Konservierungsmittel und Kakerlaken. Oder Kamillentee. Manchmal Latexhandschuhe, Penizillin, Seidenblusen, Sellerie. Das Reinigungsmittel für Kontaktlinsen. Dann die Klassiker: Katze, Hund und Schimmelpilze, Modeschmuck, Hausstaub, Bienengift, Nüsse, Milch, Soja, Pollen, Weizen. Die Liste der Stoffe, auf die ein Mensch allergisch reagieren kann, scheint endlos. BILD

Und wen es trifft, für den kann das Leben zur Hölle werden. Wie für Melina Athanassiou aus Gießen. Mit elf Wochen begann das Baby, sich zu kratzen. Kratzte, statt zu schlafen, kratzte, bis sie blutverschmiert war. »Tage und Nächte sind gleich schwer zu überstehen«, schrieb ihre Mutter Nikoleta damals ins Tagebuch. Stufe eins der Erschöpfung ist erreicht, wenn sie nachts dreimal aufsteht, um Melina daran zu hindern, sich völlig aufzukratzen. Stufe zwei, wenn das Baby ab fünf Uhr gar nicht mehr schlafen will. Oft herrscht Stufe drei – wenn es überhaupt keine Ruhephase mehr gibt. Der Grund für die nächtliche Tortur ist eine Neurodermitis, ausgelöst durch Nahrungsmittelüberempfindlichkeiten. Anders gesagt: »nur« eine Allergie.

»Nur« eine Allergie haben in Deutschland Millionen, vor allem Kinder. Nahrungsmittelallergien erreichen ihren Höhepunkt statistisch im Vorschulalter, bei Asthma liegt er in den Teenagerjahren. Ungefähr dann setzt auch der Heuschnupfen ein.

Exakte Zahlen lassen sich schwer ermitteln. Je nachdem, was die Forscher abfragen – Symptome oder Arztdiagnose –, schwanken sie beträchtlich. Nun hat der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (Kiggs) des Robert Koch-Instituts (RKI) erstmals repräsentative Zahlen für Deutschland erfasst. Bei jedem sechsten der 17641 bis zu 17-jährigen Probanden wurde bereits eine Allergie diagnostiziert.

Eine Langzeitstudie des Allergologen Ulrich Wahn von der Berliner Charité unter 1314 Kindern setzt die Häufigkeit noch höher an. Demnach entwickelt eins von zehn Babys Neurodermitis, leidet jeder vierte Teenager an Heuschnupfen und bekommen acht Prozent Asthma. »In jeder Schulklasse etwa zwei«, sagt Wahn. Testet man, ob Kinder Antikörper gegen Allergene im Blut haben, also gegen bestimmte Alltagsstoffe sensibilisiert sind, schnellt der Anteil laut Kiggs auf 40,8 Prozent.

Erschreckende Zahlen. Und Zahlen, die es früher so nicht gab. Zwischen 1973 und 1988 verdoppelten sich nach einer britischen Studie die Asthmafälle bei Schulkindern. Gleichzeitig legten Ekzeme um 150 Prozent zu. Von 1926 bis 1995 stieg die Zahl der Heuschnupfenfälle in der Schweiz um das 17fache. Ähnliches gilt wohl für ganz Westeuropa.

Immerhin scheint die Kurve in letzter Zeit abzuflachen. Allerdings sind die Indizien dafür weniger eindeutig als für das explosive Wachstum zuvor. Warum der Anstieg? Warum sein Ende? Und weshalb werden Menschen überhaupt allergisch? Über all das rätseln die Forscher. Wie verwirrend die Befunde sind, zeigt die International Study of Asthma and Allergies in Childhood (Isaac). Sie wurde 1991 begonnen, um erstmals einheitlich das Auftreten dieser Leiden in der Welt festzustellen. Insgesamt befragten Forscher 463801 Jugendliche in 56 Ländern nach allergischen Symptomen. Sie fanden Krankheitsraten, die bis um das 60fache auseinander klafften. Die niedrigsten Raten für Asthma fanden die Isaac-Forscher in Indien, Albanien, Indonesien und Rumänien, wo teilweise nur 1,6 Prozent der Jugendlichen unter chronisch entzündeten Atemwegen litten. Die meisten Asthmakinder fanden sie in Australien und Neuseeland, wo gut jeder Dritte betroffen war. Bei Heuschnupfen führten Nigeria und Paraguay die Liste an, bei allergischen Ekzemen lagen die Skandinavier mit Finnland und Schweden in der Topgruppe. Die geografische Verteilung sei »etwas unerwartet«, sagt diplomatisch Stephan Weiland, ein an Isaac beteiligter Epidemiologe der Universität Ulm.