Irak-Krieg George im Phantasialand

Schlimmer geht es nicht mehr: Starreporter Bob Woodward bezichtigt die Regierung Bush des Realitätsverlustes

Washington

Am 10. Juli 2001 beugt sich CIA-Direktor George Tenet über frisches Spionagematerial. Auf dem Tisch liegen Berichte über das Terror-Netzwerk al-Qaida. Es sind nur Fragmente, doch von eindeutiger Art. Tenet fürchtet, da braue sich etwas Spektakuläres zusammen. Zwar ergibt sich aus dem Material nicht, wann und wo al-Qaida zuschlagen will. Gleichwohl spricht Tenet von einer »Stunde null«, die nun näher rücke. Was also tun? Der CIA-Chef ruft aus dem Auto bei Condoleezza Rice an. Er müsse sie sehen, sofort.

Seit Monaten hatte Tenet die Sicherheitsberaterin gedrängt, eine Strategie gegen al-Qaida zu entwickeln. Zwar traf er Rice wöchentlich, aber mit seinem Anliegen drang er nicht durch. Jetzt versucht er mit dem dramatischen Spontanbesuch, endlich die Aufmerksamkeit des Weißen Hauses zu erhaschen.

Seit fünf Jahren sucht Amerika zu ergründen, wer versagt hat, bevor am 11. September 2001 die Terroristen zuschlugen. Untersuchungsausschüsse wurden gegründet, Zeugen geladen, Dokumente beschlagnahmt, Berichte geschrieben. Doch es bedarf offenbar des Starreporters Bob Woodward, um die Existenz eines derart entscheidenden Treffens zu enthüllen. Die Szene findet sich in Woodwards drittem Buch über die Amtszeit George Bushs. Es ist am Wochenende in Amerika erschienen und befindet sich seit Montagabend schon in der dritten Auflage. 900000 Exemplare sind gedruckt. Protokolliert wird die Geschichte einer Realitätsverweigerung. State of Denial lautet deshalb der Titel. Gemeint ist die amerikanische Regierung. Der Zustand der Verblendung beginnt laut Woodward nicht erst mit dem Irak-Krieg. Als CIA-Chef Tenet die Sicherheitsberaterin am 10. Juli 2001 vor dem Terrorangriff warnt, »wirkt Rice irgendwie abwesend«. Das Bush-Team, schreibt Woodward, »war zu lange im Winterschlaf«.

Es ist ein neuer Ton, der den jüngsten Teil der Bush-Trilogie durchzieht. Der erste Band, »Amerika im Krieg«, erschienen im Juli 2003, war, abgesehen von ein paar vernichtenden Zitaten, eine Hagiografie der regierenden Kriegshelden. Schon die zweite Folge, »Der Angriff«, erschienen im Oktober 2004, zeichnete ein nuancierteres Bild vom Innenleben im Hause Bush. Der Band legte die brutalen Fraktionskämpfe offen. Zwei Jahre später ist nun das Vollbild einer Regierung auf Dienstreise ins Fantasieland zu besichtigen. Die Wahrheit, vor allem über die Lage im Irak, trauen sich die Hintersassen kaum, ihrem Präsidenten zu beichten – weil sie ahnen, dass der Chef Defätismus verabscheut. Bush selbst gibt, wenn überhaupt, nur noch eine weich gespülte Version der Realität an die Öffentlichkeit weiter.

Bush durchlebt bei Woodward eine wundersame Wandlung. Das Buch präsentiert ihn als herrisch und kindisch, vor allem aber als intellektuell uninteressiert. Ein Regierungschef, der Opfer seiner eigenen Selbstgewissheit wird und einmal getroffene Entscheidungen selbst im Lichte neuer Fakten nicht mehr infrage stellt.

Wäre Woodwards Trilogie bloß eine Chronologie, in der die jüngste Folge ansetzt, wo die vorangegangene abbrach, so erklärte sich das wandelnde Urteil leicht. Journalismus zwischen Buchdeckeln muss damit leben, dass jede Einschätzung blitzschnell veraltet. Stattdessen aber holt Woodward weit aus und greift zurück auf jene längst protokollierten Tage nach Bushs Machtübernahme. Diese Verschränkung der erzählten Zeit zeugt ein interessantes Phänomen: Anhand ähnlicher Quellen berichtet Woodward über teils identische Vorgänge in drei Büchern jeweils anders.

Die banalste Erklärung liefert Woodward selbst. Er habe »ganz einfach etwas Neues gefunden«, sagt er, »wie jedes Mal, wenn man vertrauten Grund umpflügt.« Aber für Funde gibt es eben auch Gründe. Watergate-Enthüller Woodward war nie als Analytiker hervorgetreten. Seit Jahren ist er ein Protokollant der Macht, eine Art Seismograf der Hauptstadt. Nach fünf Regierungsjahren haben die Absetzbewegungen vom Präsidenten begonnen. Parole: Rette sich, wer kann; möge wenigstens die Geschichte gnädig urteilen über die eigene Rolle in einer vermaledeiten Regierung. Drum geben deren ehemalige Angehörige nun bereitwillig zu Protokoll, wie sie selbst das Schlimmste abzuwenden versuchten.

Eine Schatzkiste neuer Details aus dem Innenleben der Regierung Bush tut sich auf. Atemberaubend die Leichtfertigkeit, mit der der Nachkriegs-Irak geplant wurde. Woodward kann erstmals von den Erlebnissen Jay Garners berichten, des ersten Wiederaufbau-Beauftragten. Als Garner sich beschwert, er solle in zehn Wochen planen, wofür vor Ende des Zweiten Weltkrieges Jahre zur Verfügung standen, kontert Verteidigungsminister Rumsfeld: »Nutzen Sie halt die Zeit besser.« Garner hat aber kein Geld und keine Leute. Vor allem gibt es keinerlei Plan, wer im Irak die Regierungsgewalt übernehmen soll. Vor der Invasion trifft sich das Wiederaufbauteam zur Generalprobe. Garners Stellvertreter notiert: »Falsche Annahmen. Übertrieben optimistisch. Mangel an Realitätssinn.«

Niemand kommt bei Woodward so schlecht weg wie Donald Rumsfeld. Dessen Charakterskizze lautet: »Arrogant, unentschieden. Akzeptiert nicht, dass andere Leute in seiner Umgebung schlauer sind als er. Traut nur wenigen Menschen. Gummihandschuh-Syndrom – mit der Tendenz, auf Entscheidungen keine Fingerabdrücke zu hinterlassen.« Diese Beschreibung stammt nicht von Woodward. Der hat sie nur gefunden, und zwar in einer Notiz von Steve Herbits, der 37 Jahren lang mit Rumsfeld eng befreundet war und ihm im Pentagon zuarbeitet. Woodward zeichnet nach, wie alle Versuche scheitern, Rumsfeld loszuwerden – sogar als Bushs Stabchef und Bushs Ehefrau sich einmischen.

Woodward schildert eine Regierung, die aus dem Irak verheerende Nachrichten erhält, aber nicht an sich heranlässt. Der Präsident verlässt sich stattdessen auf seinen wichtigsten außenstehenden Stichwortgeber: Henry Kissinger. Der alte Mann rät während mehrerer, bislang nicht publizierter Besuche im Weißen Haus: Durchhalten! Kissinger glaubt, Amerika habe den Vietnamkrieg 1972 vor dem Abzug quasi gewonnen, dann aber durch mangelnde Entschlossenheit an der Heimatfront noch verloren. Ein schlimmerer Vergleich als mit Vietnam und ein schlimmerer Gegner als Bob Woodward hätte Präsident Bush fünf Wochen vor der Kongresswahl nicht erwachsen können.

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Leser-Kommentare
  1. wenn die USA raus sind wird der Friede von selbst kommen, aber die sind ja nicht wegen des Friedens dort sondern wegen des Öls.
    Die USA sind nicht die Lösung, sondern das Problem.

    • Anonym
    • 05.10.2006 um 11:21 Uhr

    Natürlich nicht.

    Diese Fürstentümer hatten kein Hinterland. Das heißt, keine taktische oder strategische Tiefe, um sich neu zu formen. Die waren einzeln etwa so gross, wie Liechtenstein oder San Marino. Saladin bezeichnete diese Staatchen als Flöhe am Saum seines Kaftans...

  2. 3. 2748

    US Soldaten sind bis Heute inklusive im Irak gefallen, mit welchem Resultat? 2748 Mütter und Väter wurde in einem Agressionskrieg die Kinder weggenommen. 2748 Väter und Mütter haben etwa 20 Jahre an ihren Kinder gearbeitet, sie geheilt, ihnen beigestanden, die ersten Schritte begleitet...und nun ist ein Loch im Herzen, ein Schlund hat sich aufgetan.
    Mich ekelt dies alles nur noch an!

  3. Was´n für "Faschisten" regen sich den wo auf?

  4. Gar seltsame Antwort! Aber vielleicht hat er die Güte (@ JdotSdot) doch mal zu erklären wen er denn mit "Faschisten" gemeint hat.

    Im übrigen, immer locker bleiben und nicht verkrampfen!

    • zozo
    • 05.10.2006 um 16:00 Uhr

    Nur ruhig, mit JdotSdot ist es unmöglich zu discutieren.

  5. Es werden so gut wie täglich irakische Zivilisten in die Luft gesprengt. Und zwar von Islamofaschisten!
    Und einige entblöden sich nicht, dies als irakischen Widerstand gegen eine angebliche Besatzung zu verkaufen! Es kommt noch hinzu das die wenigen Terroristen deren Identität bekannt ist, gar keine Iraker sind! Der gegenwärtigs Top-Terrorist im Irak ist Ägypter sein Vorgänger war Jordanier! Irakischer Widerstand?
    Wie gesagt, totaler Realitätsverlust! J.S.

  6. Die Fürstentümer Edessa, Tripolis und Antiochia konnten sich damals nicht besonders lange halten.

    Heute scheint es fraglich, ob die Stammesfürsten die Ergebnisse der freien Wahlen, unter Besatzungsaufsicht, wirklich interessieren.

    Wie lange sich das "Fürstentum Grüne Zone" unter diesen Umständen wird halten können, steht in den Sternen.

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