Der Tisch steht schon. Mit einer Schreibmaschine Marke Optima darauf, solide DDR-Produktion. Davor ein schlichter Stuhl, Sitzfläche und Lehne mit braunem Kunstleder überzogen. Fehlen nur noch Stuhl Nummer zwei und ein Honecker-Bild an der vergilbten Blümchentapete. »Das finden wir auch noch«, sagt Constanze Wicke. Authentisch soll er sein, der Raum für die »Anhörung zum Sachverhalt«, nachinszeniert am Originalschauplatz, mit Originalmobiliar. Viele vermeintliche Schmuggler hatten hier ein großes Problem.

Vom Seminar zur Ausstellung

Zusammen mit 27 Kommilitonen der Leipziger Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur erarbeitet Constanze Wicke, 23, eine Ausstellung zum Thema Zoll in der Gedenkstätte Marienborn, vormals »Grenzübergangsstelle« zwischen der DDR und der Bundesrepublik. Heute rauschen die Autos auf der A2 an Kommandoturm und Kontrollhäuschen einfach vorbei – es sei denn, die Fahrer wollen rasten oder die bestehende Dauerausstellung besichtigen. »Die erweitern wir jetzt«, berichtet Gedenkstättenleiter Dr. Joachim Scherrieble. »Wir lassen bewusst junge Menschen Fragen stellen und die Ausstellung planen. Junge Menschen, die für die Museumsarbeit sensibilisiert sind.« Genauer: Studierende der Museologie im sechsten Semester.

Sie streifen nun durch die Zollbaracken, gedankenverloren oder diskutierend. Sie rücken Tische zurecht und messen Platzverhältnisse aus. Das Projekt ist weit fortgeschritten. Wenn die Finanzierung klappt, soll die Schau am 9. November eröffnet werden, exakt 17 Jahre nach Öffnung der Grenze. »Das hat uns schon ein heftiges Zeitmanagement abverlangt«, sagt Stefan Staeck. »Mit so viel Arbeit hatten wir nicht gerechnet.« Immerhin konnten sie auf ein solides Fundament bauen: Der Historiker Jörn-Michael Goll hatte an der Universität Leipzig seine Abschlussarbeit über die Zollverwaltung der DDR geschrieben.

Das Projektseminar »Ausstellungswesen« erstreckt sich über zwei Semester. Die angehenden Museologen arbeiten gruppenweise an Themen wie Ausbildung der Zöllner, Kontrollablauf, Wirtschaftsfaktor Zoll und Zöllner als kontrollierte Kontrolleure. Zudem haben sie alle Grundsatzaufgaben übernommen. Interviews mit Zeitzeugen mussten geführt, ein Finanzplan und ein Konzept für die Museumspädagogik erstellt werden. Einige kümmerten sich um die Objektrecherche, andere um die Werbung.

»So viel Vertrauen, sich an eine Dauerausstellung wagen zu dürfen, bekommen die Studierenden sonst nicht«, sagt ihre Professorin Gisela Weiß. »Innerhalb von Projektarbeiten entwickelt der eine oder andere Konzepte, aber hier können sie den ganzen Prozess durchmachen – mit den üblichen Hängern und Rückschlägen.« So manche Idee wurde modifiziert, um anschließend geändert und schließlich angepasst zu werden. Das hat den Teilnehmern zu schaffen gemacht, auch denen, die heute begeistert die Röntgenbilder durchleuchteter Koffer ankündigen oder das Fluchtauto in der Abteilung Fahrzeugkontrolle.

Als Ausstellungsmacher werden die meisten angehenden Museologen ohnehin nicht arbeiten – und wollen es auch gar nicht. In ihren beruflichen Vorstellungen hat das Seminar sie mitunter bestärkt. »Ich möchte gern im Depot arbeiten, hinter den Kulissen«, sagt Karina Weiß. »Selber entwickeln muss gar nicht sein.«