50 Klassiker der Moderne (42) Brummt, blubbert

John Chownings »vegetative« Klänge der Computerkomposition

Was kann »klassisch« sein in einem Genre, das gerade einmal ein halbes Jahrhundert alt ist? Und kann einem »nützlichen, aber gehorsamen Idioten« eine solche Auszeichnung zukommen? Die Rede ist vom Computer und von Musik, die mit ihm und durch ihn komponiert wird.

Im Anfang war der geplante Zufall. Als Lejaren Hiller Mitte vorigen Jahrhunderts an der Universität von Illinois seine Illiac Suite für Streichquartett »komponierte«, überließ er den Verlauf und die Form einem fast wohnzimmergroßen Computer. Der berechnete – schneller, als ein Mensch es je vollbracht hätte – alle Kombinationsmöglichkeiten eines vorgegebenen Ton-»Materials« und traf am Ende die Entscheidung für eine Version. »Partitursynthese« nennen Insider dieses computergestützte Tonsetzen.Wie aber kommt musikalisches Leben in solche Zahlenmuster?

Der Mathematiker Jean Fourier lieferte als Erster 1811 die Methode zur Analyse komplexester Klänge, indem er sie gewissermaßen in hauchdünne Scheiben schnitt und ihre »Geometrie« sowie ihre Veränderungstendenz vermaß. 1957 dann gelang Max Matthews in den Bell Laboratories ein erstes Computerprogramm für den umgekehrten Weg – die »Klangsynthese« aus additiv geschichteten Sinustönen. Aber noch waren die Rechner zu schwerfällig für eine komplexe künstlerische Arbeit.

Der 1934 in Salem/New Jersey geborene John Chowning, Schüler der Pariser Komponisten-Macherin Nadja Boulanger, Doktor der Komposition in Stanford und dann Mitarbeiter von Matthews , fand schließlich 1967 den genialen Trick, die Klangsynthese mit Hilfe der – uns aus dem UKW-Radio bekannten – Frequenzmodulation zu beschleunigen. Chownings Kombination von Partitur- und Klangsynthese ist von Anfang an auf »vegetative« Klänge gerichtet. Sie »wabern« im Raum, verdichten sich, wandern, mutieren fast unmerklich von scheinbar vokalen zu instrumentalen, von »gezupften« zu »gestrichenen« – wie wenn man heute mit der Maus Objekte auf dem Bildschirm verschiebt, verformt, sich dehnen oder schrumpfen lässt (Sabelith, 1971). Oder sie hüpfen von einer Ecke zur anderen: Punkte, Linien, Flächen; es wispert, brummt und blubbert, klingelt, scheppert und pfeift wie allenthalben um uns herum (Turenas, 1972, der Titel ist ein Anagramm von natures). Chowning hat eine Art »Klangfarbenmelodie« entwickelt, indem er »harmonische« Spektralbereiche ganz unmerklich mit disparaten mischt und wie ein Botaniker neue Klänge »züchtet« (Stria, 1977). Schließlich kehrt er zurück zum Humanen: Die zunächst sauber getrennten »künstlichen« Klänge werden scheinbar durchdrungen von menschlichem »Singen« (oder umgekehrt) – zarte Annäherungen, lyrische Begegnungen, keine Usurpation, nichts will dominieren – alles »geht in ein anderes Blau«.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 12.10.2006 Nr. 42
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    • Schlagworte Musik | Informationstechnik | Computer | Jazz
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