Diskothek Der Tod und die Mädchen

DVD: Sofia Coppola erzählt vom Drama des Erwachsenwerdens.

Ein großes Manko der Jugend ist ihre Vergänglichkeit. Immerfort wird sie von der Hoffnung auf ein besseres, aufregenderes Morgen vorwärts ins Erwachsensein getrieben. Vom Glück des Jungseins bleibt bloß Erinnerung zurück: ein wunderhübsches Lächeln, ein Treffen nach der Schule, Händchenhalten und Küsse, ein Hochgefühl namens Liebe. Lauter erste Male. Dann die Enttäuschung, dass jeder dieser Augenblicke unwiederbringbar vorübergeht – Teenager können an solch existenzieller Bedrängnis schier verzweifeln. Und auch von Sofia Coppola wird der Verlust dessen, was Tennessee Williams den »süßen Vogel Jugend« genannt hat, in ihrem Film The Virgin Suicides (1999) mit aller Macht der Melancholie gezeigt.

Ein Vorort von Detroit. Die Einfamilienhäuser stehen Spalier, der Rasen sieht nach frisch gemachten Betten aus. Coppola kennt sich aus mit sanft heranschleichenden Atmosphären: Bereits im Vorspann baut sie eine Diaabend-Idylle aus den siebziger Jahren nach, die auch Jeffrey Eugenides in der gleichnamigen Romanvorlage beschrieben hat. Während das Buch nicht von den Details dieser heimelig-unheimlichen Welt im Kleinen lassen kann, schafft der Film schnell klare Verhältnisse. Die fünf Töchter der Lisbon-Familie, blonde Kalifornien-Feen und als solche von den Eltern strengstens behütet, haben sich umgebracht. Aufgespießt, erhängt, in der Garage mit Gas vergiftet. Zunächst Cecilia, die jüngste von ihnen, und wenige Monate später der Rest der Schwestern. Niemand weiß, warum genau, auch der Erzähler aus dem Off, der sich die Selbstmorde nach 25 Jahren ins Gedächtnis ruft, kommt nicht über Mutmaßungen hinaus. Damals gehörte er zu einer Clique aus Jungs von nebenan, die von der Schönheit der fünf Mädchen wie besessen waren. Seither ist ihr früher Tod ein Rätsel geblieben, zu dem er stets zurückkehren muss.

Sofia Coppola geht behutsam vor. Die Sehnsüchte und Verwirrungen von einst treiben als surrealer Traumstoff durchs Geschehen: ein Zeitlupentanz im Häkelbikini, dazu die weich gezeichneten Nahaufnahmen der jugendlichen Gesichter. Allmählich ziehen Wolken auf über Bilitis- Land, verdichten sich ein paar besonders einschneidende Erlebnisse zum Katastrophenbild der Pubertät. Die Mutter (Kathleen Turner) will ihre Kinder vor den Fliehkräften der Sexualität schützen und sperrt sie deshalb weg. Doch je rigoroser die Mädchen dem Alltag entzogen sind, desto geheimnisvoller und daher begehrenswerter werden sie. Schon schwingt im kleinsten Wimpernschlag von Lux (Kirsten Dunst) ein Versprechen auf mehr mit, das sich der gestandene Highschool-Eroberer Trip Fontaine (Josh Hartnett) prompt auf dem Baseballfeld abholt. Vom Triumph des ersten Mals ist der Weg kurz bis zur finalen Katastrophe.

Tagebuchförmiger Bubblegum-Kitsch oder ein konsequentes Drama vom Erwachsenwerden? Coppola will beides, den Zauber sexuellen Erwachens und die Tristesse danach. Dass diese Balance gelingt, liegt an der lässig aufmüpfigen Grundgestimmtheit, die allen voran Dunst verkörpert. Demnächst wird sie wieder bei Coppola in der Hauptrolle zu sehen sein – als Frankreichs Königin des Pop in Marie Antoinette.

 
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