Auslandsstudium Hier lernen? Nein danke!

Wer gleich nach dem Abi zum Studieren ins Ausland geht, braucht etwas Courage. Doch die zahlt sich aus.

Erasmus-Jahr, Auslandssemester, Sprachkurs – für viele gehört das heute fest zum Studium. Aber es lohnt sich, schon direkt nach dem Abitur die Ferne zu suchen. Zwei junge Deutsche erzählen, warum sie lieber in den Niederlanden und in Schottland studiert haben .

Britta Pielen, 27, Abi 1998 in Bad Münstereifel, Master of Economics und Doctorandus de Economische Wetenschappen 2002 in Maastricht/Niederlande:

Am Anfang dachte ich: Schaffe ich das? War es wirklich eine gute Idee, ins Ausland zu gehen? Die Stadt, in der ich Abi gemacht hatte, lag nur eine Autostunde weit weg, einmal über die Grenze, in der Eifel. Ich saß nicht am anderen Ende der Welt, sondern in den Niederlanden. Aber trotzdem. Ich lernte zu wenig Holländisch, da mein holländischer Mitbewohner perfekt Deutsch sprach. Und mein Studium war zu Beginn sehr stressig.

Während des letzten Schuljahres hatte ich mir auch Unis in Deutschland angesehen, zum Beispiel Passau und Mannheim. Aber Maastricht hatte mich überzeugt. Dort kannst du zwei Abschlüsse gleichzeitig erwerben: den Master und ein Diplom, das nennen die Holländer einen »Doctorandus«. Das komplette Studium ist auf Englisch, als Bestandteil ist ein Auslandsjahr vorgesehen, da war ich in Grenoble.

Das Tempo der Uni hat mich überrumpelt, von der Schule war ich etwas anderes gewohnt. Wir lernten in Gruppen von ungefähr zwölf Leuten, immer am konkreten Fall, problem-based learning heißt das in Maastricht. Es gab keine Semester, sondern Blöcke: zwei Monate Kurs, eine Woche Prüfung. Ein großer Teil des Unterrichts bestand aus Fragen und Diskussionen, welche die Studenten selbst geleitet haben. Es gab nahezu keinen Frontalunterricht. Nach dem ersten Jahr sollte ich ins Hauptstudium kommen, nach vier Jahren abschließen.

Durch den ersten Mathe-Test bin ich prompt durchgerasselt. Zwei-, dreimal darfst du eine Prüfung wiederholen, dann droht der binding study advice. Der bedeutet, dass du das Fach nicht weiterstudieren kannst. Ich schaffte den Mathe-Test im zweiten Anlauf. Doch knapp die Hälfte der Leute, die mit mir angefangen hatten, scheiterten im ersten Jahr. Von 150 blieben 80 übrig.

Schade, denn danach fing es an, richtig Spaß zu machen. In den kleinen Lerngruppen habe ich die anderen Studierenden sehr schnell kennen gelernt: Die meisten kamen aus Deutschland und Holland, gut ein Drittel aus anderen europäischen Ländern und dem Rest der Welt. Das schult unheimlich für eine Arbeit mit internationaler Ausrichtung, in der du täglich andere Sprachen sprichst. Der Druck und das Tempo sind in Maastricht zwar hoch, aber gleichzeitig habe ich mich immer optimal betreut gefühlt. Der Kontakt zu den Professoren und Dozenten war persönlich, direkt, meistens angenehm – und sie sind von ihrer Art zu lehren wirklich überzeugt.

Ich habe viele richtig praktische Dinge für das Berufsleben gelernt: wie ich eine gute Präsentation mache, mit welcher Methode ich mich meinem Thema am effektivsten nähere, wie ich gut, aber trotzdem wissenschaftlich schreiben kann. Das Praktische kommt an deutschen Unis ja manchmal zu kurz. Ein Nachteil ist, dass das Studium in Maastricht Gebühren kostet. Als ich nach vier Jahren meinen Abschluss hatte und zurück nach Deutschland ging, waren viele meiner alten Freunde aus Bad Münstereifel noch mitten im Studium. Da ist mir endgültig klar geworden, wie schnell und konzentriert ich studiert hatte. Seitdem habe ich Maastricht vielen Bekannten empfohlen.

Gleich nach dem Abschluss hat Britta bei Ecologic, dem Institut für Internationale und Europäische Umweltpolitik, gearbeitet. Jetzt schreibt sie ihre Promotion an der Universität Leipzig.

Homepage der Universität Maastricht

Michael Schönstein, 24, Abi 2001 in Kenzingen am Schwarzwald, Master of Arts in Economics and International Relations im Mai 2006 in St. Andrews/Schottland:

Es war »Visiting Day« in St. Andrews, und ich dachte, ich sei wieder in der elften Klasse. 17-, 18-jährige Briten liefen herum, ihre Eltern schätzten ab, ob dies der richtige Platz für ihre Sprösslinge werden könne. Ich, dazwischen, als einziger Ausländer, mit dem Billigflieger vom Kontinent herübergekommen.

Die Studenten zeigten uns stolz ihre Uni: große, alte Granitgebäude, an deren Front der Efeu rankt und in denen du im Winter richtig frierst. St. Andrews liegt direkt an der Nordsee, auf dem Weg von Edinburgh nach Aberdeen. Da pfeift eine gute Brise. Mit den Professoren saßen wir in kleinen Gruppen zusammen, acht, neun Leute vielleicht, ganz in Ruhe, bei einer Tasse Tee, und haben gequatscht. St. Andrews, dachte ich danach, das ist mein Ding.

Ich hätte wohl auch zu Hause in Deutschland studiert, aber damals bot keine Uni mein Fach an. Ich sah mich in Großbritannien um, wo »Internationale Beziehungen« quasi erfunden wurde. Ich bewarb mich bei den Unis, die im Ranking der Zeitungen Guardian und Times die meisten Punkte bekommen hatten. Du brauchst einen guten Schnitt, um da ranzukommen: Nicht 1,0, aber wenn es eine der bekannten Elite-Unis sein soll, muss es schon eine 1,5 sein.

Ein paar Monate später ging es los, an Schottlands ältester und berühmtester Uni. Wieder das gleiche Bild: englische und schottische Fast-noch-Schüler, kaum 18 Jahre alt, das erste Mal weg von zu Hause. Hineingestolpert in St. Andrews, das 18000-Seelen-Städtchen mit 26 Pubs und 6000 Studierenden. Die Hälfte von ihnen Briten und Schotten, die andere aus aller Welt. Die ganz Jungen betrinken sich das erste Mal, in diesen ersten freien Wochen ihres Lebens. Und dann tun sie es noch einmal.

Alle, die möchten, werden in »akademische Familien« aufgenommen. Sie bekommen eine neue Mutter und einen Vater, damit sie sich nicht ganz verloren fühlen. Jemand aus deinem Wohnheim, jemand, der schon länger dort ist. Mit den neuen Eltern lernt man schnell die ganze Familie kennen, also die vielen anderen Studis. Die Eltern helfen auch in das System hinein und geben Tipps für die ersten Prüfungen. Alle 10 Tage hast du Prüfungen: Tests, Präsentationen, Hausarbeiten. Alles zählt für die Endnote. Das klingt hart – aber wenn die Hälfte durchfällt, muss sich der Professor Gedanken machen, nicht wir.

Tagsüber lernen wir zusammen im Seminar, abends treffen wir uns in »Societies«: Debattierklub oder Lesezirkel, Sport-Team, Treff für Studierende aus anderen Ländern, in der »James Bond«- oder »Wine and Cheese«-Society.

Am Ende jedes Semesters kommt das raisin weekend: Die Neuen werden von ihren akademischen Eltern eingeladen zu einer Teeparty. Natürlich gibt es da keinen Tee. Später zieht man durch die Stadt, durch die Uni, der Abend endet mit einer Rasierschaumschlacht im St. Salvator’s Quadrangle, dem Innenhof des ältesten Gebäudes. Alle haben komische Kostüme an und versuchen so lange wie möglich trocken zu bleiben. Ich war ein rosa Elefant.

Im Moment arbeitet Michael im Bundesministerium für Gesundheit, danach wird er an der Hertie School of Governance in Berlin seinen Master in Public Policy beginnen.

Homepage der St. Andrews Universität

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