Wie ein großer Riegel legt sich das Siemens-Werk Hofmannstraße quer durch den Stadtteil Obersendling im Münchner Süden. In den achtziger Jahren gab das Werk mehr als 25.000 Menschen Arbeit. Hier im »Stammhaus« schlug das Herz des stolzen Fernmeldepioniers Siemens. BILD

Lange vorbei.

Wo früher Fabriken standen, wächst jetzt Gras. Wo sind all die Menschen geblieben? An andere Standorte umgezogen, ausgegliedert, verlagert, abgefunden, umgeschult, frühpensioniert. Ungefähr 4500 Leute arbeiten noch an der Hofmannstraße. Auch die sollen jetzt raus aus dem Konzern.

Ende Juni verkündete Konzernchef Klaus Kleinfeld überraschend den Rückzug von Siemens aus der Kommunikationstechnik, intern Com genannt: Die weltweit 55.000 Beschäftigten der Sparte werden bis Ende Dezember in zwei Gesellschaften ausgegliedert. 37.000 Menschen, die die Telekoms dieser Welt mit Mobilfunk- und Festnetztechnik ausrüsten, sollen in ein 50:50-Joint-Venture mit dem finnischen Wettbewerber Nokia eingebracht werden, ihre 17.000 Kollegen, die sich um Telefonanlagen für Unternehmen kümmern (Enterprise Com), wissen noch nicht, an wen sie verkauft werden.

Brisanter geht es kaum. Denn der Chef muss um sein Ansehen und das seines Konzerns bangen – nachdem die erste große Ausgliederung bei Com gerade zum Desaster geworden ist: Vor einem Jahr hat Kleinfeld die Siemens-Handysparte an das taiwanische Unternehmen BenQ abgegeben und mindestens noch 400 Millionen Euro dazubezahlt. Jetzt lässt BenQ die deutschen Betriebe in die Insolvenz fallen, was mehr als 3000 ehemalige Siemens-Leute den Job kosten könnte.

Doch das alles war nur der Auftakt. Und Kleinfeld steht nicht bloß unter dem Druck der Öffentlichkeit, auch die Aktionäre sind unzufrieden. Ohne die Handybauer setzte Com im vergangenen Geschäftsjahr weltweit noch 13 Milliarden Euro um, verdiente aber kaum Geld damit. Siemens insgesamt schaffte 75,4 Milliarden Euro Umsatz und drei Milliarden Euro Gewinn vor Steuern. Das sind vier Prozent Umsatzrendite – der amerikanische Rivale General Electric (GE) verdient über 14 Prozent.

Kein deutsches Unternehmen beschäftigt weltweit mehr Menschen (475.000, davon 162.000 in Deutschland), keines ist in mehr Ländern aktiv (190). Das 160-jährige Unternehmen gleicht einer riesigen Baustelle. Wie wirkt sich dieser »radikalste Umbruch in der Geschichte des Hauses«, wie es Betriebsrat und IG Metall nennen, auf die Stimmung aus? Was hält den verbleibenden Konzern zusammen? Wie passen Computertomografen, Hörgeräte, Gasturbinen, Windkraftwerke, Transformatoren, Glühlampen, Postsortieranlagen, ICE-Loks, Einspritzpumpen, Maschinensteuerungen, Filteranlagen, IT-Dienste und Sicherheitssysteme für Flughäfen zueinander? Kann der junge Chef den rapiden Vertrauensverlust in der Belegschaft stoppen?