Ausstellung Die approbierten Mörder
Im »Dritten Reich« wurden Hunderttausende behinderter und kranker Menschen getötet. Eine Ausstellung im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden zeigt eindrücklich, wie Ärzte dabei halfen.
Das Kinderbett ist leer. Die graue Matratze trägt weder Kissen noch Decke, weißer Lack blättert von den Stäben des Bettgestells. Graublaue Kacheln dominieren die Wände des Raums. Ihre kühle, glatte Oberfläche bietet keinen Halt und strahlt keine Geborgenheit aus. Sicher nicht für die Kinder auf den acht Fotos, deren Schicksal hier gedacht wird, im eindrucksvollsten Bereich der Ausstellung Tödliche Medizin – Rassenwahn im Nationalsozialismus , die am 12. Oktober im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden eröffnet wird.
Der Raum mit den Kinderbildern ist der dunkelste der Schau. »Die düstere Inszenierung steht für einen Wendepunkt in der Geschichte der Deutschen«, sagt Susan Bachrach, Kuratorin des United States Holocaust Memorial Museums in Washington D.C. Dort war die Tödliche Medizin im vergangenen Jahr erstmals zu sehen. Geht es in der Ausstellung zunächst um die Anfänge der Rassenideologie weltweit, berichten die Exponate ab hier von der Ermordung der Behinderten und Kranken, der Juden und anderen als minderwertig deklarierten Menschen in Deutschland. Auf insgesamt 900 Quadratmeter Fläche wird die Atmosphäre vor allem durch die Beleuchtung geprägt. Und von den Farben der Böden und Wände, die braun, blau, grau, schwarz oder weiß gestrichen wurden. »Die Ausstellung soll Emotionen wecken«, so Bachrach, die eigens zur Eröffnung angereist ist.
Zu Beginn trifft der Besucher auf eine Gestalt, die im Halbdunkel glänzt. Sie reckt beide Arme empor, wie berauscht vom eigenen Körper. Es ist der gläserne Mensch – eine Figur, die zur Zeit des »Dritten Reichs« im Deutschen Hygiene-Museum der Nazipropaganda diente. Gleich zu Anfang des Rundgangs erinnert die Gestalt daran, dass auch an diesem Ort die Ideologie der Nationalsozialisten vermittelt wurde. »Es war darum nicht leicht, die Ausstellungsmacher in Washington von einer Exposition bei uns zu überzeugen«, sagt Klaus Vogel, Leiter des Museums.
Auch das Hygiene-Museum verbreitete damals die Lehren der so genannten Rassenhygiene. Der Brite Francis Galton hatte 1883 den Begriff der Eugenik, der »guten Geburt« geprägt. Die Wissenschaft sollte die Menschheit von ihren Problemen befreien. Forscher wie der Berliner Arzt Otmar von Verschuer suchten bei Zwillingen nach Anzeichen erblich bedingter Kriminalität und geistiger Unterentwicklung.
Hell und steril erscheinen die Ausstellungsräume, die von den Anfängen der Rassenforschung berichten. Graue Kacheln liefern den Hintergrund für zwei Bilder von Verschuer. Auf dem einen bestimmt er die Augenfarbe zweier Jungen, auf dem anderen fotografiert er zwei Mädchen. «Forscher suchten zunächst nur nach Möglichkeiten, Erbkrankheiten zu vermeiden«, sagt Bachrach.
Das änderte sich bald. Nach der Machtergreifung 1933 bezeichnete Adolf Hitler sein Reich als biologischen Staat. Eine Zeichnung zeigt ihn als Arzt, der sich fürsorglich zu seinem Volk hinunterbeugt. In einem dunklen Raum umrahmen blaue Wände den »Führer« beim Hitlergruß; ein Exemplar der neuen Deutschen Ärzte-Zeitung mit Hakenkreuz unterstreicht den Eifer vieler Mediziner, der Doktrin der Nationalsozialisten zu folgen. Schon am 14. Juli 1933 trat das »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« in Kraft. Männer und Frauen, die an einer von neun vermeintlichen Erbkrankheiten litten, wurden fortan zwangssterilisiert. »Wir müssen ein gesundes Volk besitzen, um uns in dieser Welt durchsetzen zu können«, verkündete Propagandaminister Joseph Goebbels. Doch erst zu Kriegsbeginn wagten Hitler und seine Gefolgsleute, auch ihre Mordpläne umzusetzen – an Erwachsenen und Kindern.
Einer der Koordinatoren der Aktionen war Ernst Wentzler, einst angesehener Kinderarzt in Berlin. Reiche Familien und hochrangige NS-Funktionäre suchten mit ihren Kindern bei ihm Rat. Der Pädiater entwickelte einen Brutkasten zur Behandlung von Frühgeborenen, warnte in einem Aufklärungsfilm vor Rachitis als Folge eines Mangels an VitaminD. Wentzlers Porträt hängt in einem hell erleuchteten Raum, nur die schmutzig braune Farbe der Wände erinnert an die dunkle Seite des Mediziners. Während der Kinderarzt sich öffentlich für gesunden Nachwuchs einsetzte, schickte er mit seinen Gutachten heimlich Tausende Kinder in den Tod. Wie kann ein Arzt so etwas tun? »Darauf gibt es keine einfache Antwort«, sagt Bachrach. »Manche von ihnen witterten sicher eine Karrierechance.«
Ärzte und Hebammen erhielten vom Reichsinnenministerium den Auftrag, alle erbkranken oder behinderten Kinder zu registrieren. Von drei Gutachtern bewertet, wurden im Rahmen des »Kinder-Euthanasie-Programms« zwischen 1939 und 1945 rund 5000 dieser Jungen und Mädchen in 30 Kinderfachabteilungen ermordet. Eines von ihnen war Manfred K. Ein Bild zeigt ihn ausgestreckt auf einer Decke liegend, er ist nackt. Von weitem scheint der Kleine in die Kamera zu lachen. Dass er weint, erkennt der Besucher erst aus der Nähe.
Ein graues Kellergewölbe haben die Ausstellungsmacher nachgebaut, in einer Nische Bilder von feiernden Angestellten einer Pflegeanstalt angebracht. In dieser Einrichtung wurden keine Kinder, sondern behinderte oder psychisch kranke Erwachsene getötet. Fast zeitgleich mit den Kindern wurden diese ab Oktober 1939 heimlich erfasst und ihr Nutzen für das Volk berechnet: Die Arbeitsleistung betrage 40 Prozent, lautet der Eintrag auf einem Meldebogen. Wie der Gutachter zu dem Ergebnis kam, ist unklar. »Die Zahlen gaben dem Vorgehen einen wissenschaftlichen Anschein«, sagt Bachrach. In Wahrheit entschieden Ärzte über das Leben der Menschen, ohne sie je zu Gesicht zu bekommen. In den Gaskammern der sechs Euthanasie-Zentren in Deutschland und Österreich starben mehr als 70.000 Frauen und Männer.
Ihre Habseligkeiten wurden verscharrt, nur wenige blieben erhalten. Eine Brille ruht in einer Vitrine, mit blindem Glas und schmalen Bügeln, die verbogen und an einer Seite abgebrochen sind. Ein Kamm, ein Spiegel mit einer Zeichnung des Stephansdoms, ein Becher mit der Aufschrift »Marie«. Daneben ein Foto des Euthanasie-Zentrums Hartheim bei Linz, auf dessen Gelände die Gegenstände gefunden wurden. Auf dem Bild ist Rauch zu sehen; er steigt auf aus dem Krematorium der Anstalt. Ein Nachbar hatte den Moment festgehalten.
Die Aktionen blieben nicht unbemerkt. Manchen Familien wurde mitgeteilt, dass ihr Angehöriger an einer Blinddarmentzündung gestorben war, obwohl man ihm das Organ längst entfernt hatte. Andere begannen Fragen zu stellen, engagierten Rechtsanwälte, um ihre Verwandten zu schützen. Am 3. August 1941 protestierte Clemens August von Galen, katholischer Bischof von Münster, in einer Predigt gegen die Mordaktion. Derart bedrängt, ließ Hitler das Programm 1941 beenden.
Ab sofort wurden die Patienten unauffälliger, in unzähligen Pflegeanstalten des gesamten Reichs umgebracht. Davon erzählt ein Brief von Ernst P. aus der Provinzialheilanstalt Warstein, der sich am 3. September 1943 bei seiner Mutter für ein Paket bedankt: »Der Inhalt, 2 Pfund Äpfel und eine faule, matschige Masse von stinkendem Birnenmus, wurde mit Heißhunger überfallen.« Die Patienten seien hierher verlegt worden, »damit man uns in dieser wenig bevölkerten Gegend unauffällig verhungern lassen kann«. Die Post wurde vom Anstaltspersonal abgefangen und liegt nun in einer Vitrine der Ausstellung neben einem Foto des Toten. Bis 1945 starben schätzungsweise 200.000 Menschen. Oft ließ man sie – wie Ernst P. – mit Hilfe ausgeklügelter Diätpläne langsam verhungern.
Gleich neben den Dokumenten liegt Millimeterpapier, auf dem Tabellen und Grafiken eingetragen sind. Mit Buntstiften rot, blau, grün ausgemalt, bilden sie die einzigen Farbtupfer im grauschwarzen Raum. Bis ins Detail erläutern die Daten, welche Menge Nahrungsmittel allein die Ermordung der 70.273 Menschen des Euthanasie-Programms eingespart hatte: Bei einer Lebenserwartung von zehn Jahren waren es 13.482.440 Kilogramm Fleisch und Würstchen und 4.216.440 Kilogramm Butter.
Doch nicht nur die Kostenersparnis verbuchten die Nationalsozialisten als Erfolg ihres entsetzlichen Programms. Das Personal, welches bis 1941 heimlich Patienten vergast hatte, setzte sein Wissen später in den KZs ein. Und Ärzte wie Josef Mengele beließen es nicht bei der Tötungsroutine und gingen so weit, mit Gefangenen zu experimentieren. Dem berüchtigten Mediziner ist ein eigener Raum gewidmet. Boden und Wände sind mit weißen Kacheln überzogen, die Lampen verbreiten ein grelles Licht. Hier fließt alles zusammen – die Rassenideologie, die Brutalität, die Tödliche Medizin .
- Datum 11.10.2006 - 07:09 Uhr
- Quelle DIE ZEIT 12.10.2006 Nr. 42
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Es ist mal wieder erstaunlich, wie ein sehr düsteres Kapitel, was nahezu die Gesamtheit der deutschen Bevölkerung betroffen hat, dazu genutzt wird, alleinig die Ärzte zu diskreditieren. Ein übles und einseitiges Geschmiere, welches der Aussage und der Bedeutung der Ausstellung nicht näherungsweise gerecht wird. Zum Glück ist die Berichterstattung in anderen Medien umfassender und ideologisch weniger vorbelastet als in diesem "Artikel"...
....und wie viele dieser Mediziner kamen nach Gründung der Bundesrepublik in "Amt und Würden"...........
viel geändert hat sich nicht.
alleine nach 1974 sind ca. 8.000.000 kinder vom brd-system getötet worden.
ob ein kind vor, oder nach der geburt getötet wird, macht kein unterschied.
und wie eine gesellschaft, welche ganz selbstverständlich im industriellen masstab kinder tötet, mit dem immer grösser werdenen teil der alten, kranken und bald auch zum grossen teil mittellosen menschen umgehen wird, kann man sich ja vorstellen.
fragt sich nur, wie man das nennen wird. das wort euthanasie ist ja schon von den bösen nazis bisbraucht worden.
oder wie die kampagne zur vorbereitung der rentervernichtung wohl lauten wird?
anstatt mein bauch gehört mir, die rentenbeiträge gehören mir?
auf die Vorreiterrolle der USA in der Eugenik ein?
Lothrop Stoddards Ideen von der nordisch reinen USA, oder das von Charles Davenport finanzierte Cold Spring Harbor Laboratory zur Eugenik-Forschung wurden wohl nicht beleuchtet?
Die Zussamenarbeit mit der American Breeders Association ist wohl auch egal?
Und die Zwangssterilisations-Gesetze aus 33 Bundesstaaten interessieren auch nicht? Auch nicht das das US Rassengesetz von den Nazis ins Deutsche übersetzt wurde und sogar teilweise den Grundstock für die Nazi-Gesetze bildete?
Das die US Gesetze bis in die 1970er angewand wurden und damals noch Tausende Indianerinnen zwangssterilisiert wurden ist auch nicht Gegenstand der Ausstellung? Das Utah bis 2003 noch derartige Gesetze hatte ist auch ignorierbar?
Beeindruckend wie einäugig die Ausstellung ist.
Zum Abschluss noch ein Zitat von Davenport:
"Wenig später verfolgte Davenport unverblümt rassistische Ziele: "Wir haben in diesem Land", verkündete der promovierte Biologe, "das schwierige Problem des Negers - einer Rasse, deren geistige Entwicklung weit hinter der des Kaukasiers zurückgeblieben" sei. Um eine denkbare Vermischung beider Rassen schon im Ansatz zu verhindern, empfahl Davenport den "sofortigen Export der schwarzen Rasse". Andernfalls könne es so weit kommen, "dass unsere Nachkommen das Land den Schwarzen, Braunen und Gelben übergeben und um Asyl in Neuseeland bitten müssen"."
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