brown, der sich in jungen Jahren, nach seinem Vorbild Giacomo Casanova, Grandmaster Caz nannte.

»Wir waren die Brücke, über die andere gingen.«

Sie gehen immer noch. Immer neu. Immer jung. Den Kopf voll großer Träume. Sonntagabend im Club Speeed, 39. Straße West, Midtown Manhattan. Elefantenhosen der ersten Stunde, Gangsta-Nachwuchs mit locker geknüpftem Kopftuch, schwer aufgebrezelte junge Frauen in Stretch-Top und Kunstpelz, die Versace-Sonnenbrille locker ins Haar gesteckt, Jungs, die noch einmal überprüfen, ob der Zustand ihrer Turnschuhe auch wirklich tadellos ist. Junge Talente von überallher sind es: Queens, Staten Island, Brooklyn. Einige sind sogar aus New Jersey gekommen, um heute Abend dabei zu sein, wenn das Publikum zugleich der Star ist.

Sonntags ist offene Bühne im Speeed, jeder, der kann, darf: HipHop von der Basis, zu vorgefertigten Beats. Zehn Minuten dauert jeder der Auftritte, in denen es um die richtige Show, den richtigen Move, die richtige Ansprache geht. Läuft alles optimal, spendet das Publikum – jeder hat Freunde und Bekannte an strategisch wichtigen Punkten platziert – rasenden Applaus. Wenn der Style nicht so recht gefiel, muss der Betroffene sich einige ironische Worte des Moderators anhören.

Abgang, der Nächste, bitte.

Hier, im Schatten der Hochhäuser von Manhattan, ist HipHop plötzlich wieder, was er ganz am Anfang war: eine Underground-Kultur, bei der die hohe Kunst der Selbstdarstellung honoriert wird. Ob drahtig, leptosom oder vom Genuss zu vieler Hamburger aufgetrieben, ob derb im Vortrag, filigran oder kunstvoll verstottert – alle legen sich schwer ins Zeug. In den zehn Minuten, die jeder hat, lebt das Versprechen der ersten Block-Partys auf: Wer das Mikrofon beherrscht, der hat nicht nur auf magische Weise das Publikum in der Hand, sondern vielleicht auch sein Leben.

Die Gesichter sind entspannt, als die Veranstaltung sich weit nach Mitternacht auflöst. Schnell verläuft man sich in Seitenstraßen und U-Bahn-Schächten. Bevor die Nacht ihn verschluckt, dreht sich einer noch mal um. Auf seinem T-Shirt steht »Take note«, in Großbuchstaben.

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Leserkommentare
  1. habe gerade live-version von suppers ready auf youtube laufen. echte popmusik ist wahrscheinlich so um 1975 friedlich verschieden. jeglicher vergleich dieses hiphop-schmarrns mit der progrock-aera ist vollkommen unangebracht und sollte auch von der diezeit-redaktion tunlichst unterlassen werden. hiphop ist keine musik sondern plumpes gefasel.

  2. Sehr interessanter Artikel, freu mich, dass auch solche Themen in der Zeit immer wieder ein Podium finden.
    Einzige Kritik: Deutsche HipHop-"Größen" wie Bushido werden sich bedanken, in einem Satz mit bspw. Jay-Z genannt zu werden. Unterschied: das eine ist künstlich-provokante Musik für pubertierende Rütli-jungs und das andere ist (fast) Kunst.

    Dennoch dank fürs Dossier...

    • kb26919
    • 15. Oktober 2006 23:17 Uhr

    und das geht auch fuer das Rapper Milieu.Viele,die sich ind er Oeffentlichkeit kettenbehaengt geben,die eben noch in der Stretch-Limo vorgefahren sind haben schon 2 mal Pleite anmelden muessen und die Limousine gehoeren dem Platten-Herausgeber.Tupak Shakur hatte kaum Geld aus er starb..Lisa Lopez die inwischen verstorbene Saengerin eines Rap Trios hatte auch gerade eine finanzielle Pleite hinter sich - sicher sind da Ausnahmen aber bei den meisten ist es mehr Schein als Sein.Schliesslich sind die meisten Rapper voellig ueberfordert wenn es um ihr eignes Management geht.

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  • Schlagworte Bushido | Jay-Z | Libanon | Popkultur | USA | World Trade Center
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