Es ist wie die Reise in einer Zeitmaschine: Ein Blick auf den Stand der Schmerztherapie in Deutschland – und schon wähnt man sich im Mittelalter. Die Versorgung von Menschen mit chronischen Schmerzen ist desolat. Zwar gibt es gut wirksame Medikamente, doch in Deutschland müssen Schmerzpatienten ihr Leid viel zu lange ertragen. Im Durchschnitt vergehen fünf Jahre, bis sie eine richtige Schmerztherapie erhalten. BILD

Das ist viel zu spät. Bis dahin hat sich die Pein längst fest ins Schmerzgedächtnis eingebrannt, ist der Schmerz nicht mehr das Symptom eines anderen Leidens, sondern selbst zu einer Krankheit geworden. »Die Fortschritte in der Therapie kommen beim Patienten nicht an«, klagen die Spezialisten auf dem Deutschen Schmerzkongress, der gerade in Berlin begonnen hat. Um ihre Interessen besser durchzusetzen, haben sie nun die Gründung des Berufsverbands der Schmerztherapeuten beschlossen.

Für die neue Lobby gegen den Schmerz gibt es Arbeit genug: Zwar gelang im vergangenen Jahr ein wichtiger Schritt zur Anerkennung der Disziplin. Erstmals wurde die Schmerztherapie in die Leistungsverzeichnisse für alle Kassenpatienten (EBM 2000 plus) aufgenommen. Allen gesetzlich Versicherten steht seither eine angemessene Behandlung zu. Doch gleichzeitig schrumpften die Vergütungen für Schmerzspezialisten auf ein Niveau, das die Kosten der Therapie kaum decken kann. Vor allem, wenn bei der Behandlung Ärzte mit Psychologen und Physiotherapeuten zusammenarbeiten sollen.

Das nämlich ist ein Ziel der Schmerztherapeuten. Sie wissen seit Jahren, dass zum Beispiel bei Rückenschmerzen die psychische Belastung, der Arbeitsalltag und die familiäre Situation eine große Rolle spielen. Nur wenn den Betroffenen von allen Seiten geholfen wird, bringt die Therapie langfristig Erfolg. Derzeit gibt es diese interdisziplinäre Zusammenarbeit im niedergelassenen Bereich nur durch Eigeninitiative der Ärzte, speziell vergütet wird sie nicht.

Die Kosten sind jedoch nur das eine große Problem. Das andere ist die unzureichende Ausbildung vieler Ärzte. Noch immer ist die Schmerztherapie nur Wahlfach im Medizinstudium, auch in der Weiterbildung der meisten Fachdisziplinen kommt sie als Pflichtfach nicht vor. Nicht einmal Krebsärzte müssen die speziellen Therapieschemata kennen. Dabei leiden mehr als 50 Prozent der Tumorpatienten an Schmerzen, im letzten Lebensjahr sogar 70 Prozent. Es kommt vor, dass nach einer Chemotherapie zwar der Tumor geschrumpft ist, der Betroffene jedoch – als Folge der Behandlung – entsetzliche Schmerzen erleidet. Da wähnt man sich nicht mehr im Mittelalter. Die Schmerztherapie bei Krebspatienten befindet sich in der Steinzeit.