Russland Termin mit dem Tod
Wie die russische Journalistin Anna Politkowskaja den Mann traf, den viele für ihren wahren Mörder halten. Eine Reportage aus ihrem letzten Buch
Am 7. Oktober wurde die russische Journalistin Anna Politkowskaja in ihrem Moskauer Wohnhaus erschossen. Politkowskaja wollte in dieser Woche in der Zeitung »Nowaja Gaseta« einen Artikel über Folter in Tschetschenien veröffentlichen. Ihr Recherchematerial, darunter auch Fotos, ist verschwunden. Die Reporterin hatte immer wieder über Verbrechen der russischen Armee und ihrer verbündeten Paramilitärs berichtet und dabei auch den starken Mann Tschetscheniens, den Putin-Verbündeten Ramsan Kadyrow, schwer belastet. In Moskau wird spekuliert, dass die Mörder von Politkowskaja aus Kadyrows Umfeld kommen. Die ZEIT druckt die gekürzte Fassung einer Reportage, in der Politkowskaja eine Begegnung mit Ramsan Kadyrow im August 2004 schildert.
Ramsan verlässt kaum sein Heimatdorf Tsentoroï, einen der finstersten Orte, die es gibt. Das Dorf ist ein Geflecht kleiner, enger Gässchen, an denen entlang hohe elektrische Zäune verlaufen. Hinter den meisten dieser Zäune, die von Männern mit verwegenen Mienen bewacht werden, befinden sich Residenzen der Familie Kadyrows, seines Umfelds und des »Sicherheitsdienstes des Präsidenten«. All jene Bewohner von Tsentoroï, die aus irgendeinem Grund den Argwohn Kadyrows erregt haben, wurden zwangsweise in andere Dörfer umgesiedelt. Ihre Häuser fielen Anhängern der herrschenden Familie zu und vor allem dem »Sicherheitsdienst des Präsidenten«. Diese informelle paramilitärische Organisation, die bestens mit Waffen der Föderation versorgt wird, ist nirgendwo registriert. Offiziell weiß keine lokale oder föderale Institution von ihrer Existenz. Tatsächlich handelt es sich um eine bewaffnete Bande, wie es viele gibt in Tschetschenien. Von den Rebellengruppen unterscheidet sie einzig die Tatsache, dass sie von Putins Günstling kontrolliert wird. Die Kadyrow-Leute beteiligen sich an Scharmützeln mit den Rebellen geradeso, als seien sie Angehörige der Armee der Föderation. Und als wären sie Beamte des Innenministeriums, nehmen sie »Verdächtige« fest, verhören sie, foltern sie, manchmal bis zum Tod. Zu diesem Zweck sind die Keller mehrerer Häuser in Tsentoroï zu Minigefängnissen umfunktioniert worden. Kein Staatsanwalt wird je eine Ermittlung darüber anordnen, was sich in dieser rechtsfreien Zone abspielt. Denn dies ist Putins Wille: Ramsan steht über den Gesetzen. An die Regeln, die für alle gelten, ist er nicht gebunden, denn er bekämpft die Terroristen »auf seine Art«. In Wahrheit bekämpft er keineswegs die Terroristen. Er ist viel zu sehr damit beschäftigt, das Land auszuplündern. Und diese Plünderung ist es, die er als »Kampf gegen den Terror« ausgibt.
Tsentoroï ist der Mittelpunkt einer Hochsicherheitszone. Um dorthin zu gelangen, muss man eine Reihe von Kontrollpunkten passieren. Erst nach endlosen Überprüfungsprozeduren werde ich zum »Haus der Gäste« geführt. Wohl oder übel warte ich dort sechs, sieben Stunden. Ramsan verspätet sich, erscheint erst bei Einbruch der Dunkelheit, umringt von einer Gefolgschaft bewaffneter Männer, die sich im Raum verteilen. Einige von ihnen verfolgen meine Unterhaltung mit ihrem Anführer und unterbrechen mich unvermittelt und sehr aggressiv.
Ramsan lässt sich in einen Sessel fallen und macht es sich bequem. Er zieht seine Schuhe aus und streckt seine Beine von sich, sodass sie schließlich nur wenige Zentimeter vor meiner Nase liegen, doch dies scheint er nicht zu bemerken. Reizend. Ich weiche ein wenig zurück, bevor ich das Gespräch damit beginne, ihn über seine Ziele zu befragen.
»Wir wollen die Ordnung wiederherstellen«, sagt er. »Nicht nur in Tschetschenien, sondern im gesamten Nordkaukasus. Damit wir jederzeit problemlos nach Stawropol gehen können, oder nach Sankt Petersburg. Wir sind bereit, überall in Russland zu kämpfen. Wir werden uns die Banditen vorknöpfen, wo immer sie sich aufhalten.«
»Wen nennen Sie ›Banditen‹?«
»Maschadow, Bassajew und Konsorten.« (Anm. d. Red.: Die Rebellenführer Aslan Maschadow und Schamil Bassajew wurden inzwischen von russischen Einheiten getötet.)
»Ihre Männer sollen also Maschadow und Bassajew aufstöbern?«
»Sie sollen sie finden und töten.«
»Sie sprechen immer nur von ›töten‹, von ›liquidieren‹. Hat der Krieg nicht schon lange genug gedauert?«
»Natürlich hat er lange genug gedauert! Das haben auch unsere Feinde durchaus verstanden. Der Beweis: 700 Rebellen haben sich meinen Kämpfern ergeben. Jetzt führen diese ehemaligen Widerständler wieder ein normales Leben… Wir wollen, dass auch die anderen diesen sinnlosen Widerstand aufgeben. Aber sie führen weiter Krieg. Und uns bleibt daher nichts anderes übrig, als sie zu liquidieren. […] Aber hättet ihr uns in Ruhe gelassen, dann würden wir Tschetschenen schon längst in Frieden leben.«
»Wer ›ihr‹?«
»Die Journalisten, wie du. Und gewisse russische Politiker. Ihr erlaubt uns nicht, die Ordnung wiederherzustellen. Ihr sät Zwietracht in unseren Reihen. Du zum Beispiel hast dich zwischen die Tschetschenen gestellt. Du bist unser Feind. Für mich bist du schlimmer als Bassajew.«
»Wen betrachten Sie sonst noch als Feinde?«
»Ich habe keine Feinde. Ich jage nur Banditen.«
»Was tun Sie am liebsten im Leben?«
»Krieg führen. Ich bin ein Krieger.«
»Haben Sie schon einmal jemanden mit Ihren eigenen Händen getötet?«
»Nein. Ich erteile Befehle, ich führe sie nicht aus.«
»Haben Sie schon einmal den Befehl gegeben zu töten?«
»Ja.«
»Macht Ihnen das keine Angst?«
»Nicht ich entscheide, sondern Allah. Er sagt uns, dass wir die Wahhabiten töten sollen.«
»Und wenn keine Wahhabiten mehr übrig sind? Gegen wen führen Sie dann Krieg ?«
»Dann werde ich mich um meine Bienen kümmern. Ich habe einen Bienenstock, weißt du. Ich habe auch Kälber. Und Kampfhunde.«
»Haben Sie noch andere Hobbys?«
»Frauen. Ich mag Frauen sehr.«
»Ihre Gattin stört das nicht?«
»Sie weiß nichts davon.«
»Was haben Sie studiert?«
»Recht. Ich bin Jurist.«
»Worüber haben Sie Ihre Abschlussarbeit geschrieben?«
»Das habe ich vergessen. Es ist lange her.«
Der Ton der Unterhaltung wird plötzlich angespannt. Mein Gast beginnt, mich aller möglichen Schandtaten zu beschuldigen. »Du willst, dass wir die Banditen verschonen… Du bist eine Feindin des tschetschenischen Volkes… Du wirst dich für alles verantworten müssen, was du getan hast.« Ramsan macht seltsame Handbewegungen, er schreit immer lauter und springt plötzlich von seinem Stuhl auf. Er benimmt sich wie ein verwöhntes Kind: Immer wieder bricht er in Lachen aus, kratzt sich und fordert dann seine Leibwächter auf, ihm den Rücken zu kratzen, was diese sich zu tun beeilen. Er streckt sich in alle Richtungen, steht auf, führt einige Tanzschritte vor… Seine Antworten werden immer fahriger. Er schmeißt sich in seinen Sessel, springt dann plötzlich wieder hoch: Ihm wurde gesagt, dass er gerade im Fernsehen kommt. Er ist sehr zufrieden. Dann erscheint Putin auf dem Bildschirm. »Was ist der schön!«, ruft Ramsan begeistert. Er sagt, dass Putin den Schritt eines echten Mannes aus den Bergen hat. Unterdessen wird es tiefdunkle Nacht. Ich muss aufbrechen, aber die Stimmung ist sehr gereizt. Schließlich befiehlt Ramsan, mich nach Grosnyj zurückzubringen.
Moussa, einem alten Unabhängigkeitskämpfer, und zwei Leibwächtern wird aufgetragen, mich zu begleiten. Wir setzen uns in ihr Auto. Ich sage mir, dass sie mich in dieser Nacht, auf dieser finsteren Straße voller Kontrollposten bestimmt umbringen werden. Aber nein, das tun sie nicht. Moussa hat offenbar nur darauf gewartet, nicht mehr in der Nähe Ramsans zu sein, um mir sein Herz auszuschütten. Als er beginnt, mir seine Lebensgeschichte zu erzählen, wird mir klar, dass er mich nicht töten wird. Er möchte, dass ich sein Schicksal der ganzen Welt erzähle. Ich werde leben. Aber ich fange an zu weinen. Vor Angst und vor Ekel.
Wie konnte eine solche Zeit aufkommen? Eine Zeit, in der ein Ramsan Kadyrow anderen sein Gesetz diktieren kann? Diese Geschichte ist so alt wie Russland: Der Kreml hat einen kleinen Drachen großgezogen und muss ihn nun regelmäßig füttern, damit er kein Feuer speit. In Tschetschenien hat unser Staat eine monumentale Niederlage erlitten. Eine Niederlage, die unsere Männer an der Macht als einen strahlenden Sieg erscheinen lassen wollen. Das tschetschenische Volk, seinerseits, hat kaum die Wahl. Es muss mit diesem Drachen zurechtkommen, wenn ihm das Leben lieb ist. Der Kreml hat dem rebellierenden Volk gezeigt, dass Protest unter Putin unmöglich ist. Die Mehrheit der Tschetschenen hat klein beigegeben. Jetzt folgt das ganze Land diesem Vorbild.
Auszug aus dem Buch »Douloureuse Russie« von Anna Politkowskaja, Editions Buchet Chastel, Paris 2006
Zum Thema
"Schweigen heißt Mittäterschaft"
-
Ein offener Brief der russischen Journalistin Elena Tregubowa an Kanzlerin Merkel zum Mord an ihrer Moskauer Kollegin Anna Politkowskaja
»
Korruption
-
Anna Politkowskajas letztes Interview (englische Fassung)
»
Anwältin der Tschetschenen
-
Rupert Neudeck zum Tod der Moskauer Journalistin Anna Politkowskaja
»
- Datum 11.10.2006 - 09:09 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.10.2006 Nr. 42
- Kommentare 11
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Der Tod der einen Journalistin ist bedauerlich aber,...
... da ist der Tod des kleinen Kevin aus Bremen!!?
Wir kriegen es noch nicht einmal vor unserer eigenen Tür hin
... da sind die über eine halbe Millionen Toten im Iraq.
unsere Regierung sagt der Täter ist ein GUTER Freund?
und, und, und?
Tja, da sind ein paar Fragen vorher noch zu klären, oder?
Gruß ARON
damals hätte ich mir die gleiche kritische Betrachtung (Volksvertreter, Medien) gewünscht, die jetzt beim Putinbesuch inszeniert wird.
Es gehört schon eine massive Unverfrorenhit dazu, den Tod dieser Frau, die kaltblütig ermordet worden ist mit dem Tod des Bremer Kindes in einen Topf zu rühren.Der Tod des KIndes ist zurückzuführen auf die drogenbedingte Gewalttätigkeit des Vaers, und das Versgen des Gesundheitsystems. Kevin wurde nicht vorsäthlich und kaltblütig geschlachtet. Dies aber widerfuhr aber dieser unerschrockenen FRau. Jemand, den das nicht bewegt wie den Schreiber dieses ziemlich unsäglichen Kommentars, sollte vielleiht doch auf öffentlihe Äußerungen verzichten. Ich glabe zu wissen, dass sich der Scheiber aber in seiner Argumentation gefällt, also schweigt er halt nicht
Vor drei Jahren, als ich Anna Politkovskaja kennenlernte, hier in Berlin, da waren wir fast ganz allein.
Die Pressekonferenz im Bundespressamt in Berlin für ihr Buch "Die Wahrheit über Tschetschenien", war sehr schlecht besucht. Kein einziges Fernsehteam war da. Keine "grosse" Zeitung vertreten. Ich war mit meiner DV-Kamera als einzige da und habe mich geschämt. Mich geschämt für Deutschland, an dem Desinteresse an Tschetschenien und an Russland. Das war 2003.
Haben wir Deutschen nicht aus der Geschichte gelernt? Haben wir sowenig Mut das auszusprechen, was Fakt und Tatsache ist?
Hat Anna nicht ihr Leben dafür gelassen, das Wahrheit Wahrheit ist?
Tschetschenien ist Kriegsverbrechen, Punkt.
Wer das immer noch bezweifelt, der soll endlich die Augen öffnen. Was jetzt mit den Georgiern in Russland passiert ist nicht nur rassistisch. Es ist faschistisch und Punkt.
Heute hat mich die Meldung erreicht, das in Krasnojarsk, eine 4 Mio Stadt in Sibirien aufgrund der Schliessung von Georgischen Geschäften, Schilder in der Stadt hängen. Übersetzt steht auf ihnen:
Beleidigt nicht die Georgier!
Das macht mir etwas Mut.
Wir sind aber leider, wenn ich das hier feststellen darf, Putin drei Schritte hinterher.
Und das macht mir Angst.
Uebrigens woher stammen die meisten maechtigen russischen Politiker? Ehemalige KGB-Diener. Demokratie ist noch ein Traum.
....muß genauso geduldig gearbeitet werden wie vor nicht allzu langer Zeit an der Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich.
mitzuverfolgen, wie hier zusammenhanglos paranoide Verschwörungstheorien mit einem erschütternden Verbrechen in Zusammenhang gebracht werden.
Der Mord an dieser mutigen Frau ist eine Tragödie. Ich hoffe nur, dass dadurch nicht der vorauseilende Gehorsam bei anderen Journalisten gestärkt wird und in Zukunft aus Angst niemand mehr so aus Tschetschenien berichtet. Wobei ich damit schon mehr erwarte, als ich selber geben könnte, denn soweit wie sie hätte ich mich nie nach vorn getraut.
Putin hat in einem recht: Der Tod dieser mutigen Journalistin schadet ihm und seiner Regierung mehr, als es die Artikel dieser Frau je gekonnt hätten.
Doch es bleibt eben seine 'Mitbeteiligung' oder die seines Regierungsapparates an der Installierung der Zustände, die Anna Politkowskaja untersuchte und in vielen Details belegte: Die Mafia-Strukturen rund um Kadyrow und seinen "Sicherheitsdienst des Präsidenten" sind ja auch nach russischem Recht illegal; Anna Polititkowskaja hat ja gerade die Formen einer mörderischen und terroristischen 'Amtsanmaßung' dieser Putin im Tschetschenienkonflikt wohl durchaus genehmen Leute untersucht.
Es bleibt abzuwarten, ob - bei dem vor Angela Merkel abgegebenen Versprechen einer rückhaltlosen Aufklärung dieses Verbrechens - auch dessen vermutliche Basis betroffen sein wird: Es scheint mir allerdings eher so, dass Putin und seine Regierung samt untergeordnetem Apparat nicht so recht verstanden hat, dass ein kritischer Journalismus eben nicht schadet, sondern nützt, weil die, die Russlands Ansehen zutiefst beschädigen, sich und ihre Eigeninteressen in Tschetschenien im Gefolge eines Dienstes für Russland sehen.
Die Arbeit von Anna Politkowskaja schadete nicht: Sie war nützlich und unbedingt nötig. Diese Arbeit in diesem Sinne wenigstens posthum anzuerkennen und für bessere Rahmenbedingungen eines freien Journalismus zu sorgen, wäre die eigentlich angemessene Reaktion auf den Tod dieser großen Frau!
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren