Mir geht der Bilderwitz nicht aus dem Kopf: Von links und rechts strömen massenweise Fußballfans, alle in eine Richtung, mit Kutte und in Kriegsbemalung; nur am Rand steht ein einziger bedröppelter Kerl und fragt den Polizisten: »Wo geht’s denn hier zum Stadion?«

Die Frankfurter Buchmesse kann man nicht verfehlen: Der Weg vom Bahnhof dorthin ist gepflastert mit Menschen. Ich weiß noch, wie ich mit fast heiligem Ernst und naiver Ehrfurcht vor acht Jahren zum ersten Mal die Buchmesse betrat, in der Vorstellung, es gehe um Literatur, um Bücher, ums Lesen. Doch so sehr sich sämtliche Literaturenthusiasten, Lesebesessenen und Buchliebhaber auch ums Buch bemühen, sie haben kaum die Möglichkeit, sich dem Sog der Messe zu entziehen. Denn die Buchmesse ist eine Messe. Punkt. Das Buch wird deklariert mit Haltbarkeitsdatum (mindestens haltbar bis März 2007) und Qualitätssiegel (Stiftung Warentest »sehr gut« bis »ungenügend«). Und wir Autoren? Spielen das Spiel in der Regel brav mit. Denn wir wollen die Dinger ja verkaufen. Wenn man unsere Ware lobend erwähnt in den Literaturbeilagen der Zeitungen, wird im nächsten Klappentext damit geworben; fehlt das eigene Produkt in den Beilagen, heißt es, die Beilagen seien eh nur ein Rezensionengrab; hagelt es einen Verriss, haben wir rasch eine Erklärung parat, weshalb gerade dieser Kritiker oder diese Zeitung uns in die Pfanne haut.

Aufmerksamkeit ist hier nahezu unmöglich

Doch angesichts dessen, was bei diesem Spiel alles auf der Strecke bleibt, gibt es schon einen starken Drang in mir, sich aller Bewertung zu entziehen, die Sehnsucht nach einer ruhigen, quasi buddhistischen Gelassenheit. Also ein bewertungsfreier Raum, in dem man sich rein den Inhalten widmen kann. Nur weiß ich dummerweise nicht: Sind das jetzt Symptome von Spätpubertät oder Frühnirwana? Denn neben dieser Sehnsucht nach Bewertungsfreiheit steht gleichrangig die Angst, dass aus Gelassenheit Gleichgültigkeit werden könnte, die jedwede Begeisterung schon im Keim erstickt. Aber auch ich will ja weiter urteilen dürfen. Auch ich will nicht aufhören müssen zu schwärmen. Auch ich will weiterhin behaupten, das erste Kapitel von Eugenides’ The Virgin Suicides sei der beste Romananfang aller Zeiten. Schön und gut, nur: Was auf der Buchmesse geschieht, ist eine Bewertungszuspitzung zum Etikett und eine Zerstörung von echter Auseinandersetzung: Man krebst in der Hektik des Betriebs zwangsläufig an der Oberfläche herum. Augen zu und durch. Aber vielleicht sollte man endlich aufhören, so zu tun, als ginge es um mehr als ums Geschäft.

Die unmittelbaren Messeveranstaltungen zum Beispiel sind für Besucher und Vortragende oft fürchterlich. Die Atmosphäre ist die des pausenlosen Kommens und Gehens, eine Aura der absoluten Unverbindlichkeit. Im Lesezelt gibt es eine dicke Kordel, die vom Einlasspersonal enthakt wird, um einen neuen Zuhörer reinzulassen, aber nur, wenn vorher ein anderer aus dem vollen Zelt geschlüpft ist. Oder die im Akkord geführten Gespräche auf dem Blauen Sofa: Sie mögen für die Fernsehzuschauer daheim ja interessant sein, aber für die Buchmessenbesucher ist Aufmerksamkeit fast unmöglich. Was man im Fernsehen alles nicht sieht oder hört: die Wolke der konzentrationstötenden Nebengeräusche; die beiden Frauen, die am Rand der Bühne hocken und während des Interviews ungeniert und offen tuscheln, den Rücken zur gerade ins Mikro sprechenden Autorin gedreht; der Mann, der gerade seine Mailbox abhört und anschließend in einer Zeitung blättert. Viele der Zuhörer sitzen nur im Publikum, um endlich mal irgendwo sitzen zu können. Und währenddessen versuchen die restlichen Zuhörer verzweifelt, etwas von dem aufzunehmen, was da vorn auf dem Sofa gesagt wird, aber schaut man ihnen in die Augen, sieht man oft nur kurzes Bemühen, dann kippt ihr Blick schon ins Leere.

Und was ist mit der Blogger-Veranstaltung im Forum Innovation? Die Blogger, so wurden sie von einer Dame vorgestellt, hätten während der Buchmesse fleißig gebloggt. Das Gebloggte werde nun von den Bloggern selbst vorgetragen. Wenn von den zwanzig Zuhörern einer nach dem anderen sang- und klanglos verschwand, mochte das auch daran liegen, dass überhaupt nicht erklärt wurde, was ein Blogger ist und wie ein Blogger zum Blogger wird und was wir von einem Blogger zu erwarten haben. Und wie furchtbar, etwas vorzulesen, während die Zuhörer einfach aufstehen und gehen! Warum tun sich Veranstalter, Vortragende und Zuhörer so etwas überhaupt an?

Und wie, bitte, soll man im Buchmessen-Trubel einem wissenschaftlichen Vortrag folgen, bei dem ein 76-jähriger Diplomingenieur versucht (unter rührenden Bestrebungen, einen PowerPoint in seinen Vortrag einzubauen), die klassische Physik mit der Quantenphysik zu vereinen, indem er das Licht entbündelt und einen einzigen Lichtstrahl zu beschreiben versucht als »schraubenförmig zerdrilltes Feld« mit nicht näher beschreibbarem Zentralstrang? Ist das jetzt ein künftiger Max Planck oder ein belächelter Exot? Immerhin, die Quantenphysik bringt mein Buchmessengefühl auf den Punkt: Irgendwo zu sein, wo ich gleichzeitig nicht bin. Teil einer Masse und zugleich überhaupt nicht da. Es fehlt eigentlich der, den ich sonst als »ich« kenne. Gespräche werden ständig zerbrochen, weil jemand auftaucht mit den Worten: »Ich will ja nicht stören, aber …« Gesprächspartner kommen sich nicht wirklich nahe, weil Blicke jeweils am Gesicht des anderen vorbeigehen, um abzuchecken, ob nicht gerade ein »wichtiger Kontakt« vorbeihuscht, den man nicht verpassen darf.