HipHop : Rap dich reich

Harte Beats und böse Texte - HipHop ist heute so populär wie einst der Rock'n'Roll. Mit musikalischem Minimalaufwand sorgt der Ghetto-Sound für ein Milliardengeschäft. Für Frontmann Bushido gilt das Motto: »Geile Autos und geile Uhren«.

Von Block 1520 in der Sedgwick Avenue hat man einen schönen Blick auf den Norden Manhattans. Wie gemalt erheben sich in der Nachmittagshitze die Gebäude aus üppigem Grün. Mit ihren Kuppeln und Zinnen könnte man sie für Märchenschlösser halten, in einem großen Garten verteilt – das ist die Welt dort drüben. Aber hier ist die Bronx. Dazwischen fließt als natürliche Demarkationslinie der Harlem River. Auftritt eines Meisters: Ice Cube zählte einmal zu den meistgehassten Rappern Amerikas. Mittlerweile ist er 37 Jahre alt, verheiratet und Vater von vier Kindern. Zur HipHop-Bildergalerie » BILD

Und weil er nicht nur zwei Stadtteile trennt, sondern auch zwei Welten, eine schwarze und eine weiße, die sich noch immer nicht mischen wollen, ist der Hausmeister von Block 1520 misstrauisch. Grummelnd schließt er die Tür zu einem Raum im Erdgeschoss auf. Dem Raum.

Okay, zwei Minuten, bringen wir’s hinter uns. Ja, er hat davon gehört, dass hier, im verwaisten Gemeindezentrum, vor mehr als 30 Jahren die ersten HipHop-Partys stattfanden – die ersten der Welt. In unregelmäßigen Abständen kommt einer von drüben her, in der Erwartung, einen magischen Ort vorzufinden. Und jedes Mal führt er ihn in diesen Raum, der so nüchtern ist wie eine Abstellkammer.

Durch vergitterte Fenster fällt trübes Licht, in der Ecke ein Kabuff, das als DJ-Kabine gedient haben könnte, Bänke und Tische vor krankenhausfarbenen Wänden, das ist alles. »Man kann nur hoffen, dass die Renovierung im Herbst etwas bringt«, sagt der Hausmeister, »dann sehen die Leute endlich, dass es hier nichts zu sehen gibt.«

Das ist der Moment für den Einsatz von Grandmaster Caz. Der war dabei damals, er hat es mit eigenen Augen gesehen. Hier war die Tanzfläche. Dort drüben standen die Plattenspieler, die gigantischen Lautsprecher. Davor sprangen die Jungs in die Luft, wenn die Musik für einen Moment aussetzte und nur noch der Rhythmus zu hören war. Den Tanz, den man später Breakdance nannte, kann Caz nicht mehr vorführen, er hat etwas Gewicht zugelegt. Aber die Montur eines B-Boys trägt er noch immer, dreiviertellange Hose, Baseballkappe, Sneakers.

Und an Clive Campbell, der die Platten auflegte und wegen seiner herkulischen Statur Kool Herc hieß, erinnert er sich genau. Es war Hercs Idee, die Rhythmuspassagen zweier Titel zu isolieren, aneinander zu hängen und seine Ansage darüber zu sprechen. »So fing im August 1973 alles an, mit zwei Plattenspielern und einer Stimme.«

Drei Jahrzehnte später ist HipHop allgegenwärtig. Kaum ein Land der Erde, in dem nicht diese perkussive Musik mit Sprechgesang, meist im Tempo zwischen 80 bis 120 Schlägen pro Minute, produziert und konsumiert wird. HipHop in den Favelas von Rio, HipHop in Kambodscha, jüdischer und muslimischer HipHop. Spanischer, französischer, deutscher HipHop. HipHop an den Spitzen der Hitparaden, HipHop als Verkaufsargument für Bekleidungsserien und Sportartikel.

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