Autobiographie Ein weiblicher Rushdie

Die holländisch-somalische Feministin Ayaan Hirsi Ali erzählt ihren Lebensweg als Geschichte einer persönlichen Revolution.

Keine Politikerin hat das öffentliche Leben der Nachkriegsniederlande so durcheinander gewirbelt wie die aus Somalia stammende Islamkritikerin und Frauenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali. Wegen ihrer polarisierenden Wirkung als Autorin und Politikerin wurde sie in ihrem Land oft mit Pim Fortuyn verglichen, dem Provokateur, Populisten und Parteigründer (ermordet im Mai 2002). Das ist zwar übertrieben (nicht nur wegen seines Endes), aber zugleich verständlich. Hirsi Alis Kritik an der multikulturellen Gesellschaftsidee, wie sie in Holland praktiziert wurde, ihr publizistischer und dann auch politischer Feldzug gegen den Islam und die muslimische »Parallelgesellschaft«, in der die Menschenrechte außer Kraft gesetzt seien, machte sie über die Grenzen der Poldergesellschaft hinaus bekannt. Er brachte ihr neue Freunde und viele Feinde, nicht nur unter Muslimen. Ihre Bücher wurden in vielen Ländern Europas zu Bestsellern. Sie ist berühmt. Und sie ist ständig in Lebensgefahr, rund um die Uhr begleitet von Leibwächtern. Die Analogie zu Salman Rushdie ist daher gleichfalls geläufig. Auch wenn er weniger aggressiv argumentiert als Ayaan Hirsi Ali – oder seinerzeit Pim Fortuyn.

Hirsi Ali führte, nach dramatischen zwanzig Jahren in Afrika, vertrieben, unterdrückt, dem Tode nahe, fromm und bildungshungrig, in Holland ein politisches Leben auf der Achterbahn, als Flüchtling, Sozialarbeiterin, Immigrantin, Abgeordnete, Politikstar, Sicherheitsrisiko. Sie bricht mit ihrem muslimischen Glauben, reklamiert für sich die Tradition der Aufklärung, wählt sich Rationalisten zum Vorbild (»ich wollte wie Popper sein«), muss wegen islamkritischer Äußerungen nach dem 11. September 2001 zum ersten Mal für einige Monate (in Kalifornien) untertauchen. Sie wechselt bald darauf, inzwischen in Holland eine talk-show celebrity, die Partei (von den Sozialdemokraten zu den Rechtsliberalen), wird VVD-Abgeordnete in Den Haag, durchlebt nach der Ermordung Theo van Goghs (2004), mit dem sie einen islamkritischen Film (Submission, Part One) gemacht hat, die Einsamkeit einer vom Staat versteckten Todeskandidatin, erfährt die Abwendung enger Parteifreunde und die Missgunst ihrer Nachbarn (sie gefährde alle und solle daher wegziehen), verlässt die Politik, kehrt ihrem Passheimatland den Rücken und will in Amerika neu starten. Ein turbulentes Leben. 36 Jahre, die Hirsi Ali nun bilanziert.

Ausgebrochen, aufgebrochen, fast ausgebürgert, total entmündigt

Mein Leben, meine Freiheit: ein faszinierendes Buch – die dramatische Geschichte einer persönlichen Revolution, eines politischen Aufbruchs und in gewisser Weise auch persönlichen Scheiterns. Hirsi Ali beschreibt darin ihre schwierige Entwicklung vom Mädchen im heimischen Clan, dessen Vater 23 Tage vor ihrer Geburt (13. November 1969) als Folge des Siad-Barre-Putsches ins Gefängnis gekommen war. Sie berichtet über die heranwachsende Ayaan in den verschiedenen Exilstationen, vor allem in Nairobi, vom Ringen um die wahre Religion und von ihrem Verständnis für muslimische Fundamentalisten in einer sozialen Umwelt, die von Korruption und Ungerechtigkeit geprägt ist. Dieser Abschnitt, eine Art Vorgeschichte zum eigenen Aufstand gegen und zum Bruch mit ihrer muslimischen Tradition, ist lehrreich, spannend, aufklärend.

Danach Ausbruch, Aufbruch, »Leben«: Hirsi Ali beschreibt, wie sie dem Vater den Gehorsam verweigert und auf der Reise zur Zwangsehe in Kanada beim Zwischenstopp in Deutschland abspringt, nach Holland flüchtet und als Flüchtling um Asyl bittet. Wie sie, wie viele Flüchtlinge, ihre Geschichte und die Fluchtgründe dramatisiert hat und dass sie, um Spuren zu verwischen, ihren Nachnamen retuschierte. Im Mai dieses Jahres, mehr als ein Jahrzehnt danach, versucht die zuständige Ministerin Rita Verdonk, die 1997 schließlich eingebürgerte Parteifreundin wieder auszubürgern – was scheitert (die Regierung zerbricht darüber).

Zu dem Zeitpunkt, lesen wir in den Erinnerungen, ist Hirsi Ali von der Politik – und ihren Mitbürgern – dann aber schon gehörig frustriert. Sie hat die Einladung einer konservativen Stiftung in Washington angenommen. Sie tat das, schreibt sie, unabhängig von dem Ärger mit ihrer früheren Freundin Verdonk. Die Geschichte dieser allmählichen Abwendung von Holland und seiner politischen Praxis wird aber leider nur angedeutet. »Ich habe gelernt«, schreibt Hirsi Ali, »dass die Politik wie jeder andere menschliche Tätigkeitsbereich zu einem hässlichen Spiel verkommen kann: Clan gegen Clan, Partei gegen Partei, Kandidatin gegen Kandidat, der Sturz von Regierungen über Banalitäten.« Eine gewöhnliche Erfahrung, die in der Politik nicht nur Menschen mit einem ungewöhnlichen Lebenslauf wie ihrem vorbehalten ist.

Detaillierter, drastisch und mit spürbarem Grimm beschreibt Hirsi Ali die Zeit im Untergrund in Amerika nach dem Mord an ihrem Co-Autor Theo van Gogh. Diese Zeit im Untergrund, nämlich in einem schnöden Motelzimmer irgendwo in Amerikas Osten, glich einer Isolationsverwahrung für den Kronzeugen eines Mafia-Verfahrens und war geprägt von ihrer nahezu totalen Entmündigung. Diese Totalquarantäne (kein Internet, kein Handy, keine Post) beruhte in Hirsi Alis Urteil mehr auf der Unerfahrenheit der Sicherheitsorgane als auf einer konkreten Gefahr. Ihr Groll ist begreiflich: Die Islamisten sind zweifellos gefährlich; ein Verbrechersyndikat, das den Staatsapparat unterwandert hat, überall seine Leute eingeschleust hat und jedes Geheimnis kennt, sind sie gleichwohl nicht. Aber Holland hatte Angst: Hätte man jetzt auch noch sie ermordet, wäre das Land womöglich in Flammen aufgegangen, schreibt sie voller Verständnis für die Sorgen der Behörden.

Der bizarre Schleichweg in den Hochsicherheitsraum

Einen heimlichen Besuch in den Niederlanden schildert Hirsi Ali als bizarres Unternehmen, eine Inszenierung wie aus der Kalten-Kriegs-Welt früher Le-Carré-Romane: In einem einsamen Waldhaus, mitten im holländischen Nirgendwo, »dem Wunschtraum eines jeden Pfadfinders«, traf sie sich mit zwei Spitzenpolitikern ihrer Partei. Die Szene »wirkte doch sehr bizarr«.

Es sollte noch bizarrer werden. Der Schleichweg zurück in den amerikanischen Hochsicherheitsraum führte über Meckenheim bei Bonn. Das Quartier war so schrecklich, dass Hirsi Ali den Beamten vor lauter Verzweiflung für einige Stunden ausbüxte. Es liest sich wie Satire, ist aber nicht so gemeint. Dahinter steckt blutiger Ernst. Bis heute.

Nicht nur das Drama dieses Lebens, auch diese Mischung aus Ernst und fast satirischer Anmutung macht das Buch lesenswert. Nicht nur für Holländer.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Neu auf ZEIT ONLINE
      1. Amigo-Affäre Wie Wulff einem Freund auch politisch half
      2. Schuldenkrise Die wahren Gründe für die Sparpolitik
      3. Bayern Wenn die schwarze Heimat grünt
      4. Bürgerkrieg in Syrien Aus der Ferne das Richtige tun
      5. Fernsehen Markus Lanz soll "Wetten, dass...?" übernehmen
    • Neu im Ressort
      1. Anzeige
      2. Anzeige
      3. Anzeige
      Service