Lebenszeichen
Kalt geduscht
Harald Martenstein stellt sich seine Zukunft im Altersheim vor
Ja, gut, ich habe ein bisschen Angst vor dem Alter. Vor einer bestimmten Sache habe ich besonders viel Angst. Ich möchte nicht gern eine Windel tragen. Obwohl, ich weiß ja gar nicht, wie es ist. An das Windeltragen als Säugling kann man sich in der Regel nicht mehr erinnern. Man würde aber nie auf die Idee kommen, dass für so einen Säugling das Windelwechseln eine demütigende Sache ist, im Gegenteil, man sagt, das ist halt ein Säugling, da gehört die Windel dazu wie das Katzenklo zur Katze. Beide, der Säugling und die Katze, werden trotzdem für süß gehalten. Mich werden sie bestimmt nicht für süß halten. Ich bin als Greis bestimmt sehr unangenehm.
Ich werde im Heim sitzen, ich kann mir nicht vorstellen, dass mein Sohn mich zu sich nimmt. Er ist ein guter Sohn, aber er ist auch klug und mag es bequem, deswegen wird er es nicht tun. Ich werde im Heim sitzen und die Pfleger tyrannisieren. Ich werde ständig das Essen zurückgehen lassen, weil ich glaube, eine Stubenfliege hat sich auf den Teller gesetzt. Ich kann seit meiner Kindheit von einem Teller, auf dem eine Stubenfliege gesessen hat, nichts essen. Das ist ein Marotte von mir. Im Alter werden solche Marotten stärker. Die Pfleger werden irgendwann genug haben von meiner Marotte und mich zwingen, trotzdem den Fliegenbrei zu essen. Ein Pfleger hält den Kopf fest, der andere füllt Brei ein. Ich werde, während der Fliegenbrei mein Kinn hinabrinnt, rufen: »Ihr dürft das nicht tun! Ich war Kolumnist bei der ZEIT! Ich verlange Respekt!«, aber sie werden nur lachen. Während die anderen im Fernsehzimmer fernsehen, werde ich hinten im Eck über meine journalistischen Triumphe vor mich hinbrabbeln, ich werde rufen: »Ich habe Ludwig Erhard interviewt!«, bis die anderen Alten die Pfleger rufen, und die Pfleger schieben mich dann mit meinem Rollstuhl in die Besenkammer, damit die anderen in Ruhe fernsehen können. Die Pfleger werden sauer auf mich sein, weil ich sie dauernd auf Trab halte. Beim Windelwechseln werden sie mich unauffällig, aber sehr fest in den Po zwicken, um es mir heimzuzahlen. Wenn ich dann jammere und zetere, werde ich kalt geduscht.
Einmal im Monat kommt mein Sohn. Seine Lebensgefährtin hasst mich, weil ich beim dritten Schlaganfall immer noch nicht gestorben bin und das gesamte Erbe für die Heimkosten draufgeht. Ansonsten ist das natürlich ein süßes Mädchen und ich bin sehr froh für meinen Sohn. Er bringt mir eine Flasche meines Lieblingsweins mit. Ich weine vor Rührung. Nachdem er gegangen ist, nehmen mir die Pfleger die Flasche wieder weg und flößen mir lachend Fencheltee ein. Alle zwei Monate wird eine ehemalige Lebensgefährtin von mir aus der Toskana, der Uckermark oder von sonstwo anrufen, aber wegen der Beruhigungsmittel, die ich von den verfluchten Pflegern bekomme, werde ich Unsinn reden, ich werde fragen: »Regiert Ludwig Erhard immer noch bei euch in der Toskana?« Die Lebensgefährtinnen werden denken, der Arme ist völlig dement, und werden nicht mehr anrufen, stattdessen schicken sie Fencheltee und Bio-Pralinen, obwohl ich überhaupt nicht dement bin, nur stark sediert.
Klar, ich habe schon ein bisschen Angst vor dem Alter.
Lebenszeichen 2006:
Harald Martenstein denkt über den aktuellen Zustand nach - inzwischen chronologisch archiviert »
- Datum 5.10.2006 - 08:28 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.10.2006 Nr. 41
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Lieber Harald,
ich bin ja ein wenig erschüttert. Das hört und liest sich ja nicht so gut. Es ist ja unvorstellbar, dass Sie als führender Kopf der denkenden und schreibenden Elite, in ein solches Heim einrücken. Natürlich hat, so glaube ich, jeder Angst vor einer solchen Situation, aber in Ihrem Fall glaube ich, wird es doch nicht so eintreffen wie Sie es sich ausmahlen. Also mutig weiter voran. Wir alle warten auf weitere tolle Worte von Ihnen.
Liebe Grüße LK
Lieber Herr Martenstein,
letze Woche, nachdem ich Ihre Kolumne gelesen hatte, hatte ich das Bedürfnis, Sie in Ihrer Schreibkrise trösten zu müssen. Ich wollte Sie zu Ihrer Erheiterung an die Mosel einladen, um bei schönen Weinen in ausgezeichneten Weinkellern Ihnen die Weisheit Euripides näher zu bringen, der vor Christus schon wusste, "Wo aber Wein fehlt,stirbt der Reiz des Lebens." Als ich nun heute las, dass Sie sich Ihre Zukunft doch eher düster in einem Altersheim vorstellen, lade ich Sie herzlich ein, sich vom Reiz des Weines verzaubern zu lassen. Bitte nehmen Sie deshalb Kontakt mit mir auf. Herzliche Grüße M.-L. H.
Wenn es einem ZEIT-Kolumnisten im Alter schon so respektlos entgegenschlägt, dann mache ich mir um mich große Sorgen, bin ich doch Kolumnist bei der Verlagsgruppe Kreiszeitung - und dann auch noch auf der Jugendseite, wie man das so zu nennen pflegt.
Machen Sie weiter so, Sie sind nach Max Goldt der beste Kolumnist der Welt.
Ich weiss nicht wie in 30, 40 Jahren, wenn ich dann so weit bin - hoffe aber nicht - im Altersheim zugeht.
Aber wenn ich Ihnen ein Rat geben darf: Machen Sie selbst ein Männer-WG auf, und leisten sich, nur im Notfall, eine Schwester, die kocht, putzt, bügelt ect.
Alt zu sein ist nicht gleichbedeutend nicht kreative zu sein!
Lieber Herr Martenstein, das Thema ist inzwischen doch etwas abgegriffen, oder? Do'nt worry, nur mittelmäßige Menschen sind ständig in Hochform!
Grüße von der Seniorenfront.
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