Kulturpolitik Die Stunde der Feiglinge

Angst vor Terror: Wie Berliner Politiker die Deutsche Oper und ihre Intendantin Kirsten Harms im Stich ließen.

Inzwischen hat sich die Bühne wieder geleert, aber man kommt immer noch nicht aus dem Staunen heraus über diese donnernde Chordarbietung, die in der vergangenen Woche zu hören war. Wie viele Sänger da plötzlich aus den unterschiedlichsten Richtungen ins Rampenlicht strömten, um aus voller Brust das Hohe Lied auf die Freiheit der Kunst anzustimmen! Wie laut und einstimmig gesungen wurde! Geradezu ein Weltchor der Empörung hat sich formiert, als bekannt wurde, dass die Intendantin der Deutschen Oper Berlin, Kirsten Harms, aus Angst vor islamistischer Gewalt eine Idomeneo- Inszenierung von Hans Neuenfels vom Spielplan genommen hatte.

Unter den Protestsängern waren Bundeskanzlerin und Bundesinnenminister, Theaterintendanten und Berliner Lokalpolitiker, internationale Presse von der New York Times bis zum Leitartikler in Italien. Der Refrain war überall gleich: Kein vorauseilender Gehorsam, kein Einknicken, keine Feigheit vor dem drohenden Terror! So einmütig emphatische Bekenntnisse zum Eigensinn der Kunst und zu den Theatern als Orten des ungebundenen Denkens sind schon lange nicht mehr abgelegt worden. Ein Akt der Selbstvergewisserung, den man nicht hoch genug bewerten kann. Die Künstler werden es mit Freude vernommen haben: Sie können deselben Chor nun auch bei anderer Gelegenheit auf die Bühne bitten.

Aber hat in dem Chor trotzdem nicht manche Stimme verdächtig laut herausgekräht? Klang das Riesenfortissimo nicht arg scheppernd? Angela Merkel beispielsweise hat mit ihrem Satz »Selbstzensur aus Angst ist nicht erträglich« einen besonders scharfen Ton angeschlagen, der womöglich nur übertönen sollte, dass sie den Medien vor ein paar Wochen im Zusammenhang mit dem Karikaturenstreit noch etwas ganz anderes nahe gebracht hat – nämlich dass die Journalisten bitte nicht außer Betracht lassen mögen, welche Wirkung ihr Schreiben anderswo in der Welt haben kann.

Harms hält vorerst wenig von einer Wiederaufnahme des »Idomeneo«

Man hörte Politiker die Kunst dröhnend verteidigen, die sonst die Ersten sind, die ihr die Grenzen zeigen wollen. Der CSU-Fraktionsvorsitzende in Bayern, Joachim Herrmann, hat es sogar fertig gebracht, das eine mit dem anderen zu verbinden: Mit Schwung verurteilt er die Stückabsetzung und plädiert gleichzeitig dafür, den Neuenfelsschen Regieexzessen einen Riegel vorzuschieben. Es gab Stellungnahmen, in denen viel abendländische Arroganz mitklirrte gegenüber der vermeintlich intellektuell einfältigen islamischen Welt. Dass die Berliner Lokalpolitiker mit dem Idomeneo- Skandal noch ein paar offene Wahlrechnungen zu begleichen suchten, versteht sich von selbst. Und klang das geschmetterte »Wir dürfen keinen Zentimeter vor dem Terrorismus zurückweichen!«-Unisono nicht überhaupt etwas angestrengt? Wie ein Jägerchor, der sich im dunklen Wald Mut machen will, weil es so unheimlich im Unterholz geknackt hat?

Was neben den zwiespältigen Höreindrücken von den Tagen der Idomeneo- Aufregung bleibt, ist eine von Vorwürfen umstellte Intendantin. Besucht man Kirsten Harms in ihrem Büro an der Bismarckstraße, sagt sie, kaum hat man Platz genommen: »Bevor wir reden, muss ich wissen, ob Sie meine Entscheidung richtig fanden.« Und auf das unmissverständliche Nein reagiert sie nach ein paar Sekunden klammen Schweigens mit neuerlicher Verteidigungsrede: Ehrhart Körting, der Berliner Innensenator, habe die Bedrohungslage ihr gegenüber drastisch geschildert. Nach seinem Anruf, der ihre Entscheidungsgrundlage war, hätte jeder die Situation als äußerst gefährlich für das Opernhaus empfunden. Sie habe es sich keineswegs leicht gemacht und auch die Folgen einer Absetzung nicht unterschätzt, gerade um die habe sie ja von Anfang an gefürchtet.

Kirsten Harms beharrt auf ihrer Entscheidung. Sie wirkt angefasst, aber nicht am Boden zerstört von der Protestwelle. Sie spricht ruhig, lächelnd, sie ist entschlossen, dem öffentlichen Druck standzuhalten. Sie sei Regisseurin und wisse, was es bedeute, sich dem Buhsturm des Publikums stellen zu müssen. Zurücktreten wird sie nicht, ihr Intendantenvertrag an der Deutschen Oper läuft bis zum Jahr 2011. Auch einer demonstrativen Wiederansetzung des Idomeneo unter Polizeischutz, mit Bundesinnenminister und Islamrat im Parkett, steht sie skeptisch gegenüber. Dazu müsse erst wieder mehr Besonnenheit einkehren – und sowieso bedürfe es einer neuen Sicherheitsanalyse. Die Sorge um das Opernhaus hat für sie weiterhin Priorität.

Die zuständigen Politiker haben die Intendantin allein im Skandalgewitter stehen lassen. Innensenator Körting schlug erst Alarm und wollte es später nicht mehr gewesen sein. Der Berliner Kultursenator Thomas Flierl hat den Brief, in dem Harms ihn über den Vorgang unterrichtete, angeblich tagelang ungelesen im Büro verschlampt und flüchtet sich heute in seine typischen Einerseits-und-andererseits-Argumente.

Ihre Einsamkeit hat die Intendantin freilich auch selbst zu verantworten: Sie hat die Politiker nicht in die Pflicht genommen. Der Vorwurf wiegt schwer, denn wer im harten Konkurrenzkampf der Berliner Kulturinstitutionen erst einmal im Ruf steht, sich gegenüber der Politik nicht behaupten zu können, muss auch bei der nächstbesten Gelegenheit damit rechnen, übervorteilt zu werden. Das schwächt die Position von Kirsten Harms. Und wenn nicht alles täuscht, gibt es im Kultur-Haifischbecken der Hauptstadt viele, denen es nicht ungelegen kommt, dass die Intendanz der Deutschen Oper nicht so lobbystark und unantastbar besetzt ist wie etwa die der Staatsoper Unter den Linden mit dem Weltstar Daniel Barenboim an der Spitze. Wenn Klaus Wowereit in wenigen Wochen seine neue Regierung gebildet hat, steht die Zukunft der drei Berliner Opernhäuser ganz oben auf der Agenda des neuen Kultursenators. Die Opernstiftung, unter der sie als eigenständige Bühnen zusammengefasst sind, kann die Sparvorgaben, die ihr auferlegt wurden, nicht einhalten. Am Ende des Fünfjahresplans (im Jahr 2009) werden ihr absehbar über neun Millionen Euro fehlen. Und diese nicht eingesparte Summe wird die ganze wackelige Opernkonstruktion wieder ins Wanken bringen. Wohl dem, der da mit breiter Brust in den Häuserkampf ziehen kann.

An diesem Haus ist über kurz oder lang jeder Intendant verzweifelt

Für den hatte Kirsten Harms an der Deutschen Oper alles vorbereitet. In den letzten beiden Jahren musste sie noch Spielpläne von ihren Vorgängern verantworten. Erst mit dieser Spielzeit beginnt ihre eigentliche Intendantenära. Deshalb hat sie den Plakaten und Programmheften eine neue Optik verpasst und die Waschbetonfassade mit flirrenden Goldscheibchen schmücken lassen. Das Restaurant und die Tiefgarage sind renoviert, und ein neuer Großsponsor konnte gewonnen werden. Der Generalmusikdirektor Renato Palumbo gibt seinen Einstand, und für die Repertoirevorstellungen der ersten Wochen wurden Stars wie José Cura und Juan Diego Florez engagiert. Als Eröffnungsproduktion dieser ersten künstlerisch selbstverantworteten Spielzeit schließlich hat die Intendantin die völlig unbekannte Oper Germania 04529 des italienischen Komponisten Alberto Franchetti – von ihr selbst inszeniert – aufs Programm gesetzt.

Viel mehr Aufbruchstrubel ist gar nicht denkbar, aber der droht nun kläglich in sich zusammenzusacken. Das ist bitter. Kirsten Harms steht nach der Idomeneo- Katastrophe nicht mehr als Hoffnungsträgerin da, sondern als die Intendantin, die auf die falsche Seite geraten ist und sich gegen die Freiheit der Kunst ausgesprochen hat, die »hilflos«, »feige«, »kopflos«, »ängstlich« und »ohne Übersicht« agiert hat – alles Attribute übrigens, mit denen Frauen auch sonst gern kritisiert werden.

In der Berliner Lokalpresse ist der 15. Oktober, der Tag der Germania- Premiere, schon gehässig zum Schicksalstag der Deutschen Oper ausgerufen worden. Wieder einmal, möchte man sarkastisch hinzusetzen. Denn in den letzten Jahren ist an diesem Opernhaus noch jeder, der künstlerische Verantwortung übernommen hat, binnen kürzester Zeit an den allgemeinen Verhältnissen oder sich selbst verzweifelt, über ein fremdes oder eigenes Bein gestolpert. Gemessen daran, wirkt Kirsten Harms erstaunlich gelassen.

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Leser-Kommentare
    • Magdag
    • 05.10.2006 um 9:25 Uhr

    Na, ist doch sehr ritterlich, sich für Frau Harms in die Bresche zu werfen. Freilich erst dann,wenn sich der Pulverdampf weitgehend verzogen hat.
    Ohnehin werden die Stimmen - auch der Männer - immer dann schriller, wenn es einer Frau an den Kragen geht.
    Da kann was Sonores nichts schaden.

  1. Aus dem Artikel:
    "Der CSU-Fraktionsvorsitzende in Bayern, Joachim Herrmann, hat es sogar fertig gebracht, das eine mit dem anderen zu verbinden: Mit Schwung verurteilt er die Stückabsetzung und plädiert gleichzeitig dafür, den Neuenfelsschen Regieexzessen einen Riegel vorzuschieben."

    Diesen inkonsistenten Populismus verachte ich am allermeisten bei Politikern. Oder ist es gar Dummheit oder etwa Verblendung? Herr Herrmann sollte mal Voltaire lesen, dee sinngemäß sagte: Ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich kämpfe dafür, dass Sie sie sagen dürfen.

    Aus dem Artikel:
    "Es gab Stellungnahmen, in denen viel abendländische Arroganz mitklirrte gegenüber der vermeintlich intellektuell einfältigen islamischen Welt."

    Das geht mir auch auf den Keks. Ich bin fürwahr islamkritisch. Aber man kann doch nicht deshalb die Mitglieder einer anderen Kultur als minderbemittelt hinstellen, nur weil sie einen Weg geht, der nicht mit meinen Überzeugungen harmoniert.

    Im Übrigen stehe ich voll und ganz hinter der Entscheidung von Frau Harms und gleichzeitig ganz hinter dem Prinzip der Meinungsfreihet. Frau Harms hat die Verantwortung für die Opernbesucher und ihre Mitarbeiter. Es war eine klassische Situation der Güterabwägung.

    Jeder, der schon einmal Verantwortung für andere getragen hat, weiß, dass sie richtig gehandelt hat. Dass sie von den Politikern im Stich gelassen wurde, wundert mich allerdings nicht.

    • Crest
    • 07.10.2006 um 17:43 Uhr

    "Der Gehorsam endet und die Verantwortung beginnt."

    Dass die Politiker die Intendantin "im Stich ließen", ist demnach völlig unerheblich: Sie hat die Kompetenz, Entscheidungen zu treffen, wie sie sie getroffen hat. Sie durfte, sie musste und sie hat, nach bestem Wissen und Gewissen.

    Soweit ist alles in Ordnung.

    Aber die Entscheidung ist falsch gewesen. Nicht nur einfach falsch, sondern strategisch falsch.

    Deshalb sollte sie zurücktreten. (Ich habe ihr das auch in einer persönlichen E-Mail mitgeteilt.)

    Sie fragen mich, wie eine richtige Entscheidung ausgesehen hätte?: So wie Kennedy Anfang der 60-er in Alabama bei den dortigen Rassenunruhen entschieden hatte. (Nachzulesen in den Biographien von T. Sorensen)

    Herzlichst Crest

    • Anonym
    • 06.10.2006 um 0:48 Uhr

    Warum haben wir es nicht aus der Zeit erfahren, dass die Köpfszene eine Idee von Regisseur Neuenfels ist und künstlich hizugefügt wurde?
    Warum gab es keinen Kommentar, wie inszeniert der Skandal, wo die Oper in dieser Form doch schon 2003 lief?
    Warum hat sich die Zeit nicht gefragt, wer überhaupt von diesem Stück gewusst hätte ohne die Absetzung?
    Und warum beleuchtet man nicht einmal Regisseur Neuenfels, der mit Verweis auf den Holocaust, auch meint in Verdis Nabucco die Juden meucheln lassen zu müssen...?

    Gewirkt hat die Aktion scheinbar schon, so billig sie auch inszeniert war. Allerorten war zu hören, man lasse sich seine Freiheit nicht von den Terroristen beschneiden. Dass uns die wirklichen Attentäter auf die Freiheit damit vor den Karren gespannt haben, ahnen die wenigsten...

  2. Was bitte meine Sie genau mit "künstlich hinzugefügt"? Ist Ihnen zur Erkenntniss gekommen, dass Mozart 1781 nicht schon persönlich und ausdrücklich in Regieanweisungen verlangt habe, im Schlussteil den abgetrennten Kopf von Jesus Christus zu präsentieren? Na Donnerwetter. Das hat uns die ZEIT doch tatsächlich verschwiegen.

    Und wer sind denn jetzt genau die "wirklichen Attentäter auf die Freiheit"? Herr Neuenfels? Un wie genau sah dieser Anschlag auf meine und Ihre Freiheit aus? Entschuldigung, dass ich Ihre Gedanken nicht nachvollziehen kann. Es liegt wohl an mir.

    • Anonym
    • 07.10.2006 um 12:42 Uhr

    hat also die Köpfung Mohammeds selbst in Idomeneo eingebaut? Für wie dumm wollen Sie die Leser noch verkaufen...?

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