Nachwuchsautoren American Streber
Eine neue Generation altkluger und frühreifer Schriftsteller in den USA ist davon überzeugt, dass man die Welt mit Romanen erklären kann – und sie beweist es.
Es gibt ein Wort, das die meisten Amerikaner wahrscheinlich selbst dann nicht buchstabieren könnten, wenn sie es wollten. Das Wort lautet precocious, und alle, auf die das Wort zutrifft, würden es nicht verwenden, weil sie in einer anderen Sprache ein Wort entdeckt haben, das sie viel schöner finden, so wie sie auch die andere Sprache viel schöner finden, oder warum würden sie sonst immer so gern daraus zitieren; sie würden sich, wenn sie ehrlich sind, einfach als wunderkind bezeichnen.
Sie heißen Jonathan Safran Foer oder Benjamin Kunkel oder Marisha Pessl, sie zitieren, wie Amerikaner überhaupt, in bildungsmäßigen Grenzsituationen gern deutsch, sie sind jung und belesen und so talentiert, dass ihr IQ sicher deutlich über der gesundheitlich vertretbaren Höchstgrenze liegt. Sie sind ausnahmsweise mal keine Bioforscher oder Paläontologen oder Programmiergenies, obwohl sie das sicher auch gut könnten; diese Wunderkinder wollen die Rätsel der Welt ganz altmodisch lösen, indem sie Romane schreiben. Sie sind altklug, sie sind frühreif, sie sind all das, was im Wörterbuch unter precocious steht. Sie sind die neueste Literaturerfindung aus Amerika: »American Streber«.
Angefangen hat das alles mit Jonathan Safran Foer, der vor ein paar Jahren, da war er Anfang 20, einen Roman schrieb, der mühelos und verblüffend zwischen den Jahrhunderten hin und her sprang, zwischen Amerika, der Ukraine von heute und dem Schtetl in Russland, zwischen der komischen Erzählstimme des sexbesessenen Fremdenführers und der unsicheren Perspektive des jungen Amerikaners. Der Roman hieß Alles ist erleuchtet und wurde in Hollywood verfilmt, und weil schon dieses Buch wie selbstverständlich vom Holocaust handelte, war es eigentlich nicht überraschend, dass sein nächster Roman Extrem laut und unglaublich nah dann wieder einen moralischen Koloss zum Thema hatte, das New York und das Drama von 9/11, gesehen und erlebt – von einem neunjährigen Wunderkind. Sie sind eben nicht nur sehr selbstbewusst, diese American Streber, sie schultern auch mit Vorliebe die schwersten Fragen.
Das unterscheidet sie etwa von den deutschen Schriftstellern ihres Alters, obwohl sich einige etwas ältere wie Christoph Peters oder Thomas Hettche auch hier langsam dem Teil der Wirklichkeit öffnen, der mit den Abendnachrichten oder den Geschichtsbüchern zu tun hat. Durch ihre Versuche, moralisch oder historisch schwierige Fragen vor allem als Teil einer individuellen Selbsterforschung zu begreifen (oder überhaupt mal von der leicht psychotischen Beziehung zu Vätern, Müttern, Brüdern, Schwestern, Söhnen et cetera abzusehen), unterscheiden sich die American Streber aber auch von den Protagonisten des neueren amerikanischen Familienromans, wie er in den letzten Jahren und besonders erfolgreich vor allem von Jonathan Franzen mit seinen Korrekturen in Deutschland gefeiert wurde. Und auch mit Bret Easton Ellis oder Jay McInerney verbindet sie wenig, die noch jung waren, als es Spaß machte, jung zu sein, in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern, und die vor allem über Sex und Drogen und jene Art von Verschwendung schrieben, für die die American Streber höchstens eine leicht in die Höhe gezogene Augenbraue übrig haben.
Aber so hat eben jede Zeit ihre Wahrheit, und was für das Amerika der Reagan-Spätphase der Exzess war und für die Clinton-Ära die literarische Familienaufstellung, das ist für die Bush-Epoche mit all ihren Ängsten und Untergangsszenarien nun jene Art von Selbstversicherung, die eine junge Generation betreibt, beladen mit schwerem Bildungsgepäck und ironisch imprägnierter Ernsthaftigkeit. Jugend, das ist das Fazit dieser Romane, Jugend kurz nach der Jahrhundertwende, das bedeutet, dass man Teil einer Verschwörung ist, deren Mechanismen man erst langsam durchschaut, bei der alles mit allem zusammenhängt und der rettende Ausweg schon mal ein Medikament sein kann mit Namen Abulinix.
Diese American Streber nun sind dabei keineswegs so unentschlossen, wie es etwa Benjamin Kunkel behauptet, dessen erster, jetzt auf Deutsch erschienener und mit großer Aufmerksamkeit bedachter Roman so heißt, Unentschlossen, und hier wie dort ordentlich missverstanden wurde. Denn der 28-jährige Dwight Wilmerding, von dem Kunkel erzählt, ist eben kein Holden Caulfield, wie es in der New York Times Michiko Kakutani fast reflexhaft verkündete – aber schließlich steht seit 50 Jahren alles, was auch nur ansatzweise nach jugendlicher Sinnsuche klingt, automatisch in der Nachfolge des Fängers im Roggen. Was Kunkel, dieses blonde, großäugige Wunderkind, hier gemacht hat, ist eben kein autobiografischer Erwachensbericht, sondern ein cleverer Thesenroman, der sich schlichter und im Grunde dümmer stellt, als es sein Autor ist.
Leider sind Thesenromane nur selten gute Bücher, und so ist es auch bei Unentschlossen. Kunkel erzählt etwas langatmig von den Liebes- und Lebensverstrickungen des gescheiterten Akademikers Wilmerding, der seinen Job als Computerhotliner bei der Pharmafirma Pfizer verliert, der die halbherzig betriebene Beziehung mit Vaneetha ebenso halbherzig beendet und eine Schulfreundin in Quito besucht, um von dort vielleicht einen besseren Blick auf sein dahindümpelndes Leben zu erlangen. Und bei diesem Schritt zur Klarheit soll dem chronisch unentschlossenen Dwight, der die einfachsten wie die elementarsten Entscheidungen per Münzwurf trifft, ebenjenes Medikament helfen, das ihm ein Freund verschafft hat und das Abulinix heißt.
»Dieses Buch war eine Art Trick«, sagt Kunkel, der ein grünes T-Shirt trägt, auf dem in gelber Schrift »Mollusk Surf Shop« steht. Er sitzt in seiner Wohnung im New Yorker Stadtteil Chelsea, hinter ihm an der Wand hängt ein blauer Schmetterling in einem Glaskasten, auf dem Boden liegen Bücher, natürlich auch eines von Nietzsche. »Mein nächstes Buch wird anders sein«, sagt er. »Ernsthafter.«
»Sind Sie nicht schon ernsthaft genug?«
Er lacht, und seine Augen ziehen sich etwas zusammen, als ahne er einen Vorwurf. »Nietzsche hat einmal gesagt, dass Jesus, wenn er älter geworden wäre, auch humorvoller geworden wäre. Darauf bezieht sich übrigens auch Hesse. Also, es besteht schon noch Hoffnung, das ich lockerer und offener werde.«
Was man eben so sagt, wenn man erst auf ein Internat an der Ostküste geht und dann für zwei Jahre in der kalifornischen Wüste verschwindet, um am Deep Springs College mit fein ausgewählten 25 anderen männlichen Studenten zu lernen und zu arbeiten, mindestens 20 Stunden Feldarbeit in der Woche, ein rigoroses und umfassendes Bildungserlebnis, das der Vegetarier Kunkel dann noch mit vier Jahren Harvard abrundete. Er ist ein Eliteschüler wie Jonathan Safran Foer, er ist 32, und weil er nicht nur mit seinem Roman Unentschlossen reichlich Aufmerksamkeit bekommen hat, sondern im New Yorker viele kluge Seiten damit füllt, den toten D. H. Lawrence und Samuel Beckett zu huldigen, und weil er vor allem mit ein paar Freunden die recht einflussreiche und sehr smarte Zeitschrift n+1 gegründet hat, wo die Rubriken schon mal Thanatos heißen oder Apologia pro vita sua und sich die Texte trotzdem mit der Band Radiohead beschäftigen und der »Philosophie des Pop« – deswegen ist dieser freundliche, ruhige Mann, der so oft die Hand am Kinn hat und im Gespräch so viel wegschaut, einer der neuen amerikanischen Vorzeige-Intellektuellen.
»Es gibt zu wenige gemeinsame spirituelle Projekte heute und zu viele rein finanzielle«, sagt Kunkel und sagt das so ernst wie jemand, der seine Studienjahre in der Wüste als German philosophers camp bezeichnet – in Unentschlossen zitiert er dann auch eifrig aus dem Werk des großen deutschen Philosophen Otto Knittel, Der Gebrauch der Freiheit, was aber vor allem eine Heidegger-Paraphrase ist und dem ganzen Roman eine gar nicht jugendliche Verspannung gibt, die sich in der Praxis dann so anhört: »Während dieses wütenden Anfängerkurses über Unterentwicklung, den sie mir wie zum Spaß gab, bemerkte ich bei einem zufälligen Blick in den kurzen Tunnel ihres T-Shirt-Ärmels, als sie sich mit der Tram in die Kurve legte, dass sich Brigid die Achseln nicht rasierte, eine in meinen Augen herrliche Nachlässigkeit, und echt germanisch.«
Es wird eben wild in der Geschichte herumassoziiert in diesen Romanen, sie sind schließlich Kinder der Postmoderne, diese American Streber, und darin auch durchaus unterhaltsam. Am weitesten und am verspieltesten treibt es dabei Marisha Pessl mit ihrem ersten Roman Special Topics in Calamity Physics, der so ambitioniert und anspielungsreich und pointensicher ist und so gut geschrieben, dass man fast vergisst, dass es sich am Ende doch nur um einen Collegeroman handelt – ein klassisches amerikanisches Genre, bei dem diesmal kein über- oder unterpotenter weißer Mittelklasseflegel von seinen Abenteuern erzählt, sondern ein überbegabtes weißes Mittelklassemädchen mit Erwachsenwerden, Verlust und Vergangenheit jongliert.
Das Buch ist bislang nur in den USA erschienen, es wurde in allen großen Literaturbeilagen gefeiert, und S. Fischer hat schon die deutschen Rechte gekauft, was in diesen Tagen der straff organisierten Mediendemokratie dazu führt, dass bereits verabredete Interviews wieder zurückgezogen werden. Aber so ist das, jeder neue Name ist ein neuer Trumpf, den will man nicht schon zu früh spielen, und was aus Amerika kommt, das hat immer noch den Bonus, dass man zwar nicht so genau versteht, was das nun mit uns hier zu tun hat, aber immerhin ist es gut geschrieben und verdammt clever konstruiert.
Pessl nun hat sich in ihrer Jugend einmal quer durch die Weltliteratur gelesen, sie ist dabei so hübsch geblieben, dass sie in der New York Times gleich im zweiten Satz der Rezension »verstörend schön« genannt wurde, sie hat mit Mitte zwanzig einen immensen Vorschuss für ihren Roman bekommen, der sich stark an Nabokov anlehnt, aber man kann auch größere Fehler machen. Pessl jedenfalls hat alles gewagt, sie hat 500 Seiten voll geschrieben, sie hat ihren Kapiteln Titel gegeben wie Othello, Madame Bovary oder Justine, sie zaubert Blue van Meer aufs Papier, die ihre Mutter verloren hat und dafür ihren brillanten Vater behalten durfte – und die erste große Leistung besteht schon darin, dass ihr diese Blue nicht zu der Art von Nervensäge gerät, wegen der man den Roman schon nach 50 Seiten in die Ecke schleudert.
Verblüffend ist dann allerdings, wie souverän sie ihre Figuren skizziert, wie selbstverständlich sie sie durch den Roman begleitet, wie sprachlich funkelnd ihr diese Geschichte gelingt, die Blue in ihrem letzten Jahr vor Harvard an eine Art Elite-Highschool führt, wo sie erst ihre etwas verkümmerten sozialen Instinkte trainieren kann mit einer Gruppe von ausgesucht gut aussehenden Schülern – und dann ihren Intellekt schulen muss, um den Tod der geheimnisvollen Hannah Schneider aufzuklären, eine Spurensuche, die sie bis in den politischen Radikalismus der sechziger Jahre zurückführen wird und in die dunklen Ecken im Leben ihres Vaters. Und trotzdem, 500 Seiten später fehlt etwas, es ist ein Roman aus dem Jahr 2006, und das heißt vor allem, dass sich die Idee von Leben vor das wirkliche Leben geschoben hat.
Aber das verbindet all diese Wunderkind-Romane, all diese American Streber, die auf ihre Art, ganz streberuntypisch, recht sympathisch sind: Sie schieben Bauklötze hin und her, sie wirken irgendwie überqualifiziert für das, was sie tun, sie schaffen es trotzdem, eine Zeitstimmung einzufangen, indem sie das Fiktive ihrer Welt nicht zerlegen, sondern in neue Fiktionen einbauen. Sie behaupten, ganz trotzig und irgendwie konservativ, die Relevanz von Literatur in dieser sich verändernden, versinkenden Kultur.
Bildung, so scheint es in diesen Romanen, ist nicht mehr so frei verfügbar; Bildung und Wissen werden zu einer Art Geheimlehre; und die Beziehung zwischen Bildung und Leben bleibt prekär. Es ist ein großes Gleiten.
Benjamin Kunkel, geboren 1973, wuchs in Colorado auf; Marisha Pessl, geboren 1977, aufgewachsen in North Carolina; Jonathan Safran Foer, geboren 1977 in Washington
- Datum 06.10.2006 - 06:29 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.10.2006 Nr. 41
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren