Komposition Ein Lied für Kabul
Der afghanische Musiker Babrak Wassa lebt seit 26 Jahren in Deutschland. Er wurde ausgewählt, seinen Landsleuten eine Nationalhymne zu komponieren. So geriet er wieder in die Wirrnisse seiner Heimat.
Wann Allah, der Große, das erste Mal in Rösrath auftauchte, kann Babrak Wassa nicht mehr genau sagen. Allah ist ja so oft gekommen, da geraten die Erinnerungen leicht durcheinander. In einer dieser nasskalten Winternächte muss es gewesen sein, als Allah aufbrach zu Babrak Wassas Einfamilienhaus in Rösrath-Forsbach und ihm immer alles kaputtmachte. Fielen dem Komponisten ein paar majestätisch klingende Töne ein, baute sich Allah vor ihm auf und blockierte die Gedanken. »Allah ist groß«, geschrieben in der Sprache Paschtu, diese Worte müssen vorkommen in der neuen Nationalhymne von Afghanistan. So will es die Verfassung. »Allah ist groß«, das ist ein Befehl. Aber mit den übrigen Versen »spielen diese Worte nicht«, sagt Wassa, »sie tanzen nicht«, sie zerreißen jede Melodie. Sie drohen auch Babrak Wassa zu zerreißen.
»Ich lasse mich entschuldigen«, sagt der Komponist an einem Morgen zu seiner Frau Zainab, »es geht nicht.« Je größer Allah in der Nacht geworden ist, desto kleiner fühlt sich Wassa am nächsten Tag. Warum gerade er, ein braver Chorleiter aus einem braven Vorort von Köln, seinem deutschen Exil seit 26 Jahren? Wie soll er seiner alten Heimat Afghanistan eine verbindende Melodie geben, wenn Allah die Macht hat, die Verbindung zu kappen? Berühmt könnte Wassa in Afghanistan werden, wenn es ihm nur gelänge, Allah zu knebeln. Vielleicht würde man ihn einmal als den Mann feiern, der dem geschundenen Land das Lied der Zuversicht gebracht hat. »Es wäre mir eine Ehre«, sagt Babrak Wassa.
Das antwortete er auch dem Fremden, der vor einem Jahr bei Wassas Bruder in Mönchengladbach wartete. »Da kommt jemand, der etwas von dir will«, hatte der Bruder gesagt. Der Fremde überreichte eine Visitenkarte mit einem aufwändigen Titel, zusammengefasst: Kulturberater des afghanischen Präsidenten. Schließlich fragte der Fremde: »Sind Sie interessiert, die neue afghanische Hymne zu komponieren?«
Den älteren Menschen in Kabul ist Babrak Wassa ein Begriff. Als Kind sang er so schön, dass er ständig im Radio auftreten durfte. Später wurde er zum Generalmusikdirektor in Kabul berufen, da war er 31, ganz jung und schon weit oben. Jetzt ist er bald 59, und viele Gelegenheiten, auf sich aufmerksam zu machen, wird er nicht mehr kriegen. Nach Geld fragt Wassa den Fremden nicht, er verlangt kein Honorar.
»Mein Handwerk« nennt er die Musik und weiß danach nicht recht, was er noch sagen soll. Babrak Wassa glaubt, er sei »für die Politik nicht geeignet«, weil er immer zuerst auf die Töne achte statt auf die Worte. In seinem Musikzimmer schließt er oft die Augen, faltet die Hände wie zu einem Gebet und hört unhörbaren Melodien hinterher. Er sagt dann »ja, gerne« oder »wie schön«, wenn man etwas von ihm will. Wie Hürden baut er Floskeln auf, damit sie das Störende aufhalten vor seinem Ruheraum, in dem er sich unerreichbar machen kann. Wassa geht so sehr auf in der Musik, dass er unempfindlich geworden ist für die knarzenden Nebengeräusche des Lebens.
Viele Wochen vergehen, ohne dass sich der Berater des afghanischen Präsidenten noch einmal bei Wassa meldet. Da stellt seine Frau einen Anrufer aus Kabul zu Wassa ins Musikzimmer durch, es ist Said Makhdoom Rahin. Lange hat Wassa ihn nicht gesehen. In den fünfziger Jahren begann ihre Freundschaft, dann besuchten sie dasselbe Gymnasium. Während eines Schulausflugs ins Sandsteingebirge von Bamian eroberten sie sogar den großen Buddha. Sie kletterten die vielen hundert Stufen zu der Statue hinauf, ließen sich ganz oben auf die Kopfplatte des Buddhas fallen und blinzelten in die Sonne. Zwei Freunde auf ihrem Weg zum Himmel, es muss ein erhabener Augenblick gewesen sein.
Als Wassa viele Jahre später in den deutschen Fernsehnachrichten sah, dass die Taliban die Buddha-Statuen gesprengt hatten, weinte er vor Wut und Trauer. Nun führten sie ihren verfluchten Krieg sogar gegen seine Kindheit. Machtlos fühlte er sich. Sein Freund Rahin dagegen hat es verstanden, auf den Kopf des Buddhas zurückzufinden. In der Regierung des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai ist er Minister für Kultur geworden, und nun will er wissen: »Wirst du die Hymne komponieren?« Sie können wieder etwas füreinander tun, die Hymne gehört jetzt in Rahins politisches Ressort.
Damals, in Kabul, lasen die beiden gemeinsam Gedichte und sprachen nie über Politik. Noch immer glaubt Wassa, dass ein Komponist politisch neutral ist. Nur die Gespräche mit seinen Brüdern verunsichern ihn. Immer wieder reden sie über die Regierung von Karsai. Von Woche zu Woche werde sie wehrloser. »Ein Lakai Amerikas«, spotten manche in Kabul über ihren Präsidenten. Wird Babrak Wassa, wenn er sich für Karsai eine Hymne ausdenken sollte, als westliche Besatzungsmacht gelten?
Wassa hat einen Bausparvertrag abgeschlossen, neben seiner Haustür hängt ein weiß lackierter Briefkasten mit einem Posthorn vorne drauf. Auch seine 41-jährige Frau stammt aus Kabul, aber er lernte sie erst bei einem privaten Fest in Deutschland kennen. Wassas 18-jährige Tochter geht auf ein deutsches Gymnasium, sein 21-jähriger Sohn studiert in Deutschland Medizin, und vor Weihnachten schmückt die ganze Familie einen Tannenbaum. In Wassas Musikzimmer stehen alle 26 Bände des Großen Brockhaus und die Chronik der Gemeinde Rösrath. Fotos an den Wänden zeigen Wassas natürliche Umgebung, den Damenchor Urbach, den Männergesangverein Overath. Kann so einer den richtigen Ton treffen für die Islamische Republik Afghanistan?
Es muss ihn etwas bedrücken. Das denkt man oft, wenn man ihn sieht. Er scheint sich gegen etwas Tonnenschweres zu stemmen, vielleicht deshalb sein unentwegter Ernst, das unfrohe Lächeln. Über sein Klavier hat er ein großes Foto gehängt, das einen alten, hageren Afghanen beim Messerschleifen zeigt, ein Junge hilft ihm. Man könnte die archaische Schönheit des gemäldehaften Stilllebens bewundern, aber Wassa lobt allein den Fleiß des Jungen und die Konzentration des Alten.
Man ahnt, was in ihm schwelt, wenn man sich Wassas Briefpapier anschaut. Sieben Titel hat er oben neben seinen Namen drucken lassen, Diplomchorleiter, Master of Art, aber eine wirklich grandiose Auszeichnung fehlt. »Ich wäre so gerne Dirigent eines Orchesters geworden«, sagt er. In Deutschland fing Wassa als Sozialhilfeempfänger an, der einen handgeknüpften Teppich seiner Mutter verkaufte, damit er die erste Rate für ein eigenes Klavier bezahlen konnte. Er lebte in einer Mietwohnung, zwei Zimmer, abends zwei Chöre. Heute hat er ein eigenes Haus, sechs Zimmer, abends sieben Chöre. Aber noch immer muss Wassa sich mit Laien abgeben, die sich gedankenlos erkälten und ohne Stimme zu den Chorproben erscheinen. Oder kurz vorher absagen, nur weil sie gerade einen Last-Minute-Urlaub auf den Kanaren gebucht haben. Lauter liebe Menschen, aber ohne Sinn für großmeisterliche Strenge. Die Hymne könnte ihn mit dem geplatzten Traum seines Lebens versöhnen. »Soll ich es machen?«, fragt er seine Frau. »Du musst das allein wissen«, antwortet sie, und Babrak Wassa macht es.
Als er den Text studiert, stolpert er immer wieder über Paschtunen und Usbeken, Tadschiken und Hazara und so weiter. Die Verse sind eine schnöde Aufzählung afghanischer Stämme, gefolgt von Allahu Akbar, Allah ist groß. Ein Bankrott der Poesie. Babrak Wassa besorgt sich die Telefonnummer des Dichters und erreicht den Exilafghanen zu Hause in Springfield, Virginia, USA. Wassa bittet ihn, den Text vorzutragen, mit viel Betonung bitte, aber das klingt genauso verknotet, wie es auf dem Papier aussah.
Der Dichter erzählt Wassa, dass sie in Kabul drei Jahre lang über diesen Text debattiert haben. Eine Kommission wurde einberufen, die eine Unterkommission für die Hymne installierte, in der Vertreter der 14 wichtigsten Volksstämme mitreden sollten. Am Ende protestierte sogar ein Sprecher der Hindus, weil seine Leute nicht erwähnt wurden. »Das ist doch keine nationale Einheit, wenn jeder Stamm im Text vorkommen muss«, schimpfte der Dichter Abdul Jahani, der davon lebt, dass er dem Sender Voice of America Radiobeiträge in der Sprache Paschtu liefert.
Bestimmt fünfmal habe er zu Karsai nach Kabul fliegen müssen, immer dasselbe Ritual. »Bravo, bravo«, habe Karsai entzückt gerufen, sobald ihm der Dichter seine überarbeiteten Verse bei einem Dinner im Hotel InterContinental vortrug. Aber immer habe sich hinterher eine politische Kommission mit ihren Bedenken durchgesetzt. »Sie töten mein Gedicht«, sagte Jahani, »Karsai darf nichts mehr entscheiden, nicht einmal die Hymne.« Von der ursprünglichen Fassung des Dichters, die noch »die eine Nation« beschwor, ist nichts geblieben, doch, ein Satz: »Allah ist groß.«
Eigentlich interessiert Wassa nur, wie der Dichter die Worte ausspricht. Von der Sprache Paschtu hat sich Wassa inzwischen so weit entfernt, wie er sich dem rheinischen Singsang seiner Nachbarn genähert hat. Er muss etwas finden, was ihm eine Idee liefert. Manchmal nimmt er sich die alten Familienalben mit den Schwarzweißfotos, setzt sich in einen der knallroten Ledersessel im Musikzimmer und beginnt zu blättern. Der Schnee auf den Bergen von Paghman. Die Honda seines großen Bruders. Einmal hat er sich das Motorrad geschnappt, ist zu seinem Freund Said Rahin gefahren, danach gemeinsam zum Kino. Den nachdenklichen Westernhelden Glenn Ford haben sie angehimmelt, die verführerisch lächelnde Rita Hayworth.
Kabul, die späten fünfziger, die sechziger Jahre. Der König regierte noch unangefochten, die Nationalhymne war seit Ewigkeiten gleich, die Elite der Stadt fuhr an kalten Tagen in ihre Villen im sonnenverwöhnten Tal von Dschalalabad. Wassas Vater war Arzt, ein Onkel Gouverneur. Die königliche Familie hatte das Haus gebaut, in dem Wassa aufwuchs. Man ging ins Theater, auf der Bühne spielten geschminkte und verkleidete Männer die Rollen von Frauen, später war auch das nicht mehr nötig. Viele Ausländer waren ins Land gekommen, in Boutiquen wurde Mode aus Paris geliefert. Wassas Erinnerungen sind die eines behüteten Sohnes aus einer kleinen Führungsschicht, und das Land in seinem Gedächtnis ist ein kleines Paradies. In seinem Fotoalbum gibt es keine verschleierten Frauen und keine Männer mit langen Bärten. Die Männer stecken in Anzügen, die Frauen in Miniröcken. Die Männer setzen Sonnenbrillen auf, weil sie aussehen wollen wie Cary Grant. Einmal ging Babrak Wassa als Kind mit seiner Mutter nachts im Park spazieren und hörte dem Spiel der Musikanten zu. Er sagt das, weil er sagen will: »Es war ein wunderbarer Platz zum Leben.« Dieses Leben ist lange tot, aber an irgendwas muss Wassa sich ja klammern. »Nicht zu süß« dürfe die Hymne sein, »nicht zu leichtsinnig, auch nicht zu lahm. Auf keinen Fall militant.« Bloß kein Trommelfeuer, keine krachenden Becken. Ihm fällt nichts ein.
Aus dem Internet druckt er Bilder aus, Straßenszenen aus Afghanistan. Sieht er auf Fotos Männer mit Gewehren, sagt er: »So sind wir nicht!« Später sagt er: »Ich weiß nicht mehr, wie die Menschen sind.« Er setzt sich ans Klavier, steckt sich eine Zigarette an. Diese endlosen Nächte. »Denke ich zu europäisch?«, fragt er sich. Er geht schlafen und schläft doch nicht. Als er schon aufgeben will, fallen die Töne eines Nachts über ihn her. Trompeten hört er, heraufdämmernde Sinfonien. »Was hast du?«, fragt seine Frau, als Wassa im Schlafzimmer Licht macht. »Ich habe die Hymne!« Er läuft ins Musikzimmer, spielt das Gehörte am Klavier nach und hackt Noten in seinen Computer. Die Umrisse von Afghanistan. Launisch muss dieses Land sein, die Stimmung changiert zwischen Moll und Dur.
Wassa komponiert sein Lied im Siebenachteltakt, in Afghanistan ein vertrauter Rhythmus. Weil ihm Minister Rahin gesagt hat, dass die Post in Kabul leicht verloren geht, gibt er seine Musikkassette einer Bekannten mit, die nach Afghanistan reist. Auf das Band hat er den Herren in Kabul eine persönliche Botschaft gesprochen: »Dieser Rhythmus ist in den Herzen der Menschen.« Wassa hat eine dunkle Ahnung, und tatsächlich: Die Herren lehnen den Siebenachteltakt ab. Zu ungewohnt für westliche Ohren. Wie soll das wirken, wenn die deutsche Bundeskanzlerin Merkel zu einem Staatsbesuch eintrifft? Minister Rahin setzt sich für Wassas Rhythmus ein, aber er kriegt keine Mehrheit. Wassa muss Afghanistan westlich verkleiden. Also doch: Viervierteltakt, gebräuchlich und international wie holperndes Englisch.
Als bekannt wird, dass Wassa die Hymne komponiert, erscheint sein Name oft in Zeitungen. In Kabul wird er zu einem Ehrenmitglied im Höchsten Rat der Kunst ernannt, und für einen Moment sieht es so aus, als sei Babrak Wassa das Gesicht eines neuen Afghanistan.
Die große Sinfonie steht bevor. Eine makellose Aufnahme, die man auf CDs pressen kann, braucht das Land. Wassa will das Beethoven-Orchester in Bonn engagieren, 75 Musiker. Viele tausend Euro Honorar. Als sein Freund Rahin, der Minister für Kultur, davon hört, gibt er Wassa zu verstehen: Wir können das nicht bezahlen. Babrak Wassa treibt einen Musikliebhaber in München auf, der das Geld beschaffen will, aber da erfährt das afghanische Kabinett davon, Karsai wird unverzüglich informiert, die Aufregung ist groß. Schließlich bewilligt die Regierung in Kabul doch noch das Geld.
Minister Rahin muss am Telefon nur seinen Namen sagen, da weiß Zainab Wassa schon, was er will. Ihr Mann soll nach Kabul kommen, helfen soll er bei der Ausbildung von Musikern. Afghanistan brauche Leute wie ihn, die ausgewanderte Führungsschicht des Landes ist über die Welt verstreut. Wassa blättert dann in seinem Terminkalender, alles voll. Er weicht aus, wehrt ab. Schon einmal habe die Politik sein Leben vergiftet. Als die Kommunisten 1978 in Kabul die Macht übernahmen, lebte der junge Generalmusikdirektor Wassa mit einer Russin zusammen, Marina. Sie hatten sich in Moskau kennen gelernt, wo Wassa das weltberühmte Tschaikowsky-Konservatorium besucht hatte. Sie heirateten, bekamen eine Tochter, und als sie nach Kabul zogen, waren sie voller Hoffnungen. In Moskau hatte Wassa ständig Fernsehszenen von einem freien Afghanistan gesehen, das man Demokratie nannte. Kabul schien auf die Heimkehr des Babrak Wassa zu warten, so kam es ihm vor. Als ein Jahr nach der kommunistischen Machtübernahme die Sowjets einmarschierten, musste der Musikdirektor Wassa ständig regierungstreue Sänger im Radio auftreten lassen. Politiker bestimmten das Programm. Oft stritt sich Wassa mit den Leuten im Ministerium. Natürlich tauschten sie gleich die Nationalhymne aus.
Warum sich auch Marina von ihm abwandte, konnte sich Wassa nicht erklären. Er habe immer wieder versucht, es aus ihr herauszubekommen, aber sie habe sich auf keine Diskussion eingelassen. Er wurde eifersüchtig. »Bist du in diesen hübschen Soldaten verliebt, der vor der Rundfunkanstalt steht?« Keine Antwort. Ein Chauffeur steckte ihm, dass Marina öfter in der sowjetischen Botschaft gesehen worden sei. Wassa verdächtigte sie, den Russen Informationen über ihn zu liefern, eine bessere Erklärung fand er nicht. Von da an stand das Misstrauen unüberbrückbar zwischen ihnen, die Ehe war nicht mehr zu retten. Ins Ausland wolle er vielleicht verschwinden, sagte er schließlich, und Marina habe geantwortet: »Wenn du Afghanistan verlässt, bist du ein Verräter.« Als er am 20. April 1980 Bücher, Fotos und Kleidung in einen Koffer packte und in die Maschine nach Frankfurt stieg, wusste Marina davon nichts. Sie war ausgezogen, und Wassa sprach mit ihr nicht mehr. Er fürchtete, sie werde ihn an den russischen Geheimdienst verraten.
Marina sei ihm ein Rätsel, sagt er. Aber auch Wassa ist schwer zu ergründen, seine Flucht aus Kabul bleibt der dunkelste Punkt in seinen Erinnerungen. Vor wenigen Jahren hat er Marina noch einmal in Moskau getroffen und ein letztes Mal nachgehakt: »Was war damals mit dir?« – »Nichts.« Dass er vor den schrecklichen Kommunisten davonlief, verstehen die Leute in Rösrath sofort. Aber genauso gut könnte er sagen, dass er aus den Ruinen seiner Ehe flüchtete. Würde er die Geschichte so erzählen, müsste er sich fragen, ob er sich hinter der großen Politik versteckt hat. Es macht die Sache wohl einfacher für ihn, die Kommunisten nicht aus seiner Biografie entkommen zu lassen.
Fast nichts hat Wassa hinübergerettet in sein Rösrather Leben. Alles, was er von Afghanistan besitzt, existiert bloß noch als Bild. Ein Foto zeigt die zerschossenen Mauern seines Elternhauses. Raketenangriffe. Die Mudschahedin. Der Bürgerkrieg nach dem Abzug der Sowjets. Vor zwei Jahren war Wassas großer Bruder dort, das Haus stand wieder, es leben fremde Menschen darin. »Wenn du einen Fuß hineinsetzt, erschießen wir dich«, hätten sie gedroht. Sogar Minister Rahin hat bezeugt, dass dieses Haus der Familie Wassa gehöre, aber das hilft nichts. Babrak Wassa sagt: »Afghanistan.«
Es ist Mitte Mai 2006, als Said Rahin den großen Saal seines Ministeriums in Kabul herrichten lässt. Soldaten, Fahnen, eine beleuchtete Bühne. Der afghanische Botschafter aus Berlin ist angereist und hat in einem Antiquitätenladen in Kabul noch schnell eine mit Samt ausgekleidete Schachtel besorgt, damit die CD mit Wassas Hymne nicht so verloren wirkt. Es ist schließlich ein großer Moment. Der Stellvertreter des Präsidenten erscheint, daneben Minister Rahin. Die neue Hymne erklingt, und der Botschafter aus Berlin wird später erzählen, dass ihm ein wohliger Schauer am Körper heruntergelaufen sei. Babrak Wassa fehlt an diesem Ehrentag.
Ein Offizier erwartet ihn in der Julius-Leber-Kaserne in Berlin, gemeinsam mit seiner Frau fliegt Wassa hin. Er hat sich extra erkundigt, was er anziehen solle, einen Anzug oder lieber was Legeres. Besser den Anzug. Im Flugzeug muss dann die Stewardess Zainab und Babrak Wassa fotografieren. Vor Aufregung lässt Babrak Wassa danach die Kamera unter seinem Sitz liegen.
Das Stabsmusikkorps der Bundeswehr darf er dirigieren. Das Blasorchester soll die Hymne spielen, damit die Bundesrepublik eine »protokollarische Version« bekommt, die man haben muss, wenn Präsident Karsai auf einem deutschen Flughafen staatsmännisch begrüßt werden soll. Wassa und seine Frau betreten das Zimmer von Oberstleutnant Volker Wörrlein, von den Wänden schauen Horst Köhler und ein ausgestopftes Hermelin auf sie herab. Wörrlein nennt sich »den Hymnenboss von Deutschland«. 188 Hymnen der Welt hat er auf Lager, eigentlich alle, bis auf die von Sonderlingen wie Ozeanien. Ist ein Staat gekippt worden, merkt Wörrlein das immer an den Noten. Die sind oft nicht zu kriegen, nachdem sich ein neuer Staat eine neue Hymne gegeben hat. Wörrlein hört sich knisternde Bandaufnahmen an und arrangiert danach die Partitur für Blasorchester. Gerade ist er mit Ruanda durch, bald sind der Kongo und Osttimor dran. Kuwait hat er auch schon gemacht, Angola, Bosnien-Herzegowina. Seit 1990 brummt es bei ihm, vorher war gar nichts. Da war die Welt noch stabil.
Dass Afghanistan schon wieder in seinem Zimmer steht, wundert Wörrlein ein wenig. »Karsai hat wohl schon eine Hymne verschlissen.« Wörrlein war es, der die alte Hymne arrangieren musste, den Vorgänger von Wassas Komposition – ein ziemliches Durcheinander aus den chaotischen Tagen der afghanischen Nordallianz, die den Amerikanern den Sieg über die Taliban verdankte. Musikalisch war das Ergebnis erschütternd anspruchslos. Ihre Hymne hatten sie auf einer elektrischen Heimorgel gespielt. Und weil dazu niemand »Allah ist groß« singen konnte, war das Lied in der Islamischen Republik nicht zu gebrauchen.
Als Wassa in einem ehemaligen Kinosaal das Orchester der Bundeswehr dirigiert, hat er den Höhepunkt seiner Karriere erreicht. Babrak Wassa, der Laienchorleiter aus Rösrath, dirigiert in der Hauptstadt ein Orchester mit lauter Profis. Alle spielen auf sein Kommando sein Lied. Aber nur seine Frau, der afghanische Botschafter und der deutsche Offizier hören zu.
Von seinem Freund Rahin kriegt Wassa schon eine Weile nichts mehr mit. Funkstille. Später erfährt er, dass der Minister gar nicht mehr Minister ist, sondern neuer afghanischer Botschafter in Delhi. Karsai und das Parlament haben ihn fallen lassen. Rahin zählt zu den so genannten Royalisten, einer kleinen Gruppe im afghanischen Kabinett, die politisch unter Beschuss geriet.
Einen Royalisten würde sich Wassa niemals nennen, nur weil er schöne Dinge über ein untergegangenes Königreich erzählt. Bei ihm ist es eher so: Wenn ihm ein Royalist den Auftrag für die Nationalhymne gibt, kann der Royalismus so schlecht nicht sein. Seinem Freund Rahin wurde vorgeworfen, er habe den Glauben verletzt. Das Staatsfernsehen habe zu viele leicht bekleidete Frauen gezeigt – und nicht genug Religion. Man beschuldigte ihn, das »Unislamische« zu dulden. Das Unislamische. Da ging es sofort ums Ganze. Auch Babrak Wassa glaubt an Gott, aber er nennt ihn nicht »Allah«. Wassas Gott ist ein Wunschgott, der keinen Namen haben will und sich aus Religionsgemeinschaften nichts macht. Wassas Gott ist ein aufmerksamer Zuhörer, dem er viele Fragen stellt, ohne dass er dafür bestraft wird. Wer bist du? Was war vor dir? Warum hast du das alles gemacht? Babrak Wassa bekommt nie eine Antwort, aber er betet einfach weiter, ihm fallen ja ständig neue Fragen ein.
Präsident Karsai werde eine Religionspolizei einführen, warnt der Büroleiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Kabul in einem Newsletter. So etwas gab es schon unter den Mudschahedin, die Taliban machten eine Sittenmiliz daraus, stellten dem Land die Musik ab, schlugen auf den Basaren alle Instrumente kaputt, sperrten Musiker ein. Die Hymne der Taliban war die Totenstille. Davor hat Babrak Wassa am meisten Angst. Dass sie zurückkehren. Die Taliban. Dass sie wieder die Kontrolle erlangen, überall im Land. Dass die Regierung zu schwach sein könnte, sich ihnen zu widersetzen.
Babrak Wassa soll dabei sein, als Afghanistan am 19. August seinen Unabhängigkeitstag feiert. Er hat eine Einladung bekommen. Bei dem Fest in Kabul werde man die traditionellen Reiterspiele aufführen, heißt es, schon heute ertöne Wassas Hymne im Radio und Fernsehen, frühmorgens, bevor das Programm beginnt, nachts, bei Sendeschluss.
Arg kurzfristig sei die Einladung gekommen, sagt Wassa, sein Kalender, nein, tausend Verpflichtungen. Dann sagt er, dass er in einer afghanischen Zeitung einen bösen Kommentar über sich gelesen habe. »Ich bin doch den Islamisten ein Dorn im Auge. Für die bin ich ein Ungläubiger.« Anschließend: »Ich trete doch mit meinen Chören in christlichen Kirchen auf. Vielleicht wissen die das.« Alles, was als Gegenargument taugen könnte, hat er zusammengestellt. »Vielleicht denken einige auch, ich hätte damals mit den Sowjets was gehabt.« Fahr nicht dahin, habe ihn seine Tochter gebeten, dasselbe hätten Nachbarn gesagt.
Afghanistans Nationalfeiertag fällt auf einen Samstag. Im Stadion von Kabul scheppert die neue Hymne, bei Babrak Wassa kommt die Schwiegermutter aus Bonn zu Besuch. Sie erzählt von Kabul, wo sie vor kurzem Verwandte besucht hat. Die Hymne habe sie nicht gehört, es falle ja ewig der Strom aus, da bleibe der Fernsehapparat schwarz. Erschrocken habe sie sich einmal, weil draußen auf der Straße etwas explodiert sei. Die Einheimischen, sagt sie, finden das nicht dramatisch, die vergleichen ja jeden Knall mit dem pausenlosen Donnern in der Zeit der Mudschahedin.
Der Herbst kündigt sich an, die hölzernen Gartenmöbel müssen bald rein. Nicht mehr lange, und es geht los mit den Proben für die Adventskonzerte. »Sie sind herzlich willkommen«, hat Karsais Kulturberater gerade am Telefon gesagt, ein Hotelzimmer sei schnell gebucht. Wassa könne helfen, Musiker auszubilden. Vielleicht werde daraus das erste Sinfonieorchester der Islamischen Republik. Vielleicht das Orchester des Babrak Wassa. Höflich hört er zu.
Dann legt er auf und fährt ins Gemeindehaus Forsbach. »So, meine Damen«, sagt er, damit sich das Tuscheln langsam legt. Ein Kaffeebecher mit Geldmünzen geht klimpernd herum, drei Sängerinnen haben bald Geburtstag. Wassa trägt ein weißes Hemd zu einer schwarzen Anzughose, beim Einsingen besteht er auf einem kristallklaren D. Sein Gesicht bleibt so regungslos, als habe er auf dem Weg zu den Sinfonikern die falsche Tür genommen, wolle sich den peinlichen Irrtum aber nicht anmerken lassen. Der Frauengesangverein Forsbach. Anschließend der Männergesangverein Forsbach. Babrak Wassas Leben. »Heimat«, singen sie, »ewig liebe Heimat.« Nein, er wird nicht an ein Orchester in Kabul denken, er wird hier bleiben, er wird sich nicht überreden lassen. Babrak Wassa traut dem Land nicht, dem er seine Hymne schenkte.
Am nächsten Morgen explodiert auf einem Platz nahe der amerikanischen Botschaft in Kabul eine Autobombe und reißt 16 Menschen in Stücke. Babrak Wassa erfährt davon im Frühstücksfernsehen.
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- Datum 05.10.2006 - 03:31 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 05.10.2006 Nr. 41
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dass wir inzwischen schon afghanische Musiker bei und beschaeftigen.
Zeitungen liesst und erfaehrt was in Afghanistan alles nicht laeuft dann ist es kein Wunder wenn diesem Komponisten keine Noten einfallen wollen.
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