Auswahlverfahren Dich nehmen wir!

Seit einem Jahr sind die Unis eigenständiger bei der Auswahl ihrer Studenten. Einige setzen auf Eignungstests. Die meisten verlassen sich weiter auf die Noten aus dem Abitur.

Der Test ist so angelegt, dass man in der vorgegebenen Zeit gar nicht alle Fragen beantworten kann.« Falls die Prüfungskommission diesen Satz beruhigend gemeint hatte – im Sinne von: »Macht euch keine Sorgen, wenn ihr nicht alles schafft« –, bei Franziska Klement bewirkte er das Gegenteil: Sie wurde noch nervöser.

Mit über 200 anderen Bewerbern um einen Medizinstudienplatz saß die 19-jährige Erfurterin im August in einem Leipziger Hörsaal. Die Bewerber bekamen unterschiedliche Fragebögen, Aufpasser gingen durch die Reihen – Abschreiben unmöglich. Franziska machte sich daran, in 100 Minuten möglichst viele der 38 Aufgaben zu lösen. Im ersten Teil wurde ihr Textverständnis getestet. Danach musste sie ihre Mathe- und Physikkenntnisse unter Beweis stellen, indem sie Formeln richtig anwendete und Aufgaben zur Prozentrechnung löste. Zu guter Letzt sollte sie Tabellen und Diagramme auswerten. »Völlig fertig« sei sie hinterher gewesen, sagt Franziska Klement, und habe »ein sehr schlechtes Gefühl« gehabt.

Auswahlverfahren wie das der Medizinischen Fakultät in Leipzig gelten als Schritt zur besseren Bewerberauswahl. Seit der Hochschulzugang zum Wintersemester 2005/06 reformiert wurde, werden nur noch 20 Prozent der Plätze über die ZVS nach den besten Abiturnoten vergeben, weitere 20 Prozent nach Wartezeit. 60 Prozent ihrer Neustudenten dürfen sich die Hochschulen nun selbst aussuchen. Eine Superchance für Franziska, nachdem sie mit ihrem Abi-Schnitt nicht auf Anhieb einen Platz bekam – er lag bei 1,1.

Mehr als jeder zweite Studiengang in Deutschland ist zulassungsbeschränkt. Und das kann viel bedeuten. So gibt es sechs bundesweit zulassungsbeschränkte Fächer: Human-, Zahn- und Tiermedizin sowie Pharmazie; außerdem Biologie und Psychologie auf Diplom. Und örtlich zulassungsbeschränkte Fächer. Das ist überall dort der Fall, wo es nur eine begrenzte Zahl an Studienplätzen gibt, aber sehr viele Bewerber.

Bei der ZVS können die Bewerber ihren Wunsch-Studienort angeben

Auf die bundesweit zulassungsbeschränkten Fächer werden die Bewerber zunächst von der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) verteilt. Hier können sich Altabiturienten bis zum 31. Mai bewerben, Neuabiturienten, also alle, die im Jahr der Bewerbung ihr Abi machen, bis zum 15. Juli. Die ZVS leitet die Daten derjenigen, denen sie keinen Studienplatz zuweist, an die Hochschulen weiter. Dabei ist der angegebene erste Ortswunsch – von bis zu sechs – entscheidend. Eine besondere Rolle spielt die ZVS bei der Studienplatzvergabe für Unis und Fachhochschulen in Nordrhein-Westfalen: Dort vergibt sie alle Studienplätze in allen Fächern.

Die Reform hat den Hochschulen mehr Eigenständigkeit bei der Auswahl ihrer Studenten gebracht. Was früher schon in den Fächern Musik, Sport und Bildende Kunst üblich war – Mappen mit Arbeitsproben, praktische Tests und Vorführungen vor einer Auswahlkommission –, steht nun allen Fakultäten offen.

Die Verfahren sind so bunt wie die Hochschullandschaft. Jede Uni hat ihre eigene Methode, um die passenden Studenten für sich zu ermitteln: über studienrelevante Einzelnoten, in Vorstellungsgesprächen, mit Studierfähigkeitstests oder indem sie besonderen Wert auf eine abgeschlossene Ausbildung und auf praktische Erfahrung legen.

Trotz der neuen Möglichkeiten bleiben die meisten Universitäten den alten Kriterien treu: Mehr als 80 Prozent schauen immer noch hauptsächlich auf den Notendurchschnitt im Abiturzeugnis, hat das Hochschul-Informations-System (HIS) ermittelt.

Daneben gibt es vier weitere Formen von Auswahlverfahren :

1) Das Auswahlgespräch

Dabei wird kein Wissen abgefragt; vielmehr geht es darum, die Motivation des Bewerbers und damit den möglichen Studienerfolg einzuschätzen. Ein Auswahlgespräch wird beispielsweise für den Studiengang Pharmazie an der Uni Frankfurt durchgeführt. Allerdings empfehlen die Frankfurter Pharmazeuten, sich parallel über die ZVS zu bewerben.

2) Die Eignungsprüfung

Die medizinische Fakultät der Uni Leipzig wählt als erste in Deutschland ihre Studierenden mittels eines fachspezifischen Studierfähigkeitstests aus. Im ersten Teil wird Textverständnis anhand eines Aufsatzes mit medizinischen Fachausdrücken abgefragt. Im zweiten Teil wird die Rechenfähigkeit getestet, im dritten müssen Diagramme interpretiert werden.

3) Sprachtests

Wie so etwas aussehen kann, lässt sich auf der Homepage der Freiburger Anglisten durchspielen (www.anglistik.uni-freiburg.de). Im Test werden vor allem Fragen der Grammatik behandelt, die Deutschen die meisten Probleme bereiten. Dazu gehören Modalverben, die Bildung von Relativsätzen, der Gebrauch idiomatischer Ausdrücke, Wortstellung, Zeiten und Wortklassen. Dass außerdem auf gute Noten in den letzten beiden Schulhalbjahren in Englisch und Deutsch Wert gelegt wird, liegt auf der Hand. Aber auch gute Mathenoten sind gern gesehen.

4) Abgeschlossene Berufsausbildung

Sie kann – in Kombination mit anderen Faktoren – entscheidend für die Zulassung sein. So verteilt die Uni Heidel-berg an Bewerber für das Studienfach Psychologie Bonuspunkte für dreijäh-rige Berufserfahrung oder eine Ausbildung als Erzieher, Logopäde oder Ergotherapeut.

Ehrenamtliches Engagement kann auch Punkte bringen

Punkten kann man in vielen Auswahlverfahren auch mit außerschulischen Leistungen – vom ehrenamtlichen Engagement bis zur erfolgreichen Teilnahme bei »Jugend forscht«. All diese Verfahren können von den Unis kombiniert werden. Sie erhoffen sich davon, dass sie die Studenten finden, die wirklich zu ihnen passen – und die Zahl der Studienabbrecher dadurch möglichst klein bleibt.

»Im Auswahlgespräch wollen wir die Motivation und die Einstellung des Kandidaten zum Studiengang herausfinden – oder ob er oder sie da blauäugig hineinstolpert«, sagt Sebastian Zinn. Der 22-Jährige saß selbst als Vertreter der Studierenden in einer Auswahlkommission für das Studienfach Pharmazie an der Uni Frankfurt. Gemeinsam mit einem Professor und einem wissenschaftlichen Mitarbeiter führte er halbstündige Gespräche mit den Bewerbern. 250 waren geladen, 160 kamen. Typische Fragen waren: Warum wollen Sie Pharmazie studieren? Wie sind Sie auf Frankfurt gekommen? Aber auch eine Meinung zu übergeordneten Themen wie Studiengebühren kann gefragt sein. Dabei wird nicht die Einstellung dazu bewertet, sondern die Argumentation. »Es geht noch nicht um Fachwissen«, sagt Zinn, »aber einen aktuellen tagespolitischen Überblick über die Gesundheitspolitik sollte der Bewerber haben.«

Das vor einem Jahr erstmals angewandte Verfahren zeitigt bereits Erfolge, berichtet Sebastian Zinn: »Im ersten Semester wird nach drei Wochen eine Klausur geschrieben, um zu gewährleisten, dass die Erstsemester im Labor mit den gefährlichen Chemikalien umgehen können. Vorher lagen die Durchfallquoten bei 70 Prozent. Jetzt sind sie auf 40 Prozent gesunken.«

Zurück nach Leipzig. Franziska Klement war eine von 6754 Bewerbern um einen der direkt von der Uni vergebenen 153 Medizinstudienplätze zum Wintersemester 2006/07. 620 Kandidaten wurden aufgrund ihres guten Abi-Schnitts zur Eignungsprüfung eingeladen. 444 kamen. Franziska konnte schon am nächsten Tag das Ergebnis im Internet abfragen: Sie hatte die Hälfte der Fragen richtig gelöst – Platz 129. Sie ist dabei!

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service