Roman Im Abgrund der Bilder
Kleine Verteidigung des neuen Romans von Thomas Hettche gegen seine großen Kritiker.
Der Schriftsteller Thomas Hettche macht sich gerne sichtbar. In seinen Beiträgen als Juror des Klagenfurter Wettbewerbs, in seinen Äußerungen zum Literaturbetrieb, in seinen literarischen Essays wie auch in seinen Romanen und Erzählungen zeigt er sich als eloquenter, theoretisch versierter Mann, der Ehrgeiz und Kompetenz zu verbinden weiß. In der mittleren Autorengeneration (er ist Jahrgang 1964) gilt er als eine der wichtigsten Stimmen, und mit seinem Roman Der Fall Arbogast (2001) errang er den Beifall der Kritik wie des Publikums. Sein neuer Roman Woraus wir gemacht sind steht an der Spitze der Bestenliste des Südwestfunks und ist einer der Kandidaten für den Deutschen Buchpreis.
Es konnte nicht ausbleiben – und es nutzt übrigens dem Gespräch über Literatur –, dass sich dieser Erfolgsgeschichte Widerspruch in den Weg stellte, was jetzt in Gestalt eines gründlichen Verrisses des neuen Romans geschehen ist, verfasst von Thomas Steinfeld, Literaturchef der Süddeutschen Zeitung. Er kritisierte die seiner Ansicht nach missglückte Melange aus trivialer Unterhaltung, intellektuellem Anspruch und poetischer Qualität und fand vor allem »metaphysische Gemeinplätze«. Er nannte das Buch eine »Prahlerei« und zitierte einige Sätze, die, isoliert betrachtet, in der Tat etwas schräg wirken. Wenige Tage später nannte Gerrit Bartels in der taz das Buch gleich dreimal »abstrus«.
Die Erfahrung lehrt, dass man mit solcher Sprachkritik nicht unbedingt sehr weit kommt. Die ausgefallene Wendung, das ungewöhnliche Bild geraten schnell unter kritischen Verdacht, während es doch einzig darauf ankommt, wohin eine solche Sprache den Leser führt. In diesem Roman führt sie ihn zu einer Grenzerfahrung, nämlich zu der beunruhigenden Tatsache, dass wir uns selber nie ganz sicher sein können, dass wir uns zuweilen verlieren und nicht genau wissen, woraus wir gemacht sind.
Niklas Kalf, der Held der Geschichte, macht diese Erfahrung, indem er in eine extreme Situation gerät, die ihn nahezu aus der Bahn wirft. Er ist von Beruf Schriftsteller, Verfasser zweier erfolgreicher Biografien und befindet sich zusammen mit seiner schwangeren Freundin auf einer Reise durch Amerika. Er hat den Auftrag, die Lebensgeschichte des deutschen Emigranten und Physikers Eugen Meerkaz aufzuschreiben, und trifft in New York seinen Verleger und seine Übersetzerin.
Seine entführte Freundin scheint er auf der Suche fast zu vergessen
Wenige Tage nach dem gemeinsamen Abendessen wacht er eines Morgens im Hotel auf und findet das Bett neben sich leer. Während er noch glauben will, die Freundin sei Kaffee holen gegangen, blickt er verschlafen auf den Fernseher, wo George W. Bush zum Jahrestag des Angriffs vom 11. September jene Rede hält, die den Irak-Krieg vorbereiten wird. Da klingelt das Telefon, und eine weibliche Stimme sagt ihm, man habe seine Freundin entführt, es gehe ihr gut, und man werde sie ihm zurückgeben, wenn er bereit sei, seine Kenntnisse über die geheimen Forschungen des Eugen Meerkaz preiszugeben.
»Die roten Ziffern des Digitalweckers neben dem Bett zeigten exakt elf Uhr. Erst jetzt realisierte Kalf, dass Liz verschwunden war, und dieses Wissen flutete ihn, kalt und schwarz schäumte es durch all die Räume seiner Erinnerung und Selbstgewissheit, nichts als brackige, ölschlierige Angst, die ihn lähmte und in der er widerstandslos und still ertrank, bis noch jener feine, leuchtende Punkt an der Spitze der Zunge, mit dem man ›Ich‹ sagt, einfach verlosch.«
Ich kann nicht finden, dass dies schlecht geschrieben ist. Thomas Hettche verfügt über eine suggestive, hoch bewegliche Sprache, die an den Rand des Zuträglichen geht und manchmal darüber hinaus (da hat Steinfeld Recht), aber das ist mir zehnmal lieber als diese schreibschulmäßige Ausgewogenheitsprosa, die man jetzt überall findet.
Es passiert nun aber etwas überaus Seltsames: Niklas Kalf, von seinem Verleger davor gewarnt, die Polizei einzuschalten, macht sich auf eigene Faust daran, die von den unbekannten Entführern geforderten Erkenntnisse herauszufinden, und kommt dabei in eine Kleinstadt irgendwo in Texas. Dort versackt er mehrere Monate in einer träumerischen und zugleich höchst aufmerksamen Apathie, beobachtet die Landschaft, freundet sich mit einigen Menschen an, hat kurze Affären, bricht ab und zu in Tränen aus, scheint Liz aber fast zu vergessen und kommt am Ende eher zufällig auf eine Spur, die ihn zur Lösung des Rätsels führt und schließlich zu seiner Freundin zurück.
Das Merkwürdige daran ist der extreme Tempowechsel. Der Roman geht so schnell und präzise los, dass man sich in einem Thriller wähnt, wird dann aber so langsam, dass man die Geduld verlöre, besäße Hettche nicht die Gabe, diese traumwandlerische Selbstvergessenheit des Helden so zu schildern, dass sie einem nahe geht. Wir sehen, wie sich dieser Mann ohne besondere Eigenschaften selber abhanden kommt, wie er sich auflöst in der endlosen Weite der Prärie, sich verliert in Bildern, die uns irgendwie bekannt vorkommen.
Was wir alle sehen und gesehen haben und irgendwie im Gedächtnis bleibt
Es sind Kinobilder, es sind Einstellungen wie aus einem Film von Jim Jarmusch oder Wim Wenders, wo eine Totale plötzlich mehr bedeutet als die Geschichte, die erzählt werden soll, wo eine Begegnung scheinbar ganz wegführt von der Handlung, wo zuweilen eine Stille entsteht, die poetische Kraft besitzt, ohne dass wir zu sagen vermöchten, worin ihr Sinn genau liegt.
So auch hier. Dass Hettche dabei immer wieder den zeitweise quasi vergessenen Plot in Erinnerung bringt, dass er am Ende die Geschichte wieder rasant beschleunigt, gehört zu seinem kinomäßigen literarischen Verfahren. Es gibt blutige Zweikämpfe, wilde Verfolgungsjagden, die aber im Wesentlichen keinen anderen Sinn haben, als die Illusionsmaschine in Gang zu halten. Es kommt dabei auf die kriminalistische Glaubwürdigkeit der Konstruktion gar nicht an, so wie in Raymond Chandlers Roman The Long Goodbye das Handlungsgerüst immer unsichtbarer wird – oder wie Jim Jarmuschs Ghost Dog oder Dead Man nicht deshalb große Filme sind, weil sie eine plausible Handlungsabfolge böten. Sie bilden eine Welt aus eigener Kraft.
Das Schöne, auch Beunruhigende an Hettches Buch ist dieser phantasmagorische Reigen der Bilder, die dem Leser im Gedächtnis bleiben. Sie haben mit dem zu tun, was wir alle sehen und gesehen haben, ohne dass wir es uns immer bewusst halten könnten: die Bilder vom 11. September, die eingesickert sind in unsere Träume; die Vorstellungen vom amerikanischen Mythos, wie sie uns das Kino, die Werbung, auch eigene Anschauung vermittelt. Niklas Kalf ist einer, den der Zufall hinabwirft in diesen Abgrund der Bilder, bis er kaum mehr weiß, was Liebe ist, wer er selber ist – und noch die glückliche Heimkehr gleicht ja eher einem Traum als der Realität. Wobei wir eigentlich wissen könnten, dass wir von einem Roman Realität am wenigsten dann erwarten können, wenn er scheinbar realistisch daherkommt. Dieser Roman ist eine Versuchsanordnung, ein intelligentes, ein lehrreiches Spiel. Hettche kann was.
- Datum 05.10.2006 - 10:30 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.10.2006 Nr. 41
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"Was wir alle sehen und gesehen haben und irgendwie im Gedächtnis bleibt" - das Was im Akkusativ kann nicht das fehlende im Nominativ (vor "irgendwie") ersetzen.
Aber vielleicht lag das ja nicht am Autor, sondern an der Redaktion?
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