Abi Spezial Die ewigen Abiturienten
Ist das Abitur bestanden, bleibt die Freundschaft oft sitzen. Dabei ist es einfacher denn je, Kontakt zu halten: Private Alumni-Netzwerke helfen
Steffen Lohse hatte es geahnt. Kurz vor seinem Abitur am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Hamburg schrieb er einen Zettel, es war eine Warnung: »Du bist froh, dass die Schule vorbei ist. Du sollst später nichts romantisieren!«
Heute, zwölf Jahre danach, ist der Zettel vergilbt und Lohse, 33, muss zugeben: Manchmal, da gerät er zusammen mit den anderen schon ins Schwärmen. Zum Beispiel wegen der Feten. Der vielen Freunde und des Zusammenhalts, der so groß war, dass Lohse nach dem Abitur für seine Klasse ein Netzwerk gründete. Er wollte die anderen nicht aus den Augen verlieren, und das hat er auch nicht getan: Sie plaudern, wenn sie sich treffen, in den Kneipen oder im Internet, sie erzählen von sich. Einer organisiert Promipartys in den USA. Er neckt: »Will jemand die Handynummer von Brad Pitt?«
Kontakt halten zu Mitschülern, ihre manchmal ungewöhnlichen Karrieren verfolgen: Was Steffen Lohse und seiner Stufe gelungen ist, schaffen nicht viele. Oft ist nach dem Abitur plötzlich Funkstille, irgendwann landet im Briefkasten der Eltern (»Wir kennen deine neue Adresse leider nicht«) die Einladung zum zehnjährigen Klassentreffen. Wenn es überhaupt eines gibt. Dort warten dann Essen und Small Talk, beides häppchenweise: »Und, was machst du denn jetzt so?« Dabei ist die Neugier groß, schon lange und insgeheim: Vier Millionen Eintragungen von Exschülern verzeichnet Stayfriends, die größte Freunde-Suchmaschine im Internet. 74 Prozent davon wollen auf diese Weise etwas über ihre Klassenkameraden von damals erfahren, 70 Prozent wollen sie wiedersehen. »Das Interesse erstaunt mich immer wieder«, sagt Geschäftsführer Michel Lindenberg, der selbst, wie er gern sagt, »den Alltag abstreift und in den Nostalgiemodus schaltet«.
Früher war alles gut. Meldet euch. Ich bin erreichbar. Das wollen die meisten mit ihrem Eintrag signalisieren, sagt Lindenberg. Seine und andere Suchmaschinen, die eigentlich eher riesige Datenbanken für Adressen sind, bieten damit die unverbindliche Basisversion fürs Kontakthalten. Wer mehr will, als nur die richtige Anschrift für das nächste Klassentreffen zu hinterlegen, muss mehr tun. Steffen Lohse etwa baute eine passwortgeschützte Homepage mit Nachrichten und Rubriken: Termine, Insiderscherze, eine Datenbank mit 700 Einträgen von mittlerweile vielen Jahrgängen des Gymnasiums – und die Pausenhalle, ein Forum, in dem über den Matheunterricht von früher ebenso geredet wird wie über Brad Pitts Handynummer oder Hoteltipps in Paris. »Viele lesen nur mit«, sagt Lohse, aber das mache nichts. »Es gibt Abseiler und Nostalgiker. Man muss beiden Raum geben.« Wie damals eben, als jeder verschieden war und doch alle zusammenhielten. Überhaupt, um Freundschaften jenseits der Schulbank am Leben zu erhalten, »muss das Gemeinschaftsgefühl vor dem Abitur groß gewesen sein«. Und es brauche jemanden, der die Sache in die Hand nehme, der sich engagiere, immer wieder. »Einer fühlt sich in der Stufe garantiert dazu berufen.«
Beim Abi-Jahrgang 2001 am Humboldt-Gymnasium in Düsseldorf war das Ulrich Vitenius, der 24 Jahre alt ist und gerade in einer Londoner Bibliothek über seiner Master-Arbeit brütet. Wenn er dazwischen aus dem Fenster schaut und an seine Schulzeit zurückdenkt, denkt er an eine starke Truppe: Sie diskutierten in der Schülervertretung und in der Film-AG, spielten Theater und dabei Geld ein für den Abschlussball. Miteinander stellten sie so viel auf die Beine, dass »beim Abi-Ball das Gefühl aufkam, dass es schade ist, wenn nun alles zu Ende geht«. Das Ergebnis der Trennungsangst war www.alhumni.net, ein Ehemaligen-Netzwerk für das gesamte Gymnasium nach dem Vorbild amerikanischer Alumni-Arbeit. Nostalgie gibt es hier auch, aber noch mehr Zukunft: Die Ehemaligen beraten Schüler bei der Berufswahl, organisieren Infoabende, vermitteln Praktika, berichten aus ihrem Arbeitsalltag. Außerdem können die Schüler auf Adressen und Lebensläufe ihrer Vorgänger zugreifen. Mittlerweile zählt das Netzwerk 960 Mitglieder, und Vitenius hat den Verein alumni-at-school gegründet. Er stellt kostenlos Software für ähnliche Netzwerke, damit sein Beispiel Schule macht. Und das tut es. 17 Gymnasien haben sich bereits der neuen Alumni-Bewegung angeschlossen.
Der Spaß kommt dabei für die Ehemaligen nicht zu kurz, obwohl oder gerade weil die Schule hier wieder im Mittelpunkt steht. Sie sehen sich nun öfter, feiern im Sommer im Landschulheim und im Winter den Sieger beim eigenen Fußballturnier. Sogar Campino von den Toten Hosen, ebenfalls ein »Humboldtianer«, wurde schon am Spielfeldrand gesichtet. Sehen und gesehen werden, das ist ohnehin wichtig beim Kontakthalten. »Nur E-Mails schicken? Auf die Dauer viel zu abstrakt«, sagt Steffen Lohse. Man entwickelt sich auseinander, da muss man sich immer wieder neu kennen lernen – und dabei ungeschriebene Spielregeln beachten: Nichts allzu Persönliches erzählen. Nicht jammern. Nicht die anderen danach per Newsletter über die neuesten Karriereschritte informieren. Und bloß nicht prahlen! »Sobald es ein Treffen gibt, spielt es keine Rolle, ob einer Karriere gemacht hat. Wenn er in der Schule die Rolle des Kaspers hatte, hat er sie auch beim Klassentreffen wieder.«
Das größte Problem beim Kontakthalten ist indes verzwickter. »Das ist der Alltag«, sagt Oliver Dröse, er hat 1994 sein Abitur am Hochrhein-Gymnasium in Waldshut am Rande des Südschwarzwalds gemacht. Der Alltag, das sind die neuen Freunde, das Studium, der Beruf. Eigentlich wollte Dröse schon längst die Abi-Website erneuern, die er für seinen kleinen Jahrgang vor fünf Jahren erstellt hat. Und der Alltag ist schuld, dass sie nicht mehr jedes Jahr für eine Klassenfeier zusammenkommen, nur an Weihnachten schauen viele immer noch in der alten Stammkneipe vorbei. Dafür boomt die Gerüchteküche auf der Internet-Seite, »unser dynamischster Bereich«, sagt Dröse. Dass das Interesse irgendwann erlahmen wird, glaubt er nicht. »Mit Mitschülern ist es so wie mit guten Büchern. Man hat angefangen zu lesen – und möchte gern wissen, wie es weitergeht.«
Links zum Thema
Für die Suche nach alten Schulfreunden:
www.stayfriends.de »
Für alle, die an ihrer Schule ein Ehemaligen-Netzwerk aufbauen wollen:
www.alumni-at-school.org »
Mehr zu Bildung und Beruf »
Campus
- Das Studentenmagazin auf ZEIT online »
- Datum 12.10.2006 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.10.2006 Nr. 42
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