Englische Fußballreporter benutzen eine wunderbare Formel, wenn sie ihrem Publikum sagen wollen, dass auf dem Platz gerade etwas Unvergessliches geschieht. Sie sagen: We will all remember where we were when that one went in. Also: Wir werden uns bis ans Ende unserer Tage daran erinnern, was wir getan haben, als dieser Ball ins Tor ging. Poldi (links) und Schweini im Glück. Die Niederlage gegen Italien steht ihnen (und Deutschland) noch bevor. BILD

Die englischen Reporter versenken das Spiel, indem sie es schildern, in mythische Tiefe: Die Zeit wird uns lehren, dass dies ein unvergesslicher Moment gewesen sein wird. Mit solcher Vorfreude auf das Zurückblicken haben wir Deutschen den Sommer 2006 erlebt. Von der künftigen Vergangenheit sprachen wir mit Besitzerstolz. Die Fußballfunktionäre, die Gäste von draußen, der Franz, alle haben uns eingehämmert: So ein Fest werdet ihr nimmer erleben. Also setzt euch hinter eure Currywürste und freut euch! So haben wir es dann auch gemacht. Denn:

»Jetzt sind wir noch beisammen im Land,
Wir haben’s Heft noch in der Hand;
Lassen wir uns auseinandersprengen,
Werden sie uns den Brotkorb höher hängen.
(…) Nein, das darf nimmermehr geschehn!
Kommt, laßt uns alle für einen stehn.«

Das war die Devise im Sommer 2006. Schiller hat’s im Wallenstein geahnt, aber erst Klinsmann hat’s vollendet, und Wortmann hat es gesehen. Deutschland. Ein Sommermärchen erzählt den Sommer, der drei Monate zurückliegt, als historische Gründerzeit: als den Sommer, da wir zur Nation wurden.

Innenminister Schäuble sagte unlängst, es sei im Land »eine Nachfrage nach Bindungen und Verlässlichkeiten zu vernehmen«. Wortmann stillt die Nachfrage. Er zeigt das Land in jenem Moment, da seine Bürger sich in höchster Verlässlichkeit erleben: Jeder weiß vom anderen, was er fühlt, alle denken dasselbe, man zieht an einem Strang. Und Xavier Naidoo singt Dieser Weg wird kein leichter sein.

Über lange Strecken bleibt Sönke Wortmann ganz bei der Mannschaft. Er montiert Details der Gruppenbildung, der wohlwollenden gegenseitigen Entwaffnung und der Teamarbeit, er interviewt Schweini und Poldi auf dem Hoteldoppelbett, er begleitet Klose beim Haareschneiden. Und Marcel Barsottis dezente Uhrwerksmusik suggeriert: Hier wird ein Netz gewoben, es wächst Großes zusammen. Entspannte junge Männer genießen im abgeriegelten Hotel den Luxus des Auserwähltseins. Sie tun es für uns. Und am Ende verschmelzen die Auserwählten zur allseitigen Belohnung mit der Masse.

Die Soziologen haben gesagt, im Sommer 2006 habe ein Volk sich mit seinen kämpferischen Anteilen versöhnt. Wortmann lässt es aussehen wie die Heimkehr aus einer Seeschlacht: Die Spieler betreten den Steg der Berliner Fanmeile, als seien es die ersten Meter des deutschen Festlands.