Religion Wolfgang der Weise
Innenminister Schäuble hat geschafft, was Rot-Grün in sieben Jahren nicht über sich brachte: Die öffentliche Anerkennung des Islams in Deutschland
Es kommt selten genug vor, dass man die Politik vor ihrem eigenen Understatement in Schutz nehmen muss. Der gesellschaftspolitische Coup, der Wolfgang Schäuble in der vergangenen Woche gelang, ist so ein Fall. Nach der ersten Sitzung der Deutschen Islamkonferenz im Schloss Charlottenburg sprach der Innenminister vorigen Mittwoch in gut badensischer Bescheidenheit von »einem wirklich guten Auftakt«. Und mit geradezu aufreizender Gelassenheit schob er hinterher, der Islam sei nun »ein Teil unseres Landes, ein Teil Europas«.
Wie bitte? War da nicht noch etwas passiert, gleich nebenan in Charlottenburg? Hatte die Deutsche Oper nicht soeben zum Entsetzen der Weltöffentlichkeit den Idomeneo abgesetzt, in Vorwegnahme möglicher Reaktionen islamistischer Extremisten? Jawohl, auch darüber habe man geredet, so Schäuble. Die Idomeneo- Absetzung sei von der gesamten Konferenz, auch von den Muslimen, einhellig verurteilt worden. Im Übrigen habe man sich verabredet, die Oper bald gemeinsam zu besuchen. Das war ziemlich cooles Krisenmanagement.
Wer hätte sich diese Wendung vorstellen können – nach dem blutigen Karikaturenstreit und dem weltweiten Aufruhr wegen der Papst-Rede? Der konservative Innenminister, ein bekennender Christ, lädt die Vertreter der Muslime in eine Oper ein, an deren Ende die Köpfe von Jesus und Mohammed rollen – und gräbt dadurch verschmitzt den Scharfmachern auf beiden Seiten das Wasser ab.
Es zeichnet sich nun tatsächlich ein neues deutsches Modell der Integrationspolitik ab. Die doppelte Botschaft der vergangenen Woche lautet: Der Islam ist ein Teil unserer Wirklichkeit, und wir werden damit leben müssen, dass sich unser Selbstbild als Deutsche entsprechend verändert. Wir wollen einen offenen, angstfreien Dialog, ohne falsche Harmonie und Konsenszwang. Wir verwechseln dabei Liberalität nicht mit Respektlosigkeit, Wertebewusstsein nicht mit Selbstgerechtigkeit. Bei den Freiheitsrechten, dafür steht die einhellige Ablehnung der Opern-Absetzung, darf es keine Abstriche geben. Im Gegenteil: Wenn die Einbürgerung des Islams gelingen soll, darf es keine Freiheit für die Feinde der Freiheit geben, gerade nicht für jene, die sich anmaßen, im Namen des Islams zu sprechen. Aber wir werden nicht mehr leugnen, dass wir ein Einbürgerungsland sind und die Muslime dazugehören. Dafür müsst ihr lernen, mit Idomeneo und Benedetto zu leben. Den Rest regeln, wie überall in Deutschland, paritätisch besetzte Arbeitsgruppen, die sich nun über Religionsunterricht, Frauenrechte, Imam-Ausbildung und Bildungschancen den Kopf zerbrechen werden. Anfang November geht es in Nürnberg weiter, unter Federführung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF).
Der Islam ist kein Gastarbeiterglaube mehr, der wieder verschwinden wird
Ausgerechnet dem konservativen Innenminister ist geglückt, was Rot-Grün in sieben Jahren nicht über sich bringen konnte – die beherzte öffentliche Anerkennung der zweitstärksten Religion hierzulande. Der Islam ist jetzt für alle erkennbar kein Gastarbeiterglaube mehr, der mit seinen Trägern auch wieder verschwinden wird.
Was Wolfgang Schäuble mit seiner Erfindung, der Deutschen Islamkonferenz, geschaffen hat, gibt es so nirgends in Europa: Eine Institution, die die ganze Breite des islamischen Lebens abbildet und schließlich – das ist jedenfalls das Ziel – einerseits die Muslime gegenüber dem Staat sprechfähig machen, andererseits dem Staat den lang ersehnten Verhandlungspartner bescheren soll.
Durch eine risikofreudige Einladungspolitik sitzen nun Konservative und moderate Gläubige an einem Tisch mit hartgesottenen Säkularisten, Kulturmuslimen und Islamkritikern – und ihnen gegenüber deutsche Beamte aus allen Ebenen der staatlichen Ordnung. Natürlich sind dabei Konflikte programmiert: Vor der Konferenz bereits rebellierten die Verbände, die auf ihre Kritiker, wen wundert’s, gern verzichten wollten. Und gleich bei der ersten Sitzung prallten Befürworter eines generellen Kopftuchverbots in Schulen mit jenen zusammen, die die weibliche Verhüllung für eine religiöse Pflicht halten. So wird es weitergehen: Vor allem die Situation muslimischer Frauen und Mädchen wird immer wieder für Streit sorgen. Häusliche Gewalt, Zwangsheiraten, Sexualkunde, gemeinsamer Schwimm- und Sportunterricht für Mädchen und Jungen, Anwesenheitspflicht bei Klassenfahrten – wenn es bei der Konferenz ums Geschlechterverhältnis geht, ist Streit unvermeidlich.
Die große Chance liegt darin, dass dieser Streit nicht als Kampf zwischen Mehrheit und Minderheit, Christen und Muslimen geführt wird, sondern als eine Auseinandersetzung unter Linken, Rechten, Liberalen und Orthodoxen, Männern und Frauen innerhalb des deutschen Islams. Dieser Islam ist kein starrer Block, er wird gewissermaßen selbst Multikulti.
Für die Muslime ist es neu, ihre eigene Pluralität öffentlich darzustellen. Es fordert Mut von ihnen, innermuslimische Konflikte in der – wenn auch beschränkten – Öffentlichkeit der Islamkonferenz auszutragen. Die deutsche Seite muss sich der Ängste bewusst sein, die damit verbunden sind, und um jeden Preis vermeiden, die Teilnehmer gegeneinander auszuspielen. Wenn der orthodoxe Gläubige seinen Standpunkt nicht vertreten kann, ohne sich gleich als Frauenfeind und Islamist denunziert zu sehen, kann nichts dabei herauskommen. Das Gleiche gilt allerdings auch für die Feministin, die den Orthodoxen kritisieren dürfen muss, ohne sich gleich als Ungläubige ausgeschlossen zu finden. Am Ende wird kein Konsens stehen. Ein Kompromiss mit vertretbaren Schmerzen für alle Seiten wäre ein großer Erfolg.
Eines ist schon erreicht: Die Muslime sind aus der Opferrolle katapultiert worden, in die sie sich gern hineingesteigert haben. Die ewige Klage über den »Generalverdacht«, unter dem der Islam seit dem 11. September angeblich stehe, hat sich erledigt, wenn man als Partner auf Augenhöhe mit dem Innenminister verhandelt. Zweifellos gibt es irrationale Angst vor Muslimen. Doch mit der mechanischen Abwehr des vermeintlichen Generalverdachts haben die Verbände sich auch immer wieder gegen berechtigte Kritik abzuschirmen versucht. Vorbei.
Die Liberalen in der Union stehlen Roten und Grünen ein Thema
Doch auch auf der anderen Seite muss jetzt der Gang ohne Identitätskrücken geübt werden. Das verantwortungslose integrationspolitische Gemauere der Union ist Geschichte. Sich noch einmal an »der über Jahren zelebrierten rot-grünen Multikulti-Ideologie« schadlos zu halten, wie es jetzt der CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla getan hat, ist hoffnungslos passé. Etwas Neues hat schon begonnen – das paradoxe Experiment mit einem selbstbewussten, inklusiven, multikulturellen Patriotismus, der seine Leitkultur noch sucht. Die freien Köpfe in der Union entdecken die Gesellschaftspolitik neu: Die Schäubles, Böhmers, Laschets sind dabei, mit ihrem pragmatistischen Realismus den Roten und Grünen eines der wichtigsten Themen zu stehlen.
Die Islamkonferenz zieht die Konsequenzen aus den gescheiterten Modellen der Nachbarländer. Die Franzosen haben versucht, einen Islam von oben her zu verordnen. Die Briten haben die Dinge lange laufen lassen und sogar mit Radikalen geflirtet, bis ihnen der Homegrown-Terrorismus die Gefährlichkeit dieser Politik der wohlwollenden Vernachlässigung vor Augen führte. Die Dänen haben zum Entsetzen ihrer Nachbarn umstandslos von der Gleichgültigkeit des jahrzehntelangen Laisser-faire auf einen Kulturkampf mit sehr hässlichen populistischen Nebentönen umgestellt. Im jüngsten österreichischen Wahlkampf wurde mit dumpfen antimuslimischen Parolen (»Daham statt Islam«) geworben. Und die Niederländer, einst die liberale Avantgarde Europas, haben Ayaan Hirsi Ali erst als Islamkritikerin aufgebaut, um sie schließlich im Stich zu lassen und ins amerikanische Exil zu treiben.
Mag sein, dass ernstere Proben als die Inszenierung einer Mozartoper auf das neue Deutschland warten, das jetzt endlich den Islam einzubürgern versucht – ein Terroranschlag etwa oder tote Soldaten im Nahen Osten. Doch gerade dann wird man Muslime brauchen, die sich für dieses Land einsetzen und seine Werte selbst gegen jene verteidigen, die es im Namen ihrer eigenen Religion angreifen.
i Analysen und Videos über die Zukunft des Islams: www.zeit.de/islam
- Datum 06.10.2006 - 06:57 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.10.2006 Nr. 41
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