Das ist eine große Sache. Ein Roman über den Krieg. Nicht irgendeinen Krieg, sondern den letzten europäischen Krieg. Geschrieben von einem, der dabei war – als Kind. Saša Stanišić wurde 1978 in Bosnien-Herzegowina geboren und kam als Vierzehnjähriger nach Deutschland, wo er heute am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert. Seinen ersten Roman hat er auf Deutsch geschrieben.

Kriegserzählungen aus der Kinderperspektive sind ein heikles Genre. Oskar Matzerath hat durch den Dschungel aller erzählerischen Peinlichkeiten, in die dieses Genre leicht geraten kann, eine Schneise geschlagen. Sein Rezept war neben der penetranten Trommelei eine große Portion genialischer Naivität. Der junge Erzähler in Imre Kertész’ Roman eines Schicksallosen wählt den Weg der stoischen Unaufgeregtheit und vorbehaltlosen Verständnisbereitschaft. In beiden Fällen war es die furiose Erzählperspektive, die verblüffte und überzeugte. Dem jungen Saša Stanišić ist so viel Glück nicht beschieden. Er tappt mit seiner Kindererzählung vom Balkankrieg in die erste Falle, die auf seinem Weg liegt: in die Kitschfalle.

Aleksandar, das altkluge Kind aus Višegrad, das hier erzählt, versucht, in einer Sprache über seine Kriegserlebnisse zu berichten, die offenbar die Sprache eines frühpubertierenden Jungen sowohl imitieren als auch poetisch aufpolieren soll. Das erzwingt eine einerseits ganz unbedarfte, naiv anekdotische, andererseits ein wenig hochgespannte, bemüht märchenhafte Ausdrucksweise. Ein Spagat, in dem man sich leicht die Beine bricht.

Das Magische, kindlich Verzauberte, in das sich dieser Roman über den grausamen Bürgerkrieg wie in ein kostbares Gewand hüllt, hat ihm gleichwohl bisher viel Bewunderung und sogar die Nominierung für den Frankfurter Buchpreis eingetragen. Literaturkritisch ist das nicht ganz nachvollziehbar, menschlich dafür umso mehr. Denn die Verzauberung und kindliche Poetisierung des Jugoslawienkrieges, die Undurchsichtigkeit und Entrücktheit des Krieges, die in dieser manieriert kindischen Erzählhaltung beschlossen liegt, entspricht durchaus dem diffusen Gefühl, das der westeuropäische Betrachter bis heute mit diesem Krieg verbindet. Wer da eigentlich gegen wen war und ob das Ganze nicht nur eine auf ewig unaufklärbare, rätselhafte Kinderei darstellte, scheint bis heute nicht feststellbar zu sein. Der Roman von Saša Stanišić bestätigt diese nebulöse Ansicht auf rührend kindsköpfige Art und Weise. Und mit zartem melancholischem Seufzen.

Sehr viele Onkel, Ur-Opas, Opas und Tanten stürmen lautstark durch diesen Roman, pflücken Pflaumen, feiern »Klofeste«, rauchen Zigarettchen und verbreiten heiter-pittoreske balkanische Urigkeit. Hier wird sehr viel Kittelschürze getragen, Knoblauch gegessen und aus dem Kaffeesatz gelesen, so viel, dass nicht immer ganz klar ist, ob es sich wirklich um ein kindliches oder ein fremdenverkehrsamtliches Erinnerungsbild handelt. Zu dem Massaker in Višegrad, dem 4000 Bosnier zum Opfer gefallen sind, hält der Erzähler märchenonkelhafte Distanz. Soldaten kommen, Soldaten schießen, »eine Armee von bärtigen Bräutigamen fuhr vorbei, sie schossen den Himmel an und feierten, die Stadt zur Braut genommen zu haben«, die »dummen Soldaten« nahmen jeden mit, der einen »falschen Namen« hatte. Aus Essen schreibt der reifer gewordene Erzähler danach Briefe an seine verlorene Freundin. Dazwischen gibt es ein Romanfragment, geschrieben aus der Kleinkindperspektive in der Zeit, »als alles gut war«. Beschlossen wird dieses schwankende, ein wenig einsturzgefährdete Romangebäude mit einem Bericht von einem Besuch in Višegrad in der Nachkriegszeit. Wehmütig beklagt der Heimkehrer den Wandel der Zeit: »Nur das Früher gehört uns noch, Nena und mir, Sonnenblumen haben sich in ihrem Garten nach meiner Nena gedreht, wenn sie ihr Haar flocht.«

Nichts für ungut. Die Poesie des Kindlichen gehört zum Schwersten und Anspruchsvollsten in der Literatur. Kein Wunder und keine Schande, wenn das auf Anhieb nicht gelingt.