Abi-Streich Forschungsobjekt Abi-Gag

Früher haben Abiturienten Misthaufen vor der Schule abgeladen. Heute ehren sie zum Abschied ihre Lehrer. Ein Interview mit der Forscherin Gabriele Dafft

Wie erforscht man Abi-Gags?

Vom Schreibtisch aus geht das natürlich nicht. Wir waren möglichst oft vor Ort – bei den Vorbereitungstreffen des Abi-Komitees, dem Abi-Gag am letzten Schultag oder beim Abi-Ball. Seit 2001 haben wir an elf Schulen regelmäßige Interviews mit Schülern und Lehrern durchgeführt, mit allen gesprochen vom Schulleiter bis zum Hausmeister. An etwa 50 weiteren Schulen haben wir Telefoninterviews geführt.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

So eine Abi-Feier macht eine Menge Arbeit – und das zu einer Zeit, in der die Schüler schon viel mit Prüfungen zu tun haben. Wir wollten wissen: Warum tun sie sich diesen Stress an? Wie bekommen sie Leistung und Spaß unter einen Hut? Und inwieweit ist das regional geprägt? Abi-Feiern sagen auch etwas über das Verhältnis von Schülern und Lehrern aus und die generelle Einstellung zu Leistung. Die genauen Ergebnisse werden im nächsten Frühjahr veröffentlicht.

Und warum tun die Schüler sich den Stress an?

Sie wollen noch mal so richtig zeigen, was sie können. Der Spaßfaktor steht da natürlich im Vordergrund, aber auch die Tradition ist sehr wichtig. Der Vorgängerjahrgang will ja schließlich übertroffen werden. Spaß, Tradition und Selbstpräsentation, das sind gerade bei uns im Rheinland wichtige Größen, nicht nur im Karneval. Den Schülern ist das einiges wert: Für die Abi-Events geben sie schon mal bis zu fünfstellige Summen aus.

Wie kommen Schüler an so viel Geld?

Eine Schule hat mit Sponsoren ein Börsenmodell ausgehandelt – je höher der Klausurendurchschnitt, desto mehr Spenden. Sponsoring spielt insgesamt eine große Rolle, sei es durch Anzeigen in der Abi-Zeitung oder mit Bierspenden von Brauereien. Vieles kommt hier auch auf typisch rheinische Art zustande, durch positive Klüngelei: Man kennt einen, der einen kennt, der eine Brauerei betreibt. Manche fangen schon in der zwölften Klasse an, Geld zu sammeln, und verkaufen Kuchen bei Schulaufführungen. Wir hatten auch einen Jahrgang, der geschlossen zum Blutspenden gegangen ist, um was dazuzuverdienen.

Was finanzieren die Abiturienten damit?

Ein Jahrgang ließ die Schulleitung per Hubschrauber einfliegen, ein anderer hat die Lieblingslehrer in einer Stretchlimo vorfahren lassen. Oft sind die Abi-Scherze sehr breit angelegte Shows, mit Song-Contests wie in Popstars oder mit einer Olympiade voller Geschicklichkeitsübungen. Das Ziel ist meistens Unterhaltung für alle, auch die jüngeren Schüler sollen ihren Spaß haben.

Es geht also nicht mehr um einen Abi-Streich, eine letzte Rache an den Lehrern?

Ende der siebziger Jahre, als die Abi-Gags aufkamen, hat man vielleicht noch einen Misthaufen auf dem Schulhof abgeladen, als Protest gegen die Institution Schule. Doch das gehört definitiv der Vergangenheit an. Rebellion ist nicht mehr angesagt. Im Gegenteil: Die Schüler möchten etwas leisten und nehmen die Schule eher als Vorbereitung auf eine schwierige Berufswelt wahr. Mit einer großen Feier möchten sich viele bei ihren Lehrern für die Schulzeit bedanken.

Also keine Wasserbomben mehr, kein Verrammeln der Schule?

Ab und zu gibt es das natürlich noch. Aber früher wollten die Schüler auf diese Weise den Unterricht stören, damit möglichst viel ausfällt. Heute sprechen sie sich oft mit den Lehrern und der Schulleitung ab. Dahinter steckt die Erkenntnis: Wenn wir eine gute Show bieten, fällt der Unterricht ja auch aus.

Interview: Sandra Roth

Gabriele Dafft, 36, arbeitet als Wissenschaftlerin im Amt für Rheinische Landeskunde in Bonn und ist Leiterin des Forschungsprojekts Abi-Action beim Landschaftsverband Rheinland

 
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