Arab-TV Der Wutverstärker

Der arabische Fernsehsender al-Dschasira will künftig global senden. Bloß – mit welcher Botschaft?

Der Emir von Qatar weiß, wie man als märchenhaft reicher Ministaat (Öl und Gas) im Zeitalter des Islamismus überlebt: Das Ländchen beherbergt die größte US-Luftwaffenbasis außerhalb Amerikas, aber auch den vom Emir finanzierten Satellitensender al-Dschasira (engl. Al-Jazeera, AJ), der in Washington gern als elektronisches Terroristen-Sprachrohr abgestempelt wird. In der floriden Fantasie dieser Region heißt es denn auch, dass die U.S. Air Force den Sender schon mal bombardieren wollte – sozusagen auf dem ganz kurzen Dienstweg, von Qatar nach Qatar.

Nun aber greift AJ zur Weltmacht. Schon im Mai sollte ein neuer Sender, AJ International, in englischer Sprache an den Start gehen – mit zusätzlichen Kommandozentralen in London, Washington und Kuala Lumpur, alle per Glasfaser miteinander verbunden. Das wurde erst auf den September, jetzt auf den November verschoben – pünktlich zum zehnten Jahrestag der Gründung des arabischen Satellitensenders. Zur Begleitung haben Emir und AJ ein Board of International Visitors rekrutiert – journalistische Veteranen aus Amerika, England, Frankreich, Japan, Kolumbien und Südafrika, zu denen auch der Autor dieses Textes gehört – siehe auch den ersten Bericht, »al-CNN«, in der ZEIT vom 16. Februar.

Immer die gleichen Motive: Israel als Aggressor, Massaker an Arabern

Die erste Sitzung im Februar galt dem gegenseitigen Beschnüffeln – »Was wollen die eigentlich von uns?« In den Monaten danach, im regen E-Mail-Verkehr untereinander, beschäftigte uns die umgekehrte Frage: »Was wollen wir eigentlich von denen?« Wie es sich für Journalisten gehört, gab’s mehr Meinungen als Mitglieder. Grundsätzlich aber: Die Europäer plädieren für »professionellen Journalismus«, so objektiv und ausgewogen wie nur möglich in dieser wutgeladenen Region; der Südafrikaner, der in der Anti-Apartheid-Bewegung groß geworden ist, will eine »authentische Stimme«, die wohl just die Mischung aus Agitation und News bietet wie der arabische Sender; der Rest – aus Washington, Bogotá und Tokyo – steht irgendwo in der Mitte. Unser Handicap liegt auf der Hand: Keiner von uns spricht Arabisch; was genau AJ sendet – ob kühle Berichterstattung oder Mobilisierung der »Straße« gegen Amerika, Israel und arabische Regime –, werden wir aus erster Hand nur wissen, wenn AJ International ins Kabel geht.

Unsere Anschauung kommt bislang aus zweiter Hand – vom Auswärtigen Amt, von einem Medien-Forschungsinstitut, das der amerikanischen Regierung untersteht. Das sind kürzere oder längere Zusammenfassungen, aber keine Rund-um-die-Uhr-Protokolle.

Die Übersetzungen aus Washington malen ein monochromes Bild. Danach widerspiegelten die Sendungen beileibe nicht das AJ-Motto: »The Opinion – And the Other Opinion«. Talkshows, Interviews, Reportagen präsentierten dauerhaft die gleichen Motive: Israel als Aggressor, Massaker am laufenden Band, Verschwörung gegen den Libanon und alle Araber – mal im Tandem Israel/USA, mal durch den Westen insgesamt. Es fehlte jeglicher Kontext, zum Beispiel der sechs Jahre währende Raketenbeschuss durch Hisbollah, der 900 Israelis verletzte oder tötete. Oder die Platzierung der Raketen in Wohngebieten – keine Bilder, keine Diskussionen, keine Kritik an Hisbollah.

Wurden »Experten« befragt, widersprachen die nicht, sondern heizten dieses »Narrativ« auf. Ein gewisser Dr. Tamimi aus London: »Die Muslime sind hier sehr, sehr wütend.« Ein Hisbollah-Experte aus Kairo plauderte ganz unanalytisch von der »US-zionistischen Kriegsmaschine« in dieser »Ära zionistischer Aggression«. Nur sehr selten durfte man AJ-Journalisten dabei beobachten, wie sie nachhakten oder ihre Gesprächspartner dazu ermahnten, beim Thema zu bleiben. Es war Agitprop im Gewande scheinbar aktueller Berichterstattung.

Nun die andere Wirklichkeit, gezeichnet von Wadah Khanfar, dem Intendanten, der die Diskussion der Besucher mit den Redaktionschefs so souverän wie überlegt leitete. »Gewiss, manche unserer Korrespondenten und Moderatoren waren etwas emotional. Die haben wir aber ermahnt, gar verwarnt.« Aber: »Wir bilden ab, was ist – die Gefühle, die Wut.« So würde jeder TV-Chef argumentieren, im Westen, überall. Nur: Im Fernsehen ist bekanntlich die Auswahl die Message. Hatte AJ auch die andere Seite, Israel, abgebildet?

Ahmed al-Sheikh, Chefredakteur: »Als Israel den Beschuss ziviler Gebiete verteidigte, haben wir das gezeigt.« AJ habe auch jede israelische Pressekonferenz, jede Knesset-Sitzung live verbreitet. Und noch einmal Khanfar: »In den ersten Wochen des Krieges wurden wir von syrischen Journalisten als Handlanger Israels gegeißelt.«

Welche Wirklichkeit ist die wirkliche? Die Antwort auf diese Frage wartet auf eine andere: Wann denn nun AJ International endlich ans Netz gehen werde? Ein Knirschpunkt ist offenbar Washington, wo AJI eine seiner vier weltweit ausstrahlenden Sendezentralen etablieren will. Der Intendant: »Manchmal machen wir Fehler, wir nehmen Klagen ernst. Aber wir glauben, dass die amerikanische Regierung uns gegenüber eine feindselige Haltung pflegt. Jenseits der Ministerialdirektor-Ebene will niemand in Washington mit uns reden.« Einwurf eines Europäers: »Condi oder Bush wollen mit uns auch nicht reden, aber nicht weil sie uns hassen, sondern weil ein europäisches Medium nicht wichtig genug in der amerikanischen Medienlandschaft ist.«

Was soll man nun sagen: »Märtyrer« oder »Selbstmordattentäter«?

Tatsächlich geht das Problem weit über das Offizielle hinaus – gleich zweifach. Amerikanische Networks und Kabelbetreiber scheuen sich, AJ zu übernehmen, weil dieser Sender im Lande nicht gerade populär ist – kein Wunder, wenn man sich an die frühen Jahre erinnert. Damals strahlte AJ jede Bin-Laden-Hasspredigt aus, zeigte auch Geiseln, die um ihr Leben bettelten. Zweitens: Obwohl digital, also mit einer größeren Bandbreite als das analoge, sei das Kabelnetz in den USA längst überbelegt, berichtet Steve Clark, der Nachrichtenchef von AJ International. Will AJI rein, muss ein anderer raus.

Doch nicht nur in Amerika hat AJI Probleme, auch in der Dritte-Welt-Diktatur Simbabwe kommt der englische Dienst mit dem Aufbau eines Büros nicht voran. Warum? Steve Clark resümiert lakonisch: »Ein Minister, mit dem wir verhandelt haben, ist tot. Der andere ist verschwunden. Ein Kameramann von uns wurde verhaftet.«

Was will denn AJ International anders machen, wenn überhaupt? Auf den Gängen der Redaktion kann man es mit den Händen greifen: Die AJler wissen es selber nicht, deshalb dieser halbjährliche Dialog mit den Abendländlern. Werden sie vor internationalem Publikum von »kidnap« oder »capture« reden, von »entführen« oder »gefangen nehmen«, wenn Hisbollah sich jenseits der Grenze israelische Soldaten greift? Auf Arabisch ist stets die Rede von »Gefangennahme«, was ehrbarer ist als »Kidnapping«. »Massaker« oder »Bombardement«? »Märtyrer« oder »Selbstmordbomber«?

Der eine AJ-Mann sagt: »Manche Araber wollen den englischen Sender als getreue Kopie des arabischen, aber das wird im Westen nicht so gut ankommen.« Ein anderer: »Manche Araber fürchten, AJI werde die arabische Sache verraten, aber das kriegen wir mit unserem Standing schon hin.« Einwurf eines Europäers: »Warum bauen Sie hier falsche Dilemmata auf – ›arabische Straße‹ und ›arabische Wut‹ hier, die entschärfte Version für den Westen dort? Warum setzen Sie nicht auf Qualität, auf tiefer gehende Recherche, den Vorteil der besseren Kenntnis, um sich ein weltweites Publikum zu verschaffen?«

Agitprop oder Analyse plus nüchterne Reportage? Mohammed Krichen, einer der Ressortchefs, hat die rettende Idee – direkt aus dem Repertoire des US-Kulturimperialismus: »Wir sollten der McDonald’s der TV-Welt sein. In Beirut serviert McD Falafel, in Rom Pasta. Aber alle sind sie McDonald’s mit ihrem typischen Angebot. Wir werden im englischsprachigen Dienst der arabischen Geschmacksrichtung eine internationale beimischen.« Bloß, um im Bild zu bleiben: Ob Kichererbsen oder Nudeln – McD’s Identität ruht überall auf Burger und Fritten, und AJ hat sich nun mal einen Namen als Wutverstärker, auch gegen arabische Despoten, nicht als geschmacksneutraler Nachrichtenproduzent gemacht. Deshalb plädierte der japanische Kollege dafür, »nicht nur die ›arabische Straße‹ zu präsentieren«. Der Kollege aus Kolumbien drückte Gleiches als Hoffnung aus: »Das Antiwestliche und Antiisraelische wird doch bestimmt verdünnt werden, wenn erst AJI ans Netz geht.« Steve Clark, der Nachrichtenchef, hofft mit: »Die Grenze wird von Geschmack und Anstand gezogen.« Sein arabischer Sitznachbar drückt es noch nobler aus: »AJ International ist eine wunderbare Chance für den zivilisierten Dialog unserer Zivilisationen.«

Auf jeden Fall wird das Board of International Visitors nicht mehr ganz so blind fliegen, wenn die versprochene DVD mit dem englischen Pilotprogramm auf dem Schreibtisch landet. Ein paar Tage nach dem Abflug durften die Besucher eine Karikatur auf der Webseite von AJ begutachten. Sie zeigt den Papst in dänische und amerikanische Farben gehüllt, in der Hand den Hirtenstab mit einem riesigen Hakenkreuz, unter dem Gewand einen grinsenden Uncle Sam und einen israelischen Soldaten.

 
Leser-Kommentare
    • riad67
    • 12.10.2006 um 2:14 Uhr

    Führen wir uns vor Augen, was es an arabischen Sender gab, als AJ noch nicht existierte. Es gab nur Sender, die als Hofberichterstatter die regierenden Unterdrücker der Region täglich stundenlang hoch leben ließen.
    Nachrichten über internationale Ereignisse waren eher selten und ansonsten wurden die Sender mit seichter Unterhaltung nach dem Motto der römischen Kaiser "Brot und Spiele für das Volk" gefüllt.
    Dann kamen da Journalisten im neuen AJ, die teilweise bei einer Arabischen BBC Sendung gearbeitet (ihr Handwerk gelernt) haben.
    Nun war es diesen Idealisten endlich möglich, die im Westen übliche politische debattier Kultur, einem breiten arabischen Publikum näher zu bringen.
    Das dabei manchmal etwas rauskam, was eher an einen Ringkampf, als an eine sachliche Auseinandersetzung ähnelte, liegt nur an der Unerfahrenheit und Frustration vieler Gesprächspartner.
    Endlich durfte angestaute Wut heraus. Endlich wurden Menschen gehört, die bisher kein Sprachrohr hatten.
    Vermutlich können nur Menschen aus der ehemaligen DDR nachvollziehen, wovon ich hier rede.
    Schließlich gibt es in fast allen arabischen Ländern keine Meinungsfreiheit, Rechtstaatlichkeit, Demokratie oder gar freie Presse.
    Dem gegenüber werden die Probleme der einfachen Bevölkerung dieser Ländern immer größer und es gibt keinen der es wagen könnte hiergegen ein Wort zu erheben.
    Zwar sind viele Probleme hausgemacht, aber letztenendes kommen sich die Betroffenen wie Bauernopfer in einem globalen Schachspiel vor, bei dem die Regierenden nur Marionetten externer Mächte sind und von diesen wegen egoistischer Interessen an der Macht gehalten werden.
    Nur so läßt sich erklären, warum sich die Wut auch vor Allem gegen diese externen Mächte richtet.
    Übrigens würde eine Übertragung westlicher Sender und Nachrichten auf arabisch in diesen Ländern viel mehr als Wutverstärker wirken als es AJ jemals sein könnte.
    Denn oft werden auch in Westlichen Sender Zusammenhänge und ereignisse ignoriert. (Was ist denn mit den vielen 10Tausenden arabischer Gefangener in israelischen Gefängnissen, die teilweise ohne Gerichtsverhandlung seit Jahrzehnten einsitzen.)
    Wenn wir wirklich den Terror bekämpfen wollen, dann müssen denen, die Friedlich Kritik üben wollen oder lediglich verbal Luft ablassen wollen, zuhören und Ihre Probleme ernst nehmen.
    Aber bisher war der Eindruck entstanden, daß nur die Araber zuhören müssen und alle Bedingungen akzeptieren müssen.
    Dabei hat der Westen den Arabern zu zentralen Problemen, wie z.B. der Anektierung palästinensicher Gebiete (die per UN-Resulution festgelegt waren) in all den Jahrzehnten keine Möglichkeit geboten Ihre berechtigten Forderungen auf rechtsstaatliche Weise einzuklagen.
    Auch die Tatsache, daß es islamische Politiker gibt, die genauso, wie hier zu Lande die CDU, einen Anspruch auf die Existens einer religiösen Volkspartei erheben, wird vom Westen als schädlich angesehen.
    AJ stellte für diese Probleme das einzige Forum dar.
    Leider fehlte bisher, wie in Ihrem Artikel angeklungen, ein Bindeglied zum Westen. Denn der Dialog darf nicht länger nur innerarabisch geführt werden. Er muß internationalisiert werden.
    Erst der Dialog fördert ein Verständnis der Gegenseite und verhindert somit Konflikte.
    In sofern sehe ich AJ auch als einen Katalysator für den Aufbau eines neuen Nahen Ostens.
    Fazit: AJ ist ein Friedensverstärker

    Wer bereits jetzt schon einen Eindruck von AJ auf englisch bekommen will, der sollte sich die englische Website des Senders ansehen: http://english.aljazeera.... .

    Eine letzte Anmerkung noch:
    Dem westlichen Hochmut und der Geichgültigkeit kann man nur Wut entgegensetzen.
    Wenn es nur Sender gibt, die die Probleme deckeln und nicht als Ventil für die Wut dienen dürfen, wird sich die Wut anders entladen.

    Außerdem gibt es im Westen auch Medien (siehe Bild / The Sun), die nicht gerade sachlich berichten.
    Vielleicht fällt es gerade auch westlichen Journalisten schwehr sachlich über den Nahen Osten zu berichten.

  1. 2. Also

    koennen wir dann bald 'frei Haus' erleben wie Leute gekoepft werden...wunderbar..

    • anamin
    • 26.10.2006 um 19:04 Uhr

    dann soll sich der Westen einen praven Sender bastellen und die gewünschte Wahrheit immer auf arabisch wiederholen, nämlich Israel sei das unschuldige Lamm und die Araber sind die üble Barbaren.
    Bis Jetzt hat weder der US Sender Al-Hurra noch der CNN nicht geschaft.
    Vielleicht das "embeded Journalismus" die beste Lösung der Al-jazeera gegenüber!

    • colca
    • 15.11.2006 um 15:49 Uhr

    Für Herrn Joffe und andere Verkäufer des Meinungsmainsstreams mag es ja eine bedrohliche Entwicklung sein - für den Rest der Menschheit sehe ich eher eine Bereicherung der Medienlandschaft.
    Nachdem telesur einen lateinamerikanischen Blickwinkel kommuniziert, bringt jetzt al-jazeera die arabische Sicht der Dinge in die globale Wahrnehmung ein.
    Alles was die einseitig prowestliche Berichterstattung der US/EU-Meinungsindustrie ergänzt, ist mir hochwillkommen.
    Und nicht nur mir.

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